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Riccardo Muti: MEIN VERDI

12.10.2013 | buch

BuchCover Muti, Mein Verdi

Riccardo Muti: 
MEIN VERDI
Hsg: Armando Torno
160 Seiten, Verlag Bärenreiter HENSCHEL

Richard Wagner ist abgefeiert, die zweite Jahreshälfte gehört Giuseppe Verdi. Im Fernsehen lief „Tutto Verdi“ auf und ab, und zwischen Buchdeckeln melden sich viele zu Wort. Wenige so kompetent wie Riccardo Muti, der einen Großteil seines Dirigentenlebens mit diesem Meister verbracht hat. „Mein Verdi“ ist solcherart ganz persönlich zu nehmen – Mutis Erfahrungen mit dessen Werk. Aufgezeichnet hat das Buch der italienische Musikkritiker Armando Torno, der die undankbare Arbeit auf sich genommen hat, den großen Dirigenten immer wieder zwischen Tür und Angel abzufangen und zu befragen.

Muti ist ein Verdi-Afficionado, ein Verdi-Purist, der sich von Anfang an scharf gegen eine „bequeme“ Verdi-Tradition wendet, die vielfach von Starsängern ausgegangen ist, die sich die effektvollsten Partien auf ihre Bedürfnisse zugerichtet haben: „Ich wünsche mir, dass die Oper als solche wieder unser Land repräsentieren würde – und nicht länger zum Selbstdarstellungsvehikel dieses oder jenes Sängers degradiert wird“, wettert er. Er weiß noch, wie er als junger Dirigent erstarrte angesichts einer Opernwelt, „in der es gang und gäbe ist, eine Partitur ohne zu zögern nach den eigenen Bedürfnissen umzumodeln.“

Zumal Verdi selbst nie Verständnis für „Freiheiten der Interpretation“ seinen Werken gegenüber gezeigt hat, wenn Muti auch zugesteht, dass es keine absolute Wahrheit gibt. Aber zumindest Ehrlichkeit in der Bemühung dem Meister gegenüber. Dafür gibt es in Mutis Darstellung zahlreiche, für den Opernfreund hochinteressante Einsichten in Details der Verdi-Partituren, die er nie zu studieren aufhört. Manricos hohes „C“, erwarteter Höhepunkt jeder „Troubadour“-Aufführung, habe Verdi, so Muti, nie notiert…

Verdis „Verständlichkeit“, von Wagnerianern als „m-ta-ta“abgetan, ist für Riccardo Muti ein wesentliches Argument für dessen Genialität: „Verdi verwirrt den Zuhörer nicht. Im Gegenteil: Er lässt ihn immer spüren, dass er ihm nahe ist und ihn versteht.“ Verdis musikalische Leidenschaft hat für Muti immer den „Adel des Ausdrucks“. Sänger und Dirigent müssen nach dessen Vorgaben agieren – und „ein Dirigent hat die Sänger nicht bloß zu begleiten, er hat gemeinsam mit ihnen Musik zu machen.“

Das Buch über Verdi ist auch ein Buch über Riccardo Muti selbst, den 1941 in Neapel Geborenen, der nach eigener Aussage „eigentlich ursprünglich gar nicht daran gedacht hatte, Musiker zu werden. Erst die Begegnung mit Verdi hat mir die entscheidende Motivation geliefert, die Mühen des oftmals sehr fordernden Musikerdaseins unbedingt auf mich zu nehmen.“ Während seines Studiums in Mailand durfte er noch den großen Toscanini kennen lernen, der nach Mutis Meinung den „authentischen Verdi-Klang“ überliefert hat, weil er eben noch Verdi selbst erlebt hat – der junge Toscanini saß im Orchester…

Nicht nur über ihn erfährt man Anekdotisches – auch Karajan, Kleiber, Strehler, andere Große, denen Muti begegnete und die er bewunderte, kommen vor. (Karajan: „Denk daran, dass ein guter Dirigent sich dadurch auszeichnet, dass er 30 Jahre lang die Geduld besitzt, seinen Musikern immer wieder dieselben grundlegenden Dinge in Erinnerung zu rufen.“)

Muti erzählt von spektakulären Verdi-Aufführungen seines Lebens – als er 1986 in „Nabucco“ das „Va’, pensiero“ zweimal dirigierte, weil das Publikum nicht aufhörte zu toben; dass er ebendiesen Chor 2011 in Rom vom Publikum mitsingen ließ, „im Geist des Risorgimento – ein Aufruf gegen die Kürzungen im Bereich der Kultur“. Und als eine „Traviata“-Aufführung der Scala 1995 in den Orchesterstreik geriet und er die Oper am Klavier begleitete und die Sänger rundum standen und sangen…

Und es ist auch ein gewissermaßen „privater“ Aspekt, dass der Künstler Muti – der bei szenischen Proben immer dabei ist, weil das „Theater“ für ihn so wichtig ist –  das heutige Regietheater verabscheut und das in diesem Buch schonungslos kundtut: „Was soll ein Don Giovanni auf einer Lambretta, im Ferrari oder gar im Rollstuhl, eine Mimi auf Drogen, ‚Die Entführung aus dem Serail’ auf einer Jacht der Camorra oder Rigoletto in einem Londoner Pub, das von Mafiosi betrieben wird?“ Und er zitiert Schönberg (!), der es als unerwünscht erachtete, wenn sich das Publikum mit irgendwelchen Rätseln der auf Bühne beschäftigen müsse, weil man da einen Teil der Musik überhöre. „Genau so sehe ich es auch: Auf der Bühne dürfen nur Dinge geschehen, die der Betrachter problemlos verstehen kann, sonst wird er viel zu sehr von der Musik abgelenkt.“

Muti hat die meisten Werke Verdis dirigiert, nur die „Luisa Miller“ mag er einfach nicht, aber die Frühwerke „Aroldo“, „Alzria“, „La Battaglia di Legnano“ oder „Il Corsaro“ möchte er sich in diesem Leben noch vornehmen. Natürlich kann und will auch Muti im Wagner/Verdi-Jahr nicht am großen Konkurrenten vorbei gehen, den er oft dirigiert hat, wobei er ohne weiteres zugesteht, immer wieder in den „Sog“ von dessen Musik geraten zu sein. Dennoch erscheint ihm Verdis Menschlichkeit wichtiger als Wagners Ausflüge ins Rauschhafte. Mit Verdi hält Muti auch den Stolz auf das eigene Italienertum hoch. Am nachdrücklichsten hat die Einheit von Volk und seinem Komponisten ja d’Annunzio formuliert, was Muti gerne zitiert: „Er gab der Hoffnung und der Trauer eine Stimme, er weinte und liebte für uns alle.“

Renate Wagner

 

 

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