„Troppa luce è di fuor e troppo primavera” – Madama Butterfly am Teatro dell’Opera di Roma, Dernière der Seria am 24.06.2023
Wie weit kann die Suche nach Geborgenheit, die Sehnsucht nach Glück und die Liebe für einen Menschen gehen? Und wie sehr kann sie in Selbstaufgabe einer Person enden, wenn diese Suche, dieses Sehnen und dieses Bedürfnis nach Liebe nicht erfüllt wird? Mit dieser Frage beschäftigt sich Giacomo Puccinis Madama Butterfly, die Àlex Ollé 2015 in einer neuen Inszenierung an das „Teatro Costanzi“ brachte. Nun erfuhr die Produktion eine Wiederaufnahme und zweifelsohne muss gesagt werden, daß die Inszenierung das Werk in seiner Drastizität noch weiter unterstützt. Hr. Ollé bedient sich dabei eines Tricks, denn er verlegt die Zeit in dem das Werk spielt vom Jahr 1900 auf die 1950er Jahre. Wir befinden uns also nicht in der Meiji-Periode Japans, in der eine Öffnung gegenüber dem Westen und eine Anpassung an das europäische Wirtschaftssystem stattfand, sondern in der zweiten Hälfte der Shōwa-Periode, in der unter US-amerikanischer Dominanz das im Weltkrieg besiegte Japan als Vorposten gegen den Kommunismus in das westliche Bündnissystem integriert und im Rahmen des US-Hilfsprogramms GARIOA ein außerordentliches Wirtschaftswunder durchlebte – und deren Hilfen zugunsten der USA in Rechnung gestellt wurden. Dies ermöglicht es Ollé einerseits, die amerikanische Dominanz, die Puccini in dem Werk aufzeigt, noch stärker darzustellen und dieses andererseits mit Mitteln zu tun, die näher an unserer heutigen Lebensrealität sind, als die Rahmenbedingungen von 1900.
So zeigt der erste Akt eine unberührte japanische Landschaft auf den Hügeln um Nagasaki, in welcher die Hochzeit von Pinkerton und Cio-Cio-San aufgebaut wird. Ein Detail vor Beginn des ersten Aktes lässt ahnen, daß diese Idylle bald gestört wird, denn ein Landvermesser führt seine Arbeit durch und noch ist nicht klar, ob dies dem Bau des Hauses von Butterfly und Pinkerton gilt. Doch zunächst sind wir verzaubert von den Rot und Weiss Tönen, welche die kunstvollen Kostüme prägen und der imposant gestalteten Kulisse, die sich erst bei genauerem Hinschauen als digitaler Bildschirm entpuppt. Die damit aufgebaute, fast schon kitschige Idylle wird nur durch den Auftritt von Onkel Bonze gestört. Dieser tritt hier nicht als Priester auf, sondern als Yakuza-Boss. Die im Schlepptau befindlichen Schläger zerstören die Hochzeit im wahrsten Sinne des Wortes, die Hochzeitsgäste verstecken sich und fliehen vor der Gewalt. Auch hier gelingt Herrn Ollè eine kluge Anpassung an das Japan der 50er Jahre. Das Land hat bereits eine erste Industrialisierung hinter sich, die Anpassung an den westlichen Lebensstil ist im vollen Gange und die Vorgeschichte Cio-Cio-Sans als Geisha wird hier in den kriminellen Kontext der japanischen Halbwelt gestellt. So sehen wir auch die Tätowierung Butterflys am Ende des ersten Aktes, einen gigantischen, ihren vollständigen Rücken bedenkenden Schmetterling, wobei erwähnt werden muss, daß in Japan ab 1720 Tätowierungen zur Brandmarkung Krimineller und Prosituierter eingesetzt wurden, wodurch diesen eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft verweht war. Als Resultat bildete sich die eigene Gesellschaftsschicht der Yakuza mit ihren eigenen Regeln und Kodizes. Pinkertons Heiratsantrag ist für Butterfly also nicht nur ein Zeichen der (eingebildeten) großen Liebe, sondern auch als Rettungsanker für Cio-Cio-San zu verstehen, welche durch ihn aus dem kriminellen Millieu der Prostitution und der Abhängigkeit von den Yakuza befreit und vor den Übergriffen des Sakuza Bonzen und seiner Schlägertruppe geschützt wird. Die USA erscheinen somit in der Person Pinkertons, der hier als Geschäftsmann und nicht als Navy-Offizier dargestellt ist, als Befreier, Beschützer, Heilsbringer, Verkünder westlich-christlicher Werte, Überbringer von Wohlstand und Wegweiser in eine strahlende, bessere Zukunft.
Als Einakter würde Madama Butterfly mit einer Nacht der Liebe und den verführerischen Bildern einer japanischen Sommernacht enden, doch wir wissen, dass es hier kein Happy End geben wird. Nach der Pause ist die landschaftliche Idylle verschwunden. Im Hintergrund sehen wir Stahlträger an denen kontinuierlich Hochhäuser gnadenlos in den Himmel wachsen. Kolosse aus Stahl die wie Zeigefinger mahnend in die Luft ragen und unbarmherzig an die Taktung des neuen Lebens anmahnen. In ihren zellenartigen Wohnungen pferchen sie die Menschen in quadratische Wohneinheiten, in die sie am Ende des 2. Aktes während des Summchors müde und trist von ihren Arbeitsstellen zurückkehren. Butterfly lebt nun in einer schäbigen Baustellen-Baracke, über der eine Werbetafel der „Pinkerton Construction Company“ prangt. Uns wird klar, daß dieser Pinkerton nicht nur an Butterfly interessiert war. Er strebt nach dem großen Geld, welches neue Wohnungsbauten in Nagasaki versprechen. Der strahlende Heilsbringer hat sich als Raubtierkapitalist entpuppt, der nur am eigenen Wohlergehen und seiner Bereicherung interessiert ist. Butterfly war nur ein Zeitvertreib, sie ist tatsächlich zu einem aufgespießten Schmetterling geworden, der nun vergessen und zurückgelassen in einer Ecke verstaubt. Die ohnehin große Traurigkeit dieser Situation, in die wir bereits mit der Aria Pinkertons im 1. Akt eingeweiht sind, wird durch die Drastizität des industriellen Set-Ups von Herrn Ollè noch einmal intensiviert.
Und auch Eleonora Buratto steigert dieses tragische Dilemma durch ihre Performance noch um eine weitere Stufe: Ihre schon naive-jugendliche Hoffnung des ersten Akts ist im zweiten Akt zur puren Verzweiflung geworden. Zurückgelassen, ohne jedwede familiäre Unterstützung und nun alleinerziehende Mutter bleibt ihr nur noch die Hoffnung auf eine Rückkehr Pinkertons und der damit verbundene Selbstbetrug. „Un bel dì, vedremo“ gelingt ihr als tief eindringliche Arie des Trauerns und Verzweifelns, wir spüren, dass sie innerlich weiss, dass alles, was sie sagt, nicht der Realität entspricht und das Gegenteil ihrer Hoffnungen eintreten wird. Dabei ist ihre Verzweiflung so groß, daß sie am Ende der Arie ihren Kimono aufreißt und darunter ein glitzerndes Star-Spangled-Banner Shirt und eine Jeans trägt. Cio-Cio-San sieht keine andere Möglichkeit mehr, als vollkommen in der Anbetung eines götzenhaften Amerikas dahin zu vegetieren und sich selbst aufzugeben. Frau Buratto ist dabei gesanglich filigran und doch stark, ebenso stark wie Butterfly sein will, sein muss. Sie singt von den Tiefen bis zu den Höhen makellos sauber, ihre Stimme ist geschliffen und funkelnd wie ein Diamant von höchster Reinheit. Berührend, emotional, hoffnungsvoll und leidend trifft sie so tief ins Herz, daß wir zu Tränen gerührt sind und das Teatro Costanzi sie mit langem Applaus und vielen Brava feiert. Bravissima!
Doch ihr Leben muss weitergehen, zu stark ist das Konstrukt, welches sich Butterfly in ihrem Hoffen gebaut hat. So muss Cio-Cio-San noch stärker sein und allen Versuchungen und Anfeindungen widerstehen. Und wirklich steht ihr nur Suzuki in ihrer Einsamkeit bei, grandios umgesetzt von Anna Maria Chiuri: Oft haben wir den Eindruck, sie leidet noch mehr als Butterfly selbst, oder sogar an ihrer Stelle, nimmt ihr das Leid ab, so daß sich Butterfly auf ihre Hoffnung konzentrieren kann. Doch wie es und was auch kommt, Suzuki bleibt bei Butterfly, opfert sich auf für ihre Herrin und ist der Inbegriff von Treue und Loyalität. Ihr dunkel timbrierter Mezzo unterstützt dabei den traurig, ja fast schon depressiven Aspekt der gesamten Geschichte und wird dann mit der Nachricht, daß Pinkerton zurückkehren wird, zu einem Quell kraftvoller, strahlender, neuer und unterstützender Kraft, die sie voll und ganz Butterfly widmet.
Flankiert wird sie durch Roberto Frontali, der als Sharpless verzweifelt an dem Leid, welches Butterfly widerfährt. Er bringt es nicht übers Herz, ihr die schlechten Nachrichten zu Pinkertons Rückkehr aufzutischen, stagniert dabei gleichzeitig über sein Unvermögen rechtzeitig eingeschritten zu sein und schlimmeres verhindert zu haben. Die Stimme der Vernunft ist zu leise bei diesem Sharpless, dafür ist der Bariton Herrn Frontalis aufrecht und stark. Fast meint man, dass er mit der Wärme seiner Stimme Butterfly ein väterliches Heim geben will, davor dann doch zurückschreckt und pflichtbewusst wieder die Distanz wahrt, um dieses Drama nicht zu sehr an sich heranzulassen. „Mi rattrista una sì piena cecità“ – es ist schließlich Butterflys Sohn, der sein Ehrgefühl wieder wachrüttelt und ihn dazu zwingt, Pinkerton über sein Kind zu informieren.
Tatsächlich erscheint Pinkerton wie wir wissen doch und Dmytro Popov zeichnet hier ein Charakterschwein (pardon) auf, wie man es schlimmer kaum erfinden könnte: War er zunächst leichtsinnig und sah die Hochzeit mit Butterfly nur als Spiel, ist er nun nicht in der Lage sich mit den Konsequenzen seines Handelns auseinanderzusetzen. Es ist bloße Feigheit, die ihn nun erfüllt. Nichts ist übrig geblieben von dem omnipotenten Amerikaner, der sich im ersten Akt die Welt im Handstreich untertan machen wollte: „Dovunque al mondo, lo Yankee vagabondo“. Nun besitzt er nicht einmal mehr die Größe, Butterfly entgegenzutreten und schickt Sharpless und später seine eigene Frau vor. Herrn Popov gelingt es ganz außerordentlich all diese niederen Charakterzüge Pinkertons hervorragend darzustellen und selbst sein Gesang wirkt prahlerisch und doch nur gespielt groß. Sein Pinkerton ist ein zutiefst unsicherer, von Komplexen getriebener Mann, dem es an Reife und Verantwortungsgefühl mangelt. Eine undankbare Rolle die er umso brillanter umgesetzt hat, bravo Dmytro Popov!
Begleitet wird der Abend durch ein exzellent pointiertes Dirigat Roberto Abbados, der sowohl das Orchester der Oper Rom, als auch den Chor zu Höchstleistungen bringt, der bereits erwähnte Summ-Chor bildet einen weiteren Höhepunkt des Abends in seiner epischen breite und musikalischen Trauer. Bravi tutti!
Das tragische Ende von Madama Butterfly, welches durch das Hereinstürmen des Kindes zu seiner Mutter noch einmal verstärkt wird, gehört sicher zu den bewegendsten und traurigsten der Operngeschichte. Cio-Cio-San muss erkennen, daß all ihre Trugbilder, all ihre Hoffnungen und all ihr Leid umsonst waren. Nun bleibt ihr nur noch die Hoffnung, nach einem ehrenhaften Tod in eine bessere Welt zu gelangen, in der die Unbarmherzigkeit, die sie erfahren musste, weicht. „Troppa luce è di fuor, e troppo primavera.“ Wir sehen den Suizid Butterflys nicht, doch der gesamte Himmel färbt sich rot, Pinkerton zieht ihre Leiche wieder auf die Bühne und ruft ihren Namen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, doch sie stirbt in dieser Geschichte und mit ihr auch Butterfly…
E.A.L.

