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ROTTERDAM / De Doelen: „SOUL OF THE SILK ROAD“ – Sinfonia Rotterdam unter Murat Cem Orhan mit Can Çakmur und Mehmet Ali Sanlıkol

02.03.2026 | Konzert/Liederabende

ROTTERDAM / De Doelen: „SOUL OF THE SILK ROAD“ – Sinfonia Rotterdam unter Murat Cem Orhan mit Can Çakmur und Mehmet Ali Sanlıkol

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Foto: Sinfonia Rotterdam

Die Sinfonia Rotterdam wagte unter Gastdirigent Murat Cem Orhan im Grote Zaal des De Doelen einen Konzertabend ohne westlichen Kanon – und gewann. Mit dem türkischen Pianisten Can Çakmur und dem Multiinstrumentalisten Mehmet Ali Sanlıkol erklangen Werke von Fazıl Say und Sanlıkol, die neunzig pausenlose Minuten lang vorführten, welches klangliche Potenzial jenseits des Standardrepertoires auf Entdeckung wartet.

Zunächst verdiente die Programmplanung Beachtung. Was die Sinfonia Rotterdam an diesem Abend aufbot, war durchdacht kuratiert: Fazıl Says Klavierkonzert Nr. 2 „Silk Road“ (1994) als Eröffnung, Mehmet Ali Sanlıkols viersätzige Sinfonie A Gentleman of Istanbul (2018) als Herzstück, Says Kammersinfonie in niederländischer Erstaufführung als Abschluss. Heraus kam ein Abend, der mit Selbstverständlichkeit vorführte, was geschieht, wenn ein Orchester das gesamte Repertoire ernst nimmt, das im 21. Jahrhundert zur Verfügung steht.

Can Çakmur, Jahrgang 1997, eröffnete den Abend am Flügel mit Says „Silk Road“. Say hatte das Stück mit 24 Jahren in Berlin komponiert, nach intensivem Studium von zahllosen Aufnahmen orientalischer Musik im Völkerkundemuseum. Ein Kontrabass, räumlich vom Ensemble getrennt aufgestellt, hält einen Bordunton auf Cis – die Grundierung, über der sich die imaginäre Klangreise von Tibet nach Anatolien entfaltet. Çakmur präpariert den Flügel mit Papier und Geodreieck, erzeugt Resonanzen, die an Gamelan erinnern, und entlockt den Bassregistern einen rauen, körnigen Sound. Die polymetrischen Verdichtungen im weiteren Verlauf bewältigt er mit einer Souveränität, die aufhorchen ließ. Sein pianistischer Zugriff vereinte analytische Präzision mit ausgeprägter Sinnlichkeit – eine Kombination, die sich bei dieem Pianisten mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit und Frische einstellt – und was bestens Says Musik passte, die ihrerseits zwischen kühler Konstruktion und klanglichem Überschwang oszilliert. Ein Pianist, den man im Auge behalten sollte!

Die Sinfonia Rotterdam begleitete aufmerksam und klangschön. Besonders die aus der türkischen Musiktradition hervorgehenden Legato-Phrasierungen gelangen dem Streichorchester mit warmem, intensivem Ton – eine Qualität, die dem gesamten Abend zugutekam.

Sanlıkols A Gentleman of Istanbul: Sinfonisches Porträt eines osmanischen Kosmopoliten

Mit dem Auftritt Mehmet Ali Sanlıkols verschob sich die Tektonik des Abends grundlegend. Sanlıkol, Grammy-nominierter Komponist, Multiinstrumentalist und Professor am New England Conservatory in Boston, zählt zu den interessantesten Figuren im Grenzgebiet zwischen westlicher Konzertmusik, Jazz und osmanischer Tradition. Sein Werdegang ist aufschlussreich: Als Jazzpianist in Boston gestartet, entdeckte er erst in der Ferne die türkische Musiktradition für sich und investierte anschließend ein ganzes Jahrzehnt, um diese von innen heraus zu erlernen – Hunderte von Konzerten, Studium der Makam-Systematik, der Ney-Spieltechnik, der osmanischen Hofmusik. Erst danach begann er wieder zu komponieren.

A Gentleman of Istanbul, seine viersätzige Sinfonie für Streichorchester, Schlagzeug, Klavier, Oud, Ney und Tenor, wurde 2017 vom Bostoner Kammerorchester A Far Cry in Auftrag gegeben und 2023 für einen Grammy nominiert. Das Werk zeichnet ein musikalisches Porträt des osmanischen Reisenden Evliya Çelebi (1611–ca. 1682), dessen zehnteiliges Seyahatname zu den umfangreichsten Reisebeschreibungen der Weltliteratur zählt. Die vier Sätze – I. Clocks and Bells of Vienna (Allegro), II. Death of Kaya Sultan (Jazz Ballad), III. Vegetarian Dervishes (Semai), IV. Alexander the Great (Devr-i Kebir and Vivace) – zeigen Sanlıkols kompositorisches Prinzip: Musikalische Sprachen werden als gleichberechtigte Systeme behandelt, die koexistieren.

Das klingt auf dem Papier nach Theorie. Im Konzertsaal klang es nach Musik. Der zweite Satz, eine Jazz-Ballade von beachtlicher Tiefe, kommt aus dem gleichen emotionalen Grund wie die osmanische Trauer, die sie besingt – man denkt an Chet Baker, an eine Verwandtschaft über kulturelle Grenzen hinweg. Im Saal stellt sich reglose Stille ein. Die Vegetarian Dervishes legen einen gleichmäßigen Orchesterpuls unter filigrane Ney-Improvisationen – die Assoziation des Derwisch-Rundtanzes stellt sich wie von selbst ein. Im Schlusssatz rezitiert Sanlıkol Koranverse, und die Passage fügt sich bruchlos ins Werk, weil dieses verschiedene kulturelle Wirklichkeiten als Schichten einer gemeinsamen Geschichte begreift.

Sanlıkol wechselt auf der Bühne zwischen Klavier, Oud und Ney, tritt als Sänger und Rezitator in Erscheinung – und das alles mit einer Selbstverständlichkeit, die ganz im Dienst der Musik stand. Ein Musiker, der mehrere Sprachen spricht und an diesem Abend alle gleichzeitig brauchte. Besonders hängen blieben die mikrotonalen Passagen: Intervallschritte, die in der temperierten Stimmung des westlichen Klaviers schlicht nicht existieren und hier eine Spannung erzeugen, die zugleich fremd und merkwürdig vertraut wirkt. Sanlıkol, der am New England Conservatory ein digitales mikrotonales Keyboard mit 17 Tasten pro Oktave entwickelt und patentiert hat (US Patent 12,334,044), denkt über solche Dinge systematisch nach. Die Instrumente des Westens, so seine These, seien nicht neutral – sie seien ideologisch. Nach einem Abend wie diesem klang das ziemlich plausibel.

Als bündele sie den gesamten Abend in einem Schlussbild, geriet Fazil Says Kammersinfonie zu einem Finale, wie es überzeugender nicht hätte sein können. Der 7/8-Takt Devr-i Hindi treibt die Musik voran, polyphone Figuren reagieren wie chemische Formeln aufeinander, das Streichorchester spielt mit einem satten, durchhörbaren Klang, der bisweilen eine fast rockige Energie entwickelt. Brücken von türkischen Spurenelementen in die europäische Frühmoderne, Temperament und Konstruktion in einem – Says Musik packt zu.

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Foto: Sinfonia Rotterdam

Dirigent Murat Cem Orhan als musikalischer Leiter und Moderator

Gastdirigent Murat Cem Orhan, künstlerischer Leiter am Cemal Reşit Rey Konzertsaal in Istanbul, leitete die Sinfonia Rotterdam mit sicherer Hand und sorgte für klangliche Homogenität über die drei stilistisch durchaus unterschiedlichen Werke hinweg. Zwischen den Stücken übernahm er die verbale Kontextualisierung – locker, fundiert, mit der Glaubwürdigkeit eines Musikers, der sein Repertoire kennt.

Der lebhafte Applaus des Publikums war das eine – noch mehr Gewicht im Rotterdamer de-Doelen-Saal hatte die reglose Stille des konzentrierten Zuhörens, das sich immer wieder während des Abends einstellte. Es ist die Stille von Menschen, die etwas Neues hören und unbedingt weiterhören wollen.

Fazit: Dieser Abend zeigt, was geht, wenn Musik zum Botschafter für kulturelles Miteinander jenseits ideologischer oder politischer Grenzen wird. Die eigentliche Frage bleibt, warum solche Programme dem Publikum so selten angeboten werden.

Stefan Pieper

Konzert: „Soul of the Silk Road“, 28.02.2026, De Doelen, Rotterdam

Orchester: Sinfonia Rotterdam Dirigent: Murat Cem Orhan

Solisten: Can Çakmur (Klavier) Mehmet Ali Sanlıkol (Klavier, Oud, Ney, Gesang)

Programm:

  1. Fazıl Say – Klavierkonzert Nr. 2 „Silk Road“ (1994)
  2. Mehmet Ali Sanlıkol – A Gentleman of Istanbul (2018)
  3. Fazıl Say – Kammersinfonie (NL-Erstaufführung)
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