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REICHENAU / Festspiele: „DIE LETZTEN TAGE“, szenische Lesung Der Buchautor Martin Prinz hat den Text selbst für die Bühne adaptiert

13.07.2026 | Theater

REICHENAU / Festspiele: „DIE LETZTEN TAGE“, szenische Lesung

Der Buchautor Martin Prinz hat den Text selbst für die Bühne adaptiert

Regie: Maria Happel

Bericht über die Premiere am 12. Juli 2026 (Dauer: 75 Minuten)
4 Lesungen bis 19. Juli

Alle Infos auf www.festspiele.reichenau.at

Blicke in den Abgrund

Seien wir gemeinsam mutig und schauen wir hin: Was passierte im April 1945 in den letzten Tagen vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges im idyllischen Höllental, in den Gemeinden Reichenau, Prein und Schwarzau?

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Maria Happel, Regie – Martin Prinz, der Autor umarmt Therese Affolter und danach jedes Ensemblemitglied von Nils Arztmann, Markus Freistätter, Daniel Jesch, Gerhard Kasal, Paula Nocker, David Oberkogler, Jakob Semotan, Oliver Urbanski, Lukas Watzl bis Sebastian Wendelin

© Monika Wildner

Die geschichtlichen Fakten

Am 15. Februar 1945 weitete Reichsjustizminister Otto Georg Thierack die Befugnisse der Standgerichte, die bis dahin auf das Militär beschränkt waren, auf die Zivilbevölkerung aus. Diese Gerichte hätten eigentlich mit Juristen besetzt werden müssen. Doch dem Kreisleiter von Neunkirchen, Johann Braun, standen in den letzten Kriegstagen keine Juristen mehr zur Verfügung. Anstatt jedoch aus diesem Grund auf die Einrichtung eines Standgerichts zu verzichten und damit weitere Hinrichtungen zu verhindern, ernannte sich der Bäckergeselle Braun kurzerhand selbst zum Vorsitzenden. Gemeinsam mit seinen Beisitzern Johann Wallner (Bannführer der Hitlerjugend) und Josef Weninger (SA-Standartenführer in Neunkirchen) fällte und vollstreckte er eigenmächtig weitere Todesurteile oder ließ vollstrecken.

Nachweislich wurden mindestens 20 Personen – teils mit, teils völlig ohne Gerichtsverfahren – brutal ermordet. Die Opfer wurden willkürlich ausgewählt: Menschen, mit denen Braun, Wallner oder Weninger noch eine persönliche „Rechnung“ offen hatten, „politisch Unverlässliche“, vermeintliche Deserteure, Regimegegner oder schlicht „Unbequeme“. Es traf Männer wie Frauen, Alte wie Junge – Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Sie wurden erhängt, erschossen oder erschlagen. Einige der Ermordeten wurden tagelang an Masten zur Schau gestellt, andere heimlich in der Nacht verscharrt. Da dieses Vorgehen selbst nach damaligem NS-Recht illegal war, verurteilte das Wiener Volksgericht Braun, Wallner und Weninger im Jahr 1947 zum Tode. Die Hinrichtungen erfolgten 1948. Wie aus den Prozessakten hervorgeht, zeigten die Hauptverantwortlichen bis zuletzt weder Einsicht noch Reue.

Der lange Weg zum Tatsachen-Roman
Die Rezensentin hat die 261 Seiten des von Martin Prinz verfassten Tatsachen-Romans (erschienen 2025 im Verlag Jung und Jung) in einem Zug durchgelesen. Sie war im Oktober 2025 durch eine Buchpräsentation im Lesesaal der Parlamentsbibliothek auf das Werk aufmerksam geworden. Im anschließenden Gespräch des Autors mit Claudia Kuretsidis-Haider, der stellvertretenden wissenschaftlichen Leiterin des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW), wurden unter anderem die damaligen Volksgerichtsprozesse diskutiert. Für seinen eindringlichen „Tatsachen-Roman“ über diese sogenannten Endphaseverbrechen hat Martin Prinz tausende Seiten an Gerichtsprotokollen gesichtet.

Entscheidende Vorarbeit leistete der 2006 verstorbene Jurist Dr. Alois Kermer. Er durchforstete unermüdlich Akten, befragte Zeitzeugen sowie Nachkommen und legte seine Dokumentation bereits 2002 unter dem Titel „Erinnerungen an Reichenau an der Rax in schwerster Zeit“ der Gemeinde vor. Jahrelang blieb das spiralgebundene Heft in den Schubladen der Bürokratie verschwunden, bis es 2014 an Martin Prinz übergeben wurde. Durch sein präzises Studium der Gerichtsakten von 1947/48 hat Prinz dieses vergessene Wissen mit seinem Buch „Die letzten Tage“ nun endlich einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ein großer Dank gilt ihm sowie der Festspielgemeinde Reichenau, die durch das Buch und die Lesungen – genau 80 Jahre nach Kriegsende – eine wertvolle, neue Dynamik in die Aufarbeitung dieser Verbrechen gebracht haben!

Ein Aufruf
Lesen Sie dieses Buch! Besuchen Sie die Lesungen! Am 17., 18. und 19. Juli gibt es dazu noch Gelegenheit.

Elisabeth Dietrich-Schulz

 

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