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RAVENNA/ Teatro Dante Alighieri: TOSCA

30.03.2025 | Oper international

TOSCA am 28. März 2025, Teatro Dante Alighieri, Ravenna

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Foto: Luca Gaia Capone

 

Eine Inszenierung, die sich ohne „Zutaten“ ganz an Partitur und Libretto orientiert, besitzt heute Seltenheitswert. Wie schön, dass zumindest in Italien eine solche kostbare Koproduktion zum 100. Todestag Puccinis auf die Beine gestellt wurde, die nach der Premiere in Lucca weiter nach Livorno, Pisa und zuletzt nach Ravenna wanderte. Mit Szenenbildern, die Originalschauplätze nicht verleugnen und nichts entbehren, was es für das Musikdrama braucht, erinnert diese Tosca an Produktionen aus den 1960er und 70er Jahren, zum Beispiel an die Inszenierung von Boleslaw Barlog an der Deutschen Oper Berlin. Giacomo Andrico zeichnet für die ansprechende Bühne und Luca Orsini mit seiner lebendigen, gefühlvollen Personenregie für eine zeitlos anmutende Inszenierung, der nichts Verstaubtes anhaftet. 

Während an den großen Häusern ein Wettbewerb darüber anhält, welcher Regisseur die größte Fantasie in eine völlig neue „Lesart“ eines Stückes einbringt, so dass man es oftmals kaum wiedererkennen kann, war nun im oberitalienischen, an der Adria gelegenen Ravenna tatsächlich eine Tosca zu erleben, die sich ganz und gar in den Dienst der Komposition stellt, und das in beachtlicher Besetzung, die von einem so berühmten Haus wie der Mailänder Scala schwerlich übertroffen werden könnte!

Wem der Name des 27-jährigen britisch-kanadischen Dirigenten Henry Kennedy zuvor schon untergekommen war, hatte das allerdings auch zu hoffen gewagt, stand mit ihm doch ein Künstler aus Riccardo Mutis Talentschmiede am Pult, der die Ideale des Maestros beherzigt. Muti selbst hat ihn zu dieser Einstudierung mit dem von ihm gegründeten Orchestra Giovanile Luigi Cherubini eigens empfohlen. Und er kann stolz sein auf seinen Zögling, der alles Wesentliche, was er 2022 in Mutis Opernakademie in Mailand mitnehmen konnte, umsetzt: sparsame, aber vielsagende Zeichen, präzise Einsetze gleichermaßen für Orchester und Sänger ohne jedwede Effekthascherei und einen sorgsamen Umgang des Texts in Bezug auf die Musik. 

Verglichen mit einigen anderen international bekannteren jungen Kollegen wie Tarmo Peltokoski (24), Patrick Hahn (29) oder Thomas Guggeis (32) ist Kennedy wohl noch  ein Geheimtipp. Einer, der nicht, und schon gar nicht zu früh ein Star sein will, sondern klug und moderat seine Karriere aufbaut, erst einmal von Altmeistern lernt, zu denen als einer seiner Mentoren auch Christian Thielemann zählt, wie auch John Eliot Gardiner, dem er für eine Aufführungsserie von Berlioz‘ „Trojanern“ assistierte.  Und der nun erst einmal in Ottawa als Hausdirigent das National Arts Centre Orchestra in Ottawa leitet, bevor sein Weg ganz sicher an die größeren Konzert- und Opernhäuser führen wird, in denen es freilich schwieriger werden dürfte, künstlerische Überzeugungen, insbesondere bezüglich der Opernregie, durchzusetzen.

Aber wenn es einen jüngeren Dirigenten geben sollte, dem das zuzutrauen wäre, dann gewiss diesem jungen hochmotivierten Künstler, dem es nach eigenen Worten ein Herzensanliegen ist, umzusetzen, was in den Noten steht.

Kennedys Qualitäten haben sich offenbar jedenfalls herumgesprochen, das Teatro Dante Alighieri ist am ersten Abend voll.

Schon mehrfach hat das Luigi Cherubini Orchester unter Riccardo Muti bewiesen, dass es mit Spitzenorchestern mithalten kann, und das auch an diesem Abend, abgesehen von einigen wenigen Passagen, an denen die tiefen Streicher diesmal nicht in so perfekter Homogenität musizierten, wie ich sie schon gehört habe. Aber das Cellosolo im dritten Akt, beliebte Probespiel-Stelle, tönt wunderbar sehnsuchtsvoll und samten im Ton, eben dolcissimo wie von Puccini vorgegeben. Und nicht minder inniglich tönt die erste Klarinette im ersten Akt in ihrem Solo im Duett von Tosca und Cavaradossi, leise und „dolcemente cantando“, also süß gesungen.

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Foto: Luca Gaia Capone

Auf einem solchen hohen Niveau bewegte sich ebenfalls das gesamte Ensemble, in der Titelpartie angeführt von Marily Santoro, eine Schülerin der unvergessenen Raina Kabaivanska.

Santoro verfügt über das für die Rolle gebotene große stimmliche Material, führt ihren Sopran schlank und mit schöner Tongebung durch alle Register bis hin in den dynamischen Olymp ihrer Arie „Vissi d’arte“, deren Spitzentöne sie mit großer Leuchtkraft meistert, ohne geringste Schärfen oder Flackern in der Stimme. Sowohl musikalisch als auch darstellerisch lotet sie zudem alle Facetten ihrer Figur aus.

Wie die junge Italienerin aus Kalabrien alle Emotionen, die ihre Figur durchlebt, Leidenschaft, Eifersucht und Schmerz, verdient alle Achtung. Nicht so exzessiv wie die unvergessene Maria Callas, deren loderndes Feuer sich schon bei ihren ersten Mario-Rufen hinter der Bühne vermittelte, und nicht so unberechenbar wie bei Leonie Rysanek, die ihr Publikum damit erschreckte, wie sie kurz vor ihrer Verzweiflungstat ein Kristallglas zu Boden fallen ließ, aber mit großer Leidensfähigkeit. Die Nervosität, wenn Santoro eifersüchtig das Bild betrachtet, für das ihrem Geliebten die Gräfin Attavanti Modell stand, nimmt man ihr ebenso ab wie den großen Schmerz, der über sie kommt, als ihr Scarpia als sadistischer Peiniger gegenübertritt. Nichts wirkt da künstlich einstudiert, die Angst, aus der heraus sie schließlich die Flucht nach vorn beginnt, dem Tyrannen das Messer in die Brust stößt, sitzt ihr sichtbar in den Knochen. Jedenfalls gefiel mir diese noch junge Sängerin um Längen besser als die in dieser Rolle viel herumgereichte Lise Davidsen mit ihrem unangenehmen starken Vibrato, leichten Schärfen in der Höhe und ihrem wesentlich spröderen Timbre.

Als ein weiterer großer Glücksfall erwies es sich, dass Matteo Lippi anstelle des erkrankten Vincenzo Costanzo als Mario Cavaradossi eine glanzvolle Vorstellung ablieferte, wie man es von einem Ersatzmann nicht unbedingt erwartet hätte. Wie schon so manche große Karrieren als Einspringer begannen, könnte es auch ihm ergehen, der mit seiner imposanten Stimme, Geschmeidigkeit, herrlichstem Belcanto-Gesang und Charisma über alles verfügt, was es für seine Partie braucht. Es sollte jedenfalls nicht verwundern, wenn der Italiener in wenigen Jahren so stark gehandelt werden sollte wie derzeit ein Jonas Kaufmann, Piotr Beczala oder Freddie De Tommaso in der Rolle.

Den dritten im Bunde der Protagonisten gab Devid Cecconi mit seinem profunden Bariton als achtbarer Polizeichef Scarpia. Seitens der Rollengestaltung blieb bei ihm noch ein wenig Luft nach oben. Ein Tyrann, der das Blut gefrieren lässt, ist er nicht, den gnadenlosen Fiesling, den kein Flehen erweicht, hätte er noch stärker herauskehren dürfen. Immerhin in einem Moment ließ er erahnen, wie gefährlich er doch sein kann, als er sich plötzlich zu den Worten „Tosca, finalmente mia“ auf die Begehrte wie zu einer Vergewaltigung stürzte.

Unter den übrigen Mitwirkenden verdienen Dalia Spinelli als Hirte und der von Marco Bargagna einstudierte erstklassige Chor Archè eine besondere Erwähnung. In der kommenden Spielzeit wird die Koproduktion noch einmal in anderer Besetzung in Modena und Ferrara zu erleben sein.

Kirsten Liese

 

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