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Reinhard Pohanka: TATZELWURM UND DONAUWEIBCHEN

29.12.2013 | buch

BuchCover Pohanka, Tatzelwurm

Reinhard Pohanka:
TATZELWURM UND DONAUWEIBCHEN
Österreichs Naturgeister und Sagengestalten
240 Seiten, Amalthea Verlag 2013 

Man kennt sie vielleicht nicht alle – zweifellos nicht so viele, wie in diesem bemerkenswerten Buch vorgestellt werden -, aber doch viele der Naturgeister und phantastischen, Gestalt gewordenen Alpträume der Menschen, die sich (von der Nixe bis zum Drachen, also vom Donauweibchen bis zum Tatzelwurm, wie der Buchtitel sagt) auch in der reichen österreichischen Sagenüberlieferung finden.

Aber was Reinhard Pohanka, Kurator für mittelalterliche Geschichte und Archäologie am Wien Museum, hier zusammengetragen hat, geht weit über allgemeines Wissen hinaus, weit auch über Österreich. Er erfasst die Zauberwelten der Phantasie ganzeuropäisch, immer wieder wird man auf die nordische Überlieferung stoßen (Wotans wilde Jagd – wo wäre Richard Wagner ohne all diese Mythen und Motive, die schon römische Historiker über die Germanen aufzeichneten!), aber auch schon die alten Römer hatten ihre umtriebigen und nicht immer guten Götter, die es zu bannen galt.

Darum geht es nämlich: Um die Ängste des Menschen. In frühen Zeiten war man einer Natur ausgesetzt, die der Stadtmensch heute kaum noch kennt – dafür sind dann die „Urban Legends“, die Poltergeister etc. geschaffen worden, weil das Fürchten so schön ist. Aber es gibt Ängste, die sich im Freien sofort entfalten – im Wasser, in den Wäldern, in den Bergen. Und die in den vier Elementen zu finden sind: In der Luft, der Erde, dem Wasser und dem Feuer… Was man nicht erklären kann, muss man in Geschichten und Bilder kleiden. Und so sehr sie sich auch durch die Zeiten hindurch verändern: Verloren gehen sie nicht.

Die in solchen Zusammenhängen erdachten Geschöpfe sind nicht nur in Sagenwelten eingegangen, die so differenziert sind, dass sich oft von Tal zu Tal verschiedene Geschichten finden. Luftgeister wie Sylphiden hopsen auch im Ballett, Gnome und Wichtelmänner durchschreiten Märchen, der Wassermann und seine Nixen, Undinen und Melusinen sind Opernhelden, die Feuergeister erschrecken in der Realität, wenn man sich angesichts eines ganz wirklichen Salamanders unwillkürlich fragt, welche Geheimnisse er birgt… Pohanka ist ihrem Wesen, ihren Eigenschaften und Eigenheiten und ihren Variationen in verschiedenen Regionen gewissenhaft auf der Spur.

Bedenkt man, dass früher ganz Europa von Wäldern bedeckt war, ist es logisch, sie mit guten und vor allem bösen Geistern zu bevölkern, und der Mythos vom „Wilden Mann“ oder dem „Wilden Weib“ ist bis in die Dichtung von heute lebendig (Mitterer). Ähnlich geht es mit den Sagen von den Bergen, wobei die „Sennenpuppe“ eine besonders schräge Idee ist (und als „Sennentuntschi“ auf der Bühne und im Film auftauchte).

Ohne Feen, Riesen und Zwerge sind keine Märchen, keine Sagen zu denken, und Pohanka verankert das jeweilige Wissen fest in den Überlieferungen, ebenso wie jene Geschöpfe, die à la Drache oder Werwolf direkt in die Schauderwelt des Horror gehören.

Große Mythen wie „Ahasver“, der ewige Jude, Historisch so Greifbares wie Hexenglaube und Hexenverfolgung, und schließlich die ewigen Begleiter des Menschen, Tod und Teufel (inklusive „des Teufels Großmutter“), stehen am Ende der Listen, die der Autor gewissenhaft zusammengestellt hat – Geschöpfe, von denen er so spannend und ausführlich erzählt, als gäbe es sie wirklich.

Entsprungen der menschlichen Phantasie, ihren Ängsten und manchmal vielleicht auch Wünschen, durch Jahrtausende tradiert, aus Erfahrungen gespeist und mit dem Unterbewusstsein gefüttert, zeigt sich wieder einmal, dass das Erdachte oft mächtiger ist als das Reale. Wie auch der reiche Bilderschmuck des Buches beweist, der vom Einhorn bis zum Greif, von der Nixe bis zum Krampus beschwört, was es nicht gibt – aber eben gedacht werden kann…

Renate Wagner

 

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