STADTTHEATER REGENSBURG: DER PRINZ VON SCHIRAS von Joseph Beer
am 16.Dezember 2023 (Premiere)

Auf dem Kreuzfahrtschiff. Foto: Marie Liebig
Von den vielen tragischen Schicksalen jüdischer Operettenkomponisten (verfolgt, vertrieben, ermordet, selbst wenn sie im Exil überlebt haben, bei der Rückkehr als Überlebende misstrauisch beäugt, und nicht mehr an die Erfolge der Vorkriegszeit anschließen könnend), hat das von Joseph Beer eine besonders bittere Note. Denn Beer hat zwar in Nizza als U-Boot überlebt, hat aber die Vernichtung seiner Lemberger Familie dermaßen verinnerlicht, dass er danach nicht nur keine Operetten mehr schrieb, sondern auch die Aufführungen seiner in den Dreißiger Jahren entstandenen Werke verbot.
Erst vor ein paar Jahren konnten die Erbinnen dazu überredet werden, wenigstens die Rechte für die „Polnische Hochzeit“ freizugeben, und so konnten, und so konnten im Anschluss daran die Zuschauer in Graz, Linz und Dresden diese jahrzehntelang vergessene Operette endlich wiederentdecken und sich von ihrer hochstehenden Qualität überzeugen.

Im Harem. Foto: Marie Liebig
Nicht umsonst galt ja Beer als Wunderkind und als grösste Hoffnung des zu Ende gehenden Genres, und seine beiden (einzigen) Operetten „Polnische Hochzeit“ und „Der Prinz von Schiras“ waren in ganz Europa ein Hit.
Letzterer galt allerdings bis vor kurzem als verschollen, und nur der hartnäckigen Sammlerleidenschaft und dem unwahrscheinlichen (aber verdienten) Entdeckerglück von Intendant Sebastian Ritschel und seinem Dramaturgen Ronny Scholz ist es zu verdanken, dass durch eine Reihe unglaublicher Zufälle zuerst ein Klavierauszug und dann die ganze Partitur aus diversen Antiquariaten und Verlagskellern (in denen vorher niemand nachgeschaut hatte) doch noch ans Tageslicht kamen.
Und jetzt also – zur Belohnung all dieser Mühen – die Weltwiederpremiere am Stadttheater Regensburg. Ohne einen Hauch einer Übertreibung muss man sagen, dass wir einem absolut historischen Abend beiwohnen durften.
Denn der Prinz von Schiras ist (obwohl ein Erstlingswerk!) ein Meisterwerk. Beers Musik ist schmissig, fetzt und jazzt, ist dramatisch und lyrisch und fröhlich und witzig und berührend Das Libretto von Fritz Löhner-Benda und Ludwig Herzer steht der Komposition an Genialität an nichts nach. Der Prinz besteht (vergleichbar vielleicht mit Paul Abrahams „Viktoria und ihr Husar“) eigentlich nur aus Schlagern, nur aus Hits. Und vielleicht haben manche Stimmen recht, die nach der Premiere meinten, wenn der depperte Zweite Weltkrieg nicht stattgefunden hätte, und die Geschichte gerechter verlaufen wäre, die Drei Tenöre Jahrzehnte später nicht „Dein ist mein ganzes Herz“ sondern „Du warst der selige Traum“geschmettert hätten (Die Story ähnelt ihrem Orient/Okzident-Gegensatz sehr dem „Land des Lächelns“ – allerdings mit Happy-End).
Verdienen Ritschel & Scholz allein schon für die Aufstöberung dieses Juwels einen Großen Operettenorden, so gebühren ihnen für diese über die Maßen gelungene Produktion noch ein paar andere dazu.
Denn sie begehen nicht den Fehler (und die Nachlässigkeit und die Respektlosigkeit) sovieler anderer Theater (ich nenne keine Namen) und begnügen sich mit der Wiederentdeckung und lassen das Stück dann in alten Bühnenbildern und alten Kostümen vom Zweitregisseur inszenieren und von Zweitkräften singen, nein. Das Stadttheater Regensburg wirft all sein beachtliches künstlerisches (und auch finanzielles) Gewicht in die Waagschale, um diesen gehobenen Schatz so würdevoll und prachtvoll zu präsentieren, wie er es verdient.
Es gibt ein fantasievolles (aber auch praktikables) Bühnenbild, tolle Kostüme und eine absolut hinreißende Choreographie (von Gabriel Pitoni).Und vor allem hört man auch nicht auf zu staunen, welch unglaubliches, bis in die kleinste Rolle perfektes und perfekt besetztes Sängerschauspielerensemble sich Ritschel & Scholz (die erst seit einem Jahr im Amt sind) sich hier mittels langwieriger Castings aufgebaut haben.

Happy End. Foto: Marie Liebig
Es sind hier lauter Entdeckungen zu machen. Zumindest erwähnt und gelobt seien: Carlos Moreno Pelizari (Prinz Nadir von Schiras), Kirsten Labonte (Miss Violet Colton), Scarlett Pulwey (ihre Gesellschaftsdame), Matthias Störmer (Vicomte de La Motte-Latour)…aber wie schon vorher gesagt, müsste man eigentlich das gesamte Ensemble erwähnen…und natürlich auch alle Tänzer!
In kurzen Worten: die beste Operettenproduktion seit laaaaangem…
Fahren Sie nach Regensburg, Sie werden es garantiert nicht bereuen !
Robert Quitta, Regensburg

