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SA-CD JEAN SIBELIUS: LUONNOTAR, TAPIOLA, Suite aus PELLÉAS och MÉLISANDE, RAKASTAVA und VARSANG – LISE DAVIDSEN; EDWARD GARDNER leitet das BERGEN PHILHARMONIC ORCHESTRA; Chandos

05.08.2021 | cd

SA-CD JEAN SIBELIUS: LUONNOTAR, TAPIOLA, Suite aus PELLÉAS och MÉLISANDE, RAKASTAVA und VARSANG – LISE DAVIDSEN; EDWARD GARDNER leitet das BERGEN PHILHARMONIC ORCHESTRA; Chandos

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Nach der hervorragenden CD mit Orchesterliedern von Jean Sibelius, gesungen vom Bariton Gerald Finley, legt Edward Gardner mit dem Bergen Philharmonic Orchestra nun in Sachen Sibelius kräftig nach. Auf dem neuen, teils schon 2018 aufgenommenen Album schlüpft die junge Lise Davidsen in die Rolle des Naturwesens „Luonnotar“, einer einsamen Tochter des Himmels, die zum Meer niederstieg und 700 Jahre lang auf den Wellen surfte, bis ein Sturm sich erhob. Der der Geschichte zugrundeliegende universelle Erschaffungsmythos dreht sich um ein kosmisches Ei, das im Unwetter zerbricht und aus dessen Teilen Himmel und Erde entstehen. Diese 1913 komponierte symphonische Dichtung mit Gesang zählt zu den kühnsten Kompositionen des finnischen Komponisten. Wie es zuvor nur Gwyneth Jones in der 1970 für EMI mit dem London Symphony Orchestra unter Antal Dorati entstandenen Referenzaufnahme vermochte, zeichnet auch Lise Davidsen mit ihrem unerschöpflichen Sopran in hochdramatischer Erregung die verzweifelte Suche der Ente um einen passenden Brutplatz nach. Den findet sie schließlich unter dem Knie der Jungfrau der Lüfte.

„Weit verbreitet stehen sie, die dämmerigen Wälder des Nordlands. Uralt, geheimnisvoll, in wilden Träumen grübelnd; in ihnen wohnt des Waldes mächtiger Gott und im Dunkel ersinnen Waldgeister magische Geheimnisse.“ So steht es am Beginn der Partitur der 1926 geschriebenen Tondichtung „Tapiola“, Op. 112. Sibelius sieht sich mit dieser im Vergleich zur Symphonie freieren Form im direkten Fahrwasser von Franz Liszt. In der Walderzählung „Tapiola“ hören wir das „geheime Leben des Waldes in seinen einsamen und dunklen Momenten, in seinen plötzlichen Stürmen und ausgelassenen Lüften. Aus einer einzelnen thematischen Keimzelle erwächst eine Vielzahl von Motiven, die wiederholt, variiert und wiederverwertet werden.“

Lise Davidsen ist wieder die mit brokatenen Stimmfarben prunkende Solistin in der Suite aus „Pélleas och Mélisande“, Op. 46. Sibelius griff Maurice Maeterlincks symbolistischen Text rund um eine opake Dreiecksbeziehung im mittelalterlichen Königreich Allemonde wie seine Kollegen Debussy, Fauré und Schönberg auf. Sibelius verdichtet die ursprüngliche Bühnenmusik (sieben instrumentale Zwischenspiele, zwei Melodramen und ein Lied) auf acht Instrumentalsätze, von denen ein einziger Satz, und zwar „Die drei blinden Schwestern“ (Mélisandes Lied aus dem dritten Akt) im Original mit Gesang konzipiert war. In der reinen Instrumentalfassung wird der Vokalpart durch eine Klarinette ersetzt.

Die Instrumentalsuite „Rakastava“ („Der Liebende“), Op. 14 verfasste Sibelius mit 28 Jahren. Es geht um die Einsamkeit, Melancholie eines Liebenden, aber auch um Verwandlung, Glorifizierung der Angebeteten und Abschied. Mit der Improvisation für Orchester, dem Frühlingslied „Varsang“, Op. 16, ist auch ein Jugendwerk im Programm, das 1894 als Vorbote für künftige Meisterleistungen um seinen Rang focht.

Neben der vorzüglichen Solistin beherrscht vor allem das atmosphärisch ungemein intensive Bergen Philharmonic Orchestra die „Bühne“. Dessen Chefdirigent Edward Gardner, ab September 2021 Chef des London Philharmonic Orchestra, versteht es, den Tondichtungen des Jean Sibelius nicht nur mit romantischem Klang gerecht zu werden, sondern vor allem artikulatorisch-akurat die mythischen Inhalte mit dramatisch lautmalerischer  Aktion zu füllen.

Fazit: Eine ideale CD in audiophiler Qualität, um Sibelius, der sich mit seinen Tondichtungen eindeutig als der bessere Liszt empfiehlt, wieder zu entdecken. Edward Gardner ist ein Dirigent, den man sich gut merken sollte. Er zählt sicher zu den Spitzenmusikern seiner Generation, was diese CD erneut eindringlich unter Beweis stellt

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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