RAVENNA FESTIVAL/ PALAZZO DE ANDRE: RICCARDO MUTI E L‘ORCHESTRA GIOVANILE LUIGI CHERUBINI am 30.6.2026

Foto: Zani Casadio
Verdi’s Ballettmusiken für seine Opern werden von den meisten gesnobbt. Er habe sie nur auf Druck der Pariser Oper geschrieben gegen seine künstlerischen Überzeugungen, und sie seien sie nichts wert. Regisseure streichen sie ohnehin automatisch, angeblich, weil sie „den dramaturgischen Fluss aufhalten“, in Wirklichkeit weil sie die Kunstform ganz einfach nicht verstehen. Es ist ein Jammer.
Denn wahr ist vielmehr das Gegenteil: Verdis Ballettmusiken gehören zu seinen besten Kompositionen, ja ich würde ketzerisch sogar behaupten, sie s I n d (vielleicht mit Ausnahme des letzten Aktes Aida und einigen Teilen der Traviata) seine besten Kompositionen. In ihnen ist keine Vulgarität zu entdecken, kein Umtata und Tschinderassabumm. Sie sind nicht die aggressiven Ausbrüche eines depressiven Bauern, sie sind vielmehr heiter, fröhlich und elegant.
Ich habe mir schon immer einen Ballettabend nur mit Verdis Ballettmusiken gewünscht, oder zumindest einen Konzertabend mit ihnen.
Nun hat Maestro Muti im Rahmen des Ravenna Festivals mit „seinem“ Orchestra Giovanile Luigi Cherubini zumindest die „Quattro stagioni“ aus der Oper „Vespri siciliani“ aufgeführt, und das Ergebnis war nicht nur erkenntnisreich, sondern geradezu erhebend.
Muti, dessen Musikgeschmack ja sonst eher auf der ernsthaften, tragischen und „vornehmen“ (man könnte auch sagen: steifen) Seite angesiedelt ist, wirkte hier wie verwandelt, befreit und gelöst. Man hat den Maestro, der ja immer von sich behauptet hat, nicht tanzen zu können (oder zu wollen) noch nie soviel tänzeln, ja beschwingt tanzen gesehen wie an diesem Abend, nicht einmal (bzw. schon gar nicht) beim Neujahrskonzert…
Der neue, tänzelnde Muti blieb uns auch beim nächsten Programmpunkt, der ebenfalls nahezu nie aufgeführten Suite Nr.2 aus dem Ballett El sombrero de tres picos, erhalten.
Die sehr perkussionslastige Musik, für Sergej Diaghilew geschrieben, zitiert etliche folkloristische Tänze wie Seguedillas, Farrucas und Jotas und macht heftigen Gebrauch von so „typisch“ spanischen Instrumenten wie Castagnetten, Becken, Xylophon, Triangel und Tam-Tam. Ganz anders geartet als die „Vier Jahreszeiten“, aber auch sehr belebend und Ohren und Seelen erfrischend.
Zum Abschluss folgte Maurice Ravels „Boléro“. Dabei war Tänzeln aufgrund der Struktur der Komposition ja nicht so gefragt. Muti gab hier dem Orchester nur ab und zu mit kleinen, minimalen Gesten uninvasive Impulse – aber genauso souverän wie bei den beiden Balletmusiken. Ravel, der wie so viele Künstler (Modigliani z.B. hasste seine allseits beliebten und begehrten Akte) seine eigenen Werke fehleinschätzte, verachtete bekanntlich dieses „Stück ohne Musik“. Dabei ist die Einzigartigkeit und Genialität des Boléro, die seiner anhaltenden weltweiten Popularität zu Grunde liegt, ja offenkundig und unbestritten.
Ich hege nur einen einzigen Einwand gegen ihn: seinen abrupten, brutalen und uninspierten Schluss. Ich würde mir einmal eine Aufführung wünschen, bei der es nach der höchsten Entfaltung ganz einfach wieder zurückgeht: immer ein Instrument weniger, descrescendo, bis zur anfänglichen Stille…
Wer wagt den Versuch?
Robert Quitta, Ravenna

