Wie aus einem Cembalokauf ein ewiges Meisterwerk zum Welthit wird
Das L’Orfeo Barockorchester aus Linz feierte seinen überaus aktiven Dreißiger in Raiding mit triumphalen Applausklängen (22.3.2026)
Vor dreißig Jahren gründete die Spezialistin für Alte Musik Michi Gaigg gemeinsam mit Carin van Heerden ein Ensemble für Alte Musik zur Pflege historischer Aufführungspraxis. „An die Noten, ihr Damen!“ hieß damals der Appell von 1996, der natürlich auch an die Ohren der Herren gedrungen ist. Was aus diesem Ensemble von Spitzenmusikern geworden ist, wurde einem nach etlichen Erfolgen in den drei Jahrzehnten wieder so richtig bewusst im vollen Konzertsaal des Liszt-Zentrums in Raiding, wo im Rahmen der Barock Tage das Jubiläum des L’Orfeo Barockorchesters über die Bühne ging. Das Konzert in einem akustisch wundergleichen Holzbauwerk mit seinen zwanzig Jahren und einem Fassungsraum von 590 Besuchern feierte also zugleich ein Doppeljubiläum, das in seiner Qualität kaum zu überbieten wäre. Die Programmgestalter in Raiding warten jährlich im Frühjahr und Herbst mit einem besonderen Haupttreffer auf. Zu dem durch Franz Liszt zum Mittelpunkt der klassischen Musik gewordenen Marktflecken mit etwa tausend Einwohnern pilgern seither in- und auswärtige Konzertfreunde in Strömen. Raiding mausert sich immer mehr zu einem konkurrenzlosen Festspielort. Die großartige Vielfalt des Angebots der intendantischen Ideenträger Johannes und Eduard Kutrowatz eroberten längst das Interesse aller Musikliebhaber. Wen in Raiding einmal das Engagement-Glück ereilt, der fasst es erneut am Schopf und kehrt gerne zurück. Der Erfolg steigert sich zum Ereignis, bleiben doch das einmalige Ambiente der angrenzenden Parkanlagen des Zentrums sowie die fachlich kompetent gestalteten Ausstellungen zu Ehren des „romantischen Klavierdämons“ Liszt in unauslöschlicher Erinnerung. Hier wächst sein Ruhm weit über diese Bezeichnung hinaus.
Das L’Orfeo Barockorchester aus Linz war zum dritten Mal in Raiding, und dies in einer Hochform bei einer Matinee, für die sich die Prinzipalin Michi Gaigg ein Spezialkonzert mit einer Auswahl aus Bachs Brandenburgischen Konzerten, einem ihrer Wunschwerke, ihre ganze Liebe schenkte.
Nur die Entstehung der Sammlung wirft Fragen auf, die alle mit einer außergewöhnlichen Hingabe gelöst und überflüssig wurden. Bach war bekanntlich 1718 zu einem Cembalokauf nach Berlin gereist und lernte dort den Markgrafen Brandenburg kennen, den er zum Widmungsträger des Werkes erkoren hatte. Aber so zügig setzte Bach die Komposition nicht fort, so dass die Partitur erst 1721 nach Köthen, dem Hofkapellmeistersitz Bachs, gelangte und die Beachtung einer offiziellen Aufführung des Gesamtwerkes noch auf sich warten ließ. Es ist zu einem Welthit geworden und auch bis heute nicht unbedingt in kompletter Form aufzuführen. Die große stilistische und strukturelle Vielfalt der individuellen Zusammenstellung der Konzerte gleichberechtigter Soloinstrumente eröffnet jeweils eine andere Melodienwelt und erreicht den Status von Solokonzerten trotz der kammermusikalisch geprägten Affektsprache. Von den Konzerten standen diesmal Nummer eins, vier, fünf und zwei am Programm und führten zu einer wahrhaft Bachischen Utopia. Die Konzerte erzählen von der Jagd über Ruhm, vom Schutz der Musen, von Herrschergüte und vom Krieg führen. Aber was macht schon der Inhalt aus? Wenn man vom Klangrausch beseelt ist, die virtuose Technikbeherrschung auf bewundernswerte Art erlebt und die grandiosen Momente der Ausführung zu einem Raidingschen Mysterium auswachsen. Zudem hatte die Besetzung noch Überraschungen parat. Eine „kleine“ Violine oder ein klangoriginales Horn in seiner historiengetreuen Bauart waren geniale Ausdrucksergänzungen. Das Klangspektrum in seiner Farbigkeit und Dynamik profitierte von der wechselnden Aufstellung der Musiker, aber darauf Wert zu legen, ist gerade in der Alten Musik ein übliches Interpretationsmerkmal. Man sollte diesmal eigentlich jedes Ensemblemitglied namentlich auf dem Programm finden können. Die hilfreichen Informationen einiger waren ja begrüßenswert, aber als ein summa cum laude ist das Lob für den doppelten Jubiläumsabend kaum so hoch auszurufen, wie man es sich gebührend gewünscht hätte. Viel länger und stärker hätte es ausfallen sollen. In dreißig Jahren ist am Dienst der Alten Musik vieles passiert. Als Pionier auf diesem Gebiet darf jedoch das L’Orfeo Barockorchester gelten. Der an Michi Gaigg überreichte Blumenstrauß war sicher symbolisch auch dem gesamten Orchester gewidmet.
Georgina Szeless
Kulturjournalistin

