Festival Retz: Barockjuwel „JUDITH UND HOLOFERNES“ als psychologisch untermauertes Politdrama – 2. Auff. am 12.7.2026

Copyright: Wolfgang Hanousek
In unserer Zeit, in der KI immer mehr an Dominanz gewinnt, entdeckt das Retzer Festival ohne Grenzen, das inzwischen schon zur sommerlichen Tradition Niederösterreichs gehört, die Magie, die vom menschlichen Kopf ausgeht. Sie geht über die Kraft des Gedankens weit hinaus, indem dieser zur Tat wird.
Ging es im vergangenen Jubiläumsjahr des Festivals in der multimedialen Fassung des Opern-Oratoriums Salome von dem barocken Komponisten Bononcini um den Kopf Johannes des Täufers, so ist es in diesem Jahr die Komposition Judith und Holofernes des seinerzeit bedeutenden, aber nicht unumstrittenen sizilianischen Komponisten Alessandro Scarlatti (1660-1725), der u.a. Georg Friedrich Händel und Johann Adolf Hasse maßgeblich künstlerisch beeinflusste. Es geht wiederum um einen biblischen Stoff, der sich in den Apokryphen Schriften findet und zum Mythos geworden ist, nicht zuletzt durch inspirierende Gemälde, insbesondere von Caravaggio und der erst wiederentdeckten Barockmalerin Artemisia Gentileschi, die an Drastik nichts zu wünschen übrigließen. Und es geht wiederum um Kopf und Kragen. Doch diesmal schreitet die Protagonistin selbst zur Tat.
Wie Intendant und Dramaturg Dr. Christian Baier einführend im funktionell adaptierten Schüttkasten Retz erläuterte, handelt es sich um die zweite, 1697 entstandene Fassung des zunächst 1693 komponierten Oratoriums Giuditta. Das Libretto von Kardinal Pietro Ottoboni (1667-1740) war eng an den biblischen Text angelehnt und wahrte den Charakter des Oratoriums in Anbetracht der Opernfeindlichkeit von Papst Innocenz XI. Wesentlich spannender gestaltete sich sowohl die Entdeckung der Kopistenhandschrift (Ms 205) in der Universitätsbibliothek von Cambridge, die den Titel „La Giuditta di Cambridge“ erhielt und als Original von Scarlatti anerkannt wurde, als auch die Komposition selbst, deren Libretto von Pietros Vater (!), Antonio Ottoboni (1646-1720), stammte und nicht nur in sich die Entwicklung vom Oratorium zur höchst dramatischen Opernaufführung veranschaulicht, sondern in der sorgfältigen Rekonstruktion der Urfassung durch den Retzer Chefdirigenten Luca De Marchi zugleich seine originale Klanggestalt wiedergewonnen hat. Die Reduktion auf lediglich drei handelnde Personen, Judith, Holofernes und die stark aufgewertete Amme, enthalten jeweils eine individuelle Charakterisierung in ihrer tiefgreifenden psychologischen Ambivalenz, die auch in die heutige Zeit verweist.
Dramaturgisch ist auch das Motiv der aktiven Handlung grundlegend neu. Hier wird nicht nur rückblickend berichtet, sondern die blutige Tat selbst wird in höchst realistischer Weise auf der Bühne vollzogen. Es handelt sich dabei um den ersten durchkomponierten Mord auf der Opernbühne! Und das nicht von einer, sondern von zwei Frauen. Judith schafft die Enthauptung von Holofernes nicht alleine. Vielleicht, weil sie erkennt, dass hinter dem sexuellen Begehren des siegreichen Feldherrn echte Gefühle stecken. Im Vertrauen auf die Liebe gibt er sein Schwert aus der Hand. Und es ist die Amme, die hier den zweiten Streich führt und so zum anderen tatkräftigen Ich der Protagonistin wird, was jeglichen Standesunterschied aufhebt.
Regisseur und Bühnenbildner Hartmut Schörghofer hat sich insbesondere von dem Gemälde Caravaggios, das auch für das Titelbild des Programmhefts ausgewählt wurde, inspirieren lassen und das Spiel von Licht und Schatten in Gestalt der raffinierten Lichttechnik von Martin Knaupp auf den Kirchenraum übertragen. So entsteht mit der Installation eines Strahlentunnels wie von einer oberen Kamera aufgenommen vor dem Altarbild der Steinigung des hl. Stephanus (von Leopold Kupelwieser) fallweise eine mehrfache Spiegelung der Handlung, die auf eine seelische Dimension verweist. Drei Stufen zu einem Podest und die Kirche als Umfeld – mehr braucht es nicht zur Darstellung der Örtlichkeiten, vor allem des Zeltes von Holofernes als Zentrum des Geschehens. Die stilistisch charakteristischen Kostüme entwarf Corinna Crome.
Neu ist auch der stumme Chor, der sogenannte Bewegungschor. Er besteht aus 9 Personen, 4 männlichen und 5 weiblichen Einwohnern von Retz, die sich dem Festival ebenso wie die zahlreichen BesucherInnen, welche die Kirche bis auf den letzten Platz füllten, verbunden fühlen. (Davon kann so mancher Pfarrer wohl nur träumen …) In langen schwarzen Mönchskutten mit maskierten Gesichtern, sozusagen ent-individualisiert, durchschreiten sie zu Beginn der instrumentalen Einleitung durch das Originalklang-Ensemble Continuum Wien das Langhaus der Kirche – als Bevölkerung der von den assyrischen Truppen eroberten, etwa nordwestlich von Jerusalem gelegenen sagenhaften Stadt Betulia sowie im Weiteren als Wachen des Holofernes.
Sodann setzt ein gesungener Dialog der gegenseitigen Ermutigung ein zwischen der italienischen Sopranistin Carolina Lippo als Judith und der Altistin Chiara Brunello als Amme. Dieser Teil ist noch weitgehend dem Oratorium verhaftet. Carolina Lippos klarer tragender Sopran in ihrer italienischen Klangsprache erfüllt die Akustik der Kirche. Kontrastierend dazu harmoniert das dunkle Timbre der Altstimme von Chiara Brunello.
In goldenem Kettenhemd tritt Luigi Morassi von der Kanzel herab auch stimmlich mit strahlendem Tenor als heldischer Krieger hinzu. Und ab da steigert sich auch die opernhafte Dramatik vom anfänglichen und von Judith geheuchelten Liebesspiel bis zur Enthauptung, die unter einer weißen Plane vollzogen wird, wobei viel Theaterblut fließt. Mit dem blutigen Haupt in der Hand flieht die Amme gemeinsam mit dem Chor im Triumph durch das Langhaus aus der Kirche, während die eigentliche Heldin Judith auf der Bühne allein zurückbleibt. Eine höchst moderne Interpretation von Heldentum, soweit es nicht einer männlichen Person zuzuschreiben ist!
Das Retzer Publikum reagierte bewegt und begeistert mit lautstarkem Applaus wie nach einem Popkonzert – sozusagen direkt in Gottes Ohr.
Ursula Szynkariuk

