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Reinhold Glière Sinfonie Nr. 3 – Ilya Murometz Beogradska filharmonija (Belgrader Philharmoniker) Gabriel Feltz

08.07.2022 | cd

Reinhold Glière
Sinfonie Nr. 3 – Ilya Murometz
Beogradska filharmonija (Belgrader Philharmoniker)
Gabriel Feltz

gli

Multilayer SACD
Katalognummer: 21112

Wer kennt oder spielt in deutschen Konzertsälen Musik von Reinhold Glière, dem Spätromantiker, deutscher und ukrainischer Abstammung? Fehlanzeige!

Unter seinen drei Sinfonien kommt der dritten Sinfonie eine absolute Sonderstellung zu.

1911 entstanden, schrieb Glière eine Programmmusik, ein musikalisches Denkmal für Ilya Murometz, eine Heldengestalt der sog. Kiewer Tafelrunde. Dabei handelt es sich um ein ungemein plastisch—symphonisches „Hör-Kino“, so bildhaft und konkret wirkt dieses äußerst opulente Werk.

Diese Sinfonie ist von der großen Orchesterbesetzung und der Zeitdauer mit einer langen Mahler Sinfonie vergleichbar. Ungewöhnlich ist dabei die schiere Zeitdauer der einzelnen Sätze. So dauern drei von vier Sätzen weit mehr als zwanzig Minuten. Dies führte in der Vergangenheit dazu, dass Dirigenten wie Eugene Ormandy oder Leopold Stokowski das Werk deutlich kürzten. Stokowski schätze diese Sinfonie sehr und sorgte engagiert für deren Verbreitung in den USA.

Glières musikalische Vorbilder waren u.a. Glasunow, natürlich Rimski-Korsakow, der Zauberer der Instrumentation und auch Wagner Anklänge sind erkennbar.

Glières Sinfonie bietet ein großes Farbspektrum und extreme dynamische Kontraste. Üppige Kantilenen in den Streichern, lebhafte Einwürfe der Holzbläser und choralartige Blechbläserpassagen werden vom üppig besetzten Schlagzeug druckvoll unterfüttert. Ebenso sind Folklore Elemente in die Komposition eingeflossen. Das Werk wirkt sehr erzählerisch und ausgesprochen illustrativ.

Nicht selten gefällt sich der musikalische Verlauf in vielerlei Wiederholungen. Und doch beschreitet dabei Glière seinen ganz eigenen Weg und bietet dem Zuhörer viel Gelegenheit, sich an orchestraler Pracht zu erfreuen. Intensive Vogelstimmen in den Holzbläsern lassen an Kompositionen Ravels oder Messiaens denken und ungewöhnlich oft bekommt das sonst seltene anzutreffende Kontrafagott exponierte Soli. Dabei ist es gar nicht notwendig, das unterlegte Programm zu kennen, da die Musik von faszinierender Ausdrucksstärke ist und vielerlei Bilder in die Hörempfindung hineinlegt. Und gerade im zweiten Satz, in welchem ein Zaubergarten beschrieben wird, funkelt und leuchtet die Partitur wie ein großer Märchenschatz. Die Klangeffekte sind von berückender Schönheit mit Reminiszenzen, die an Wagners Tristan, Schönbergs Gurrelieder oder die Musik von Franz Schreker erinnern. In den letzten Minuten der Sinfonie ertönen hingegen Klänge, die die Nacht aus der „Alpensinfonie“ von Richard Strauss erahnen lassen.

Gabriel Feltz, Chefdirigent der Belgrader Philharmoniker seit 2017, beweist eine glückliche Hand bei seinem Gang durch Glières komplexe Partitur.

Die Belgrader Philharmoniker, sie feiern nächstes Jahr ihr einhundertjähriges Bestehen und geben mit dieser Einspielung eine beeindruckende musikalische Visitenkarte ab.

Die Aufnahme entstand 2018. Hörbar intensiv wurde hier geprobt und so kann sich der Zuhörer auf ein pralles Klangfest freuen, das mit gut 83 Minuten auf nur einer CD festgehalten wurde.

Für Feltz ist Glières Musik ein hörbares Anliegen, ein deutliches Bekenntnis für die besondere Qualität dieses so ungewöhnlichen Werkes. Bei Feltz klingt alles wichtig, jedes Detail wird sorgsam vorgetragen. Mit viel Energie motiviert er sein Orchester zu mitreißendem Spiel. Feltz gelingt es, die dynamische Bandbreite der Komposition hinreißend auszuspielen. Ebenso überzeugend geraten die Ruhepunkte im zweiten Satz mit seinen vielen Naturstimmungen. Dazu legt Feltz stets im üppigen Stimmengeflecht des riesigen Orchesterapparates die Strukturen offen, so dass Formgebung und Themenverlauf klar zu verfolgen sind. Gerade in diesem herrlichen Zaubergarten agiert Gabriel Feltz als Klangmagier und beschwört eine Atmosphäre voller narkotisch sinnlicher Wirkung. Wunderbar!

Dieses Werk fordert von jedem Orchester maximale Leistungsfähigkeit in allen Gruppen. Die Belgrader Philharmoniker erweisen sich als vorzüglich intonierender Klangkörper, der sehr kultiviert und mit viel Verve diese spannende Komposition vorträgt. Es ist vor allem die hohe Geschlossenheit des Orchesters, die zu begeistern vermag. In allen Spielgruppen sind ausgezeichnete Leistungen gelungen. Erfreulich ist dabei, dass die Belgrader einen ganz eigenen Ton pflegen, der durch Wärme und Farbigkeit besticht. Feine schlank intonierende Hörner und charakteristische Holzbläser auf der einen Seite, dazu energiegeladene Streicher auf der anderen Seite. Wunderbar kompakt und sehr kultiviert muszieren die zahlreichen Blechbläser. Auch die vielen Instrumental Soli gelingen ausgezeichnet. Hinreichend mächtig überzeugen die vielfältig geforderten Schlagzeuger der Belgrader Philharmoniker.

Zum besonderen Erlebnis wird diese Einspielung durch den zupackenden Klang, der hoch dynamisch direkt den Zuhörer erreicht und dabei jedes noch so kleine Detail einfängt. Die CD ist mit einem lesenswerten Beiheft ausgestattet. Gabriel Feltz beschreibt u.a. darin seinen Zugang zu dieser Sinfonie.

Wieder ist dem innovativen Label dreyer gaido eine besonders hörenswerte Aufnahme gelungen mit hohem diskografischem Wert. Möge sie dazu beitragen, dass Ilya Murometz in den Konzertsälen öfters zu erleben sein wird.

Dirk Schauß, Juli 2022

 

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