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RICKI – WIE FAMILIE SO IST

01.09.2015 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmCover Ricki Wie Familie

Ab 4. September 2015 in den österreichischen Kinos
RICKI – WIE FAMILIE SO IST
Ricki and the Flash  /  USA  /  2015 
Regie: Jonathan Demme
Mit: Meryl Streep, Kevin Kline, Mamie Gummer, Rick Springfield, Audra McDonald u.a.

Man könnte sich vorstellen, dass „Mamma Mia“ an allem schuld ist. Meryl Streep, eine der experimentierfreudigsten und wandlungsfähigsten Schauspielerinnen des amerikanischen Films, hat darin eine Spät-Hippie-Exsängerin gespielt und ist, wenn sie Gelegenheit bekam, singend, tanzend, jubelnd ausgeflippt. Vielleicht wollte sie genau das noch einmal versuchen. Hier bekommt sie mit dem Porträt einer (wenn auch höchst mittelmäßigen)Pop-Sängerin jedenfalls Gelegenheit und hat dafür auch gelernt, Gitarre zu spielen.

Diese „Ricki Rendazzo“, die heute in Kalifornien in einer schäbigen Bar auftritt, hieß im bürgerlichen Leben einst Mrs. Brummel und hatte einen Mann und drei Kinder, die sie verließ, um eine Karriere zu machen, die sich als recht fragwürdig herausgestellt hat. Inzwischen lebt sie davon, an der Kasse eines Supermarkts zu stehen und nachts nach den „Vorstellungen“ in ihr sehr schäbiges Zimmer heimzukommen. Sie sieht aus wie eine versteinerte historische Ikone mit ihren Zöpfchen links, den Haarsträhnen rechts, den Klunkern und der Lederkluft – „pathetic“ sagt man auf Englisch und meint nicht „pathetisch“, sondern armselig. Und die Streep spielt das mit so viel Lust wie Überzeugungskraft.

Immerhin ist diese Ricki nicht zu den Fleischtöpfen des Gatten zurückgelaufen, sondern hält an der Seite ihres Freundes Greg (Rick Springfield ist „echter“ Musiker, was man im Vergleich zu Meryl sofort merkt, und ein sehr sympathischer Typ) wacker, wenn auch nicht sehr glücklich durch. Von Tage zu Tag, vor dem schäbigen Publikum in der Bar und dem schäbigen Publikum an der Supermarkt-Kasse.

Wie immer im Kino (und manchmal auch im Leben) ist nach einem Telefonanruf alles anders, wenn man auch nicht wirklich versteht, warum Ricki, die sich ja offenbar nicht so viel um ihre zurückgelassenen Kinder gekümmert hat, nun herbeieilt, weil ihre Tochter von ihrem Mann verlassen wurde. Aber gut, sie kommt, fliegt nach Indianapolis (Regisseur Jonathan Demme deutet die Probleme nur an, die ein Typ wie Ricki beim Fliegen in den USA heute bekommt, setzt sich aber nicht auf diesen humoristischen Aspekt) und landet in der Welt der Reichen und Gepflegten, die sie vielleicht deshalb verlassen hat, weil sie ihr zu öde war: Ein Mansion, wie es Exgatte Pete mit neuer Frau Maureen bewohnt, ist eine Ansammlung von Luxusvillen, wo die bewaffneten Wächter nicht jeden hineinlassen.

Ricki ist jedenfalls absolut nicht der Typ für diese Welt, wie sich auch zeigt, wenn man in ein vornehmes Restaurant essen geht. Dieses bezopfte Hippie-Girl aus dem Museum ist einfach nur peinlich, und Pete (Kevin Kline, sehr, sehr nobel) versucht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen – schließlich hat er diese Frau ja einmal geliebt.

Aber um den Kulturschock geht es nicht, das wäre wohl auch zu billig und auf der Hand liegend. Die Familiengeschichte ist es allerdings auch, wobei die neue Frau des Gatten (die äußerst noble Audra McDonald, mit dem Flair der Hochklasse-Farbigen) wenigstens nicht dem Klischee der bösen Feindin verfallen muss: Sie hat einen verlassenen Mann und vor allem drei kleine Kinder ohne Mutter „aufgefangen“ und den Job offenbar optimal ausgefüllt. Die „Kinder“, die jetzt groß sind, haben mit der echten Mama nichts am Hut – die von ihrem Gatten verlassene Tochter (Mamie Gummer, im echten Leben die echte Meryl-Streep-Tochter, hier reizlos verbiestert) lässt an ihr alle Wut aus, der brave Sohn (Sebastian Stan), der so nobel heiraten möchte, hätte Mama lieber nicht bei der Hochzeit – und der jüngere Sohn Adam ((Nick Westrate) sagt ihr ins Gesicht, dass sie eine Hardcore-Republikanerin ist, die Schwule nicht mag. Na wui, leicht hat es Ricki nicht, wenn sie ihrem Fleisch und Blut wieder gegenüber steht.

Aber sie g’frettet sich per Drehbuch durch die nicht sonderlich interessanten Drehungen und Wendungen der Familiengeschichte, bis Musik – ihre Rockmusik mit Greg, auch wenn Ricki zurecht keine große Karriere gemacht hat… –  bei der Hochzeit dann das große Wundermittel ist, das steife Gäste auftaut und am Ende alle tanzend, hopsend, glucksend glücklich macht…

Einmal präzisiert Meryl Streep die feministische Ideologie, die letztendlich auch hinter diesem Film steckt,  an einem einleuchtenden Beispiel – Mick Jagger habe ein Dutzend (oder dergleichen) Kinder von einem Haufen Frauen, nie hätte man von ihm erwartet, zwecks Brutpflege als braver Vater daheim zu bleiben und keine Karriere zu machen. Stimmt. Aber der Unterschied von Mick und Ricki – er war unglaublich begabt und hat eine Weltkarriere gemacht. Das hätte man auch einer Frau letztendlich verziehen (Meryl Streep hat vier Kinder und unendlich viele Filme gemacht – hat man ihr je vorgeworfen, wenn sie nicht bei der Märchenaufführung der Kleinen war?). Das Problem ist, wie stets, so einfach nicht zu lösen. Nur eines stimmt: Über die rücksichtslose, über die Familie hinweg steigende Selbstverwirklichung der Frau (wie immer sie ausgeht), wird auch in unserer Gesellschaft noch die Nase gerümpft.

Kino ist schöner: Am Ende gibt es das toleranteste Wunsch-Happie-End: Jeder darf auf seine Facon glücklich bleiben, und alle haben sich lieb… Was soll’s. Der Film hat Meryl Streep. Was kann man mehr verlangen, was kann man mehr wollen?

Renate Wagner

 

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