Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

RED SPARROW

03.03.2018 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 2. März 2018
RED SPARROW
USA / 2017
Regie: Francis Lawrence
Mit: Jennifer Lawrence, Joel Edgerton, Matthias Schoenaerts, Jeremy Irons, Charlotte Rampling u.a.

Zu Beginn tanzt eine Primaballerina im roten Tütü im prunkvollen Bolschoi-Theater, zweifellos ein Double für Jennifer Lawrence, die Darstellerin der Dominika Egorova, die sich nachher, im Abendkleid bewundern und betatschen lassen muss. Wenn man wenig später den Unfall sieht, den sie auf der Bühne erleidet, hat man – es geht allerdings ganz schnell – den Verdacht, ihr Partner habe sie absichtlich zu Fall gebracht, und später gibt es keinen Grund, das zu bezweifeln.

Eine Frau, die plötzlich nicht nur aus ihrer glanzvollen Karriere, sondern ihrer gesamten Existenz (wie versorgt man, wenn man Wohnung und Versicherung verliert, eine kranke Mutter?) geworfen ist – wie viele Möglichkeiten hat sie schon? Und wir erleben die ersten der vielen Gesichter, die Jennifer Lawrence im Laufe des Spionage-Thrillers „Red Sparrow“ aufsetzt.

Nun hat sie einen Onkel, der Vanja heißt, was gar nichts mit Tschechow zu tun hat: Vielmehr hat man den belgischen Schauspieler Matthias Schoenaerts so gestylt, dass er wie ein Double von Putin erscheint, was den Film auch zweifelsfrei im Hier und Heute verankert. Und dieser Onkel bietet den Ausweg: In Staatlichen Schulen werden „Rote Spatzen“ ausgebildet, männliche und weibliche Huren, die man im bösen Spiel der Spionage als Honigfallen auf ausländische Ziele ansetzt, von denen Erkenntnisse zu erhoffen sind.

Und wenn Charlotte Rampling als wahrlich böse Herrin Unterricht erteilt („You will be a sparrow in the global struggle of power“), wird schon klar, dass die Spionage heute auf der Kinoleinwand nicht mehr den Reiz von anno dazumal hat, selbst wenn man die James-Bond-Filme (die ja unter den Märchen einzustufen sind) beiseite lässt. Sonst hat dieses Genre stets etwas Romantisches, Geheimnisvolles, reizvoll Gefahrenumwittertes ausgestrahlt. In diesem Film von Francis Lawrence, gedreht nach dem gleichnamigen Roman Jason Matthews, der sich als Ex-CIA-Mann in der Welt auskennt, die er schildert, ist alles nur noch gnadenlos, kalt, brutal und lebensgefährlich. Unsere Heldin, die ihren Job sehr ungern macht, geht in zweieinviertel Kinostunden so ziemlich durch die Hölle – ob man ihr totale Nacktheit abfordert, ob sie sich vergewaltigen lassen muss, ob sie (von den eigenen Leuten!) brutale Folter erleidet…

Wobei die „Romanze“, die nicht fehlen darf, auch deshalb nicht wirklich funkt, weil Joel Edgerton ein absolut trockener und eigentlich uninteressanter Typ ist. Sie wird in Budapest auf diesen CIA-Mann Nathaniel Nash angesetzt, aber die Amerikaner sind auch nicht ganz blöd, wissen schnell, wer sie ist, und versuchen sie umzudrehen, Doppelagenten sind ja keine Seltenheit im Geschäft. Dominika und Nathaniel hegen scheinbar Gefühle zueinander, aber der einzige Reiz dieser Beziehung besteht darin, dass man wirklich keine Ahnung hat, ob einer von ihnen beiden es auch ernst meint. Oder nicht.

Die Handlung, in der ein cool-eleganter Jeremy Irons als russischer General eine nicht unbedeutende Rolle spielt, in der eine mächtige Amerikanerin (Mary-Louise Parker) bereit ist, Geheimnisse zu verkaufen (wirklich?) und die Russen verzweifelt in den eigenen Reihen einen Verräter suchen, der Nachrichten weitergibt, verstrickt sich dermaßen, dass sie kaum noch zu durchschauen ist. Am Ende hat man so viele widersprechende Informationen erhalten, dass man nicht recht weiß, was man denken soll… was der doch vorhandenen Spannung der Sache keinen Abbruch tut.

Tatsache ist: Wieder einmal geht es um eine starke Frau, und Jennifer Lawrence (teils russisch-blond) macht ihren Part glaubhaft, aber die Zeit der schönen Spionage-Krimis scheint vorbei. Man hat das Gefühl, dieser Film schrammt sehr nahe an einer sicher höchst unschönen Wirklichkeit an.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken