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RADEBEUL/ Landesbühne Sachsen: DER VAMPYR von Heinrich Marschner

01.01.2024 | Oper international

RADEBEUL / Landesbühnen Sachsen: DER VAMPYR von HEINRICH MARSCHNER
29.12. 2023 (Werner Häußner)

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Foto: René Jungnickel

Karfreitag 1860. Ein Mann wird zu Grabe getragen. Die Witwe und zwei Kinder trauern. Die Kirchengemeinde mit dem Priester am Altar betet das christliche Glaubensbekenntnis. Der Satz: „zu richten die Lebenden und die Toten“ und der Hinweis auf „das ewige Leben“ lassen irgendwie erschauern. Denn der Verstorbene ist nicht tot. Er kehrt wieder als weiß gekalktes Gespenst. Während die Ouvertüre dem Finaltriumph zustrebt, mischen sich unter die Biedermänner der Gemeinde verschleierte blutige Geisterbräute. Und der Untote findet in der Witwe sein erstes Opfer. Ihr Blut wird ihm zum neuen Leben.

Der momentan an Bühnen wie Gelsenkirchen, Frankfurt und Wuppertal aktive junge Regisseur Manuel Schmitt hat in seiner Inszenierung von Heinrich Marschners oft zur Schaueroper reduziertem Hauptwerk „Der Vampyr“ geschickt auf die Bildwelt der „gothic novel“ und auf den traditionellen katholischen Symbolkanon zurückgegriffen. Julius Theodor Semmelmann baut ihm dafür auf die Bühne des Theaters im sächsischen Radebeul den Innenraum einer Kirche. Im Sprenggiebel ihres Altars leuchtet der Vollmond, der den Untoten Licht und Leben gibt, während sie die Sonne – ein Christussymbol – zu Staub vernichten würde. Das Altargemälde zeigt Adam und Eva mit einem Skelett im Hintergrund: Das erste Menschenpaar, der Versuchung erlegen und umhüllt vom Tod. Ein berührender Chor wird später in der Oper diese Todesverfallenheit thematisieren: „Freuden und Leiden im irdischen Leben wechseln so rasch, wie die Stunden entschweben.“

Unter den Regisseuren des „Vampyr“ in den letzten zehn Jahren (Hannover 2022: Ersan Mondtag; Koblenz 2017: Markus Dietze; Berlin, Komische Oper 2016: Antú Romero Nunes; Halle 2014: Wolf Widder) kommt Schmitt der Komplexität des Stoffes am nächsten. Denn er deckt auf, in welcher Weise die von Wilhelm August Wohlbrück als Librettist erstellte Version mit christlicher Symbolik und dem Begriff des Bösen zusammenhängt. Und er stellt die von Marschner betonten Aspekte des dämonisch-faszinierenden Gentlemans heraus, der gleichwohl zum Bösen verdammt an seinem Schicksal leidet. Er „muss es saugen, das teure Blut“: Gierige Lüsternheit und qualvoller Zwang gehen ineinander über. Der elegante Verführer reizt seine weiblichen Opfer dazu, gegen die gesellschaftliche „Vernunft“ zu verstoßen, um in der sexuellen Grenzüberschreitung sich selbst neu zu erfahren und in einem wollüstigen Tod die finale Erfahrung des entfesselten Eros zu erleben, bevor das letzte existenzielle Erschrecken in einem Schrei hervorbricht.

Schmitt erfindet bildstarke Szenen, seine präzise Handschrift in der Führung der Personen und sein Gespür für Tempo lässt die Erzählung spannend werden und vertieft die Beziehungen der Personen. Davon profitieren Schlüsselszenen wie die Konfrontation des blutgierigen Lord Ruthven mit seinem Retter Edgar Aubrey: Der junge Mann, fest entschlossen, seine geliebte Malwina um jeden Preis vor den Fängen des Vampyrs zu retten, muss erfahren, welche schauerlichen Folgen ihn erwarten, sollte er seinen ahnungslos geleisteten Schwur brechen, über das Wesen des Vampyrs zu schweigen.

Für diese Szene hat Marschner seine Sprache am weitesten fortentwickelt. Die spannungsvolle, freie, den Text überhöhende musikalische Deklamation sucht in der Oper um 1828 – als „Der Vampyr“ in Leipzig einen sensationellen Erfolg errang – vergeblich ihresgleichen. Marschner porträtiert hier musikalisch den dämonischen Helden, den er in „Der Templer und die Jüdin“ und „Hans Heiling“ weiterführt und der dem literarischen Vorbild der romantisch zerrissenen Gestalten Lord Byrons am nächsten kommt. Damit erweist sich der sonst durchaus dem Biedersinn zuneigende Marschner als eigenständige musikalische Persönlichkeit, die in der hartnäckig die Literatur durchziehenden Zuschreibung als bloße Mittlerfigur zwischen Weber und Wagner nur unzureichend erfasst wird.

Selbstverständlich bezieht sich Marschner auf Traditionslinien, die vom deutschen und französischen Singspiel seiner Zeit, auch von Mozarts „Don Giovanni“ und von Beethovens „Fidelio“ herkommen. Sicher klingt Carl Maria von Weber in vielen Momenten, vor allem in der Ouvertüre, der Auftrittsszene der Malwina und dem Jubel des Finales als Vorbild durch. Und Richard Wagner hat in seiner abschätzigen Bewertung der Opern Marschners geschickt verschleiert, was er einst in Würzburg bei der Einstudierung des „Vampyr“ und später von „Hans Heiling“ gelernt hat. Vom Monolog des „Fliegenden Holländers“ über die Ballade der Senta bis zum Herzensjubel Elisabeths im „Tannhäuser“ sind die Anregungen Marschners zu spüren, von denen aus Wagner seinen Weg zu substanziell neuen Ufern aufnimmt.

Die „Vampyr“-Produktion in Radebeul, bereits im März 2020 bis zur Generalprobe fertiggestellt, zwei Tage vor der Premiere wegen der Corona-Pandemie abgesagt und nach einem vergeblichen Anlauf 2022 am 4. November 2023 endlich und so glücklicher- wie verdienstvoller Weise auf die Bühne gebracht, macht Marschners eigenständige Handschrift erfahrbar. Manuel Schmitt erzählt den „Vampyr“ als Anti-Mythos zur christlichen Erlösungsbotschaft. Mit blasphemischen Zügen wird sie pervertiert: Der Priester spricht die Worte des Vampirmeisters, der Lord Ruthven ein Jahr „unter den freien Menschen“ verspricht, wenn er drei Bräute „zart und rein“ als Opfer darbringt. Der Vampyr lebt vom Blut, das dem Herzen der Opfer entquillt, und verwandelt sie zu Untoten, während Jesus sein Blut vergießt, um den Menschen Erlösung und ewiges Leben zu eröffnen. Schmitt lässt den Blutsauger über einem Kelch ein Herz auspressen, das an die „Herz Jesu“-Darstellungen der populären katholischen Frömmigkeitstradition erinnert.

Solche Herzen tragen auch seine Opfer mit sich. Auf dem Altar versucht der Vampyr, seine Opfer zu beißen – mit Gewalt, denn in diesem Moment erkennen die Frauen, was mit ihnen geschehen soll. Der „Zauber“, der sie vorher zu dem geheimnisvoll eleganten Mann gezogen hat, fällt in diesem Moment ab. Die Eucharistie, die der Priester am Ende des ersten Akts vollzieht, trägt ambivalente Züge, rückt in die Nähe einer blasphemischen „schwarzen“ Messe.

Der Schatten des Bedrohlichen weicht auch in den volkstümlichen Szenen zu Beginn des zweiten Aktes nicht. Schmitt gibt ihnen eine groteske Heiterkeit und streut wie in einem gekonnten Horror-Movie beziehungsreiche Zeichen ein: den Blutkelch, den eine Frau leert („köstlich ist der Wein …“), das Mondlicht, das auf die Zecher fällt und so gar keine trauliche Atmosphäre erzeugt, Lord Ruthven, der scheinbar aus dem Nichts mit seinem „Guten Abend“ unter den Leuten erscheint.

Auf die Spitze treibt Schmitt den aussagestarken Beziehungsreichtum der Zeichen, wenn er das gemütvollen Trinklied von vier Taugenichtsen zu einer grausigen Leichenfledderei verwandelt: Zu „Im Herbst, das muss man trinken“, im 19. Jahrhundert ein beliebter Hit, presst das Quartett Blut aus menschlichen Gliedmaßen in seine Kelche, labt sich also nicht harmlos an „der Traube Blut“, sondern erinnert an R.M. Renfield aus Bram Stokers „Dracula“, den ergebenen Diener und Helfer des Untoten.

Das Ende lässt Schmitt gegen den zuversichtlichen Jubel der Musik offen und nähert sich damit der Vorlage, dem Schauspiel „Der Vampyr oder die Todten-Braut“ von Heinrich Ludwig Ritter, das wiederum auf der ersten modernen Vampir-Erzählung, „The Vampyre“ des Byron-Gefährten John Polidori fußt: Ob die „Gottesfurcht im frommen Herzen“ wirklich erfolgreich dem Bösen widersteht, wissen wir nicht. Wir sehen nur Aubrey, der seinen Schwur bricht, und entseelt in die Arme Malwinas sinkt.

Der Spannungsbogen von Marschners Oper hätte sich noch wirkungsvoller entwickelt, hätte Schmitt auf die Form vertraut und die gesprochenen Dialoge den Darstellern überlassen, statt sie von der Lautsprecher-Erzählerinnenstimme von Freya Schmidt zusammenfassen zu lassen. Der Wechsel im Medium schafft – unfreiwillig? – eine andere Erzählebene und lässt die Musikstücke zu isoliert erscheinen. So wird etwa die unheimliche Musik des Melodrams im ersten Akt, in dem das Mondlicht den verletzten Ruthven heilt, empfindlich gestört. Allerdings ist auch das erstaunlich hemdsärmelige Dirigat von Ekkehard Klemm an vielen Stellen nicht prädestiniert, musikalische Spannung aufkommen zu lassen.

Schon in der Ouvertüre klingt die Elbland Philharmonie Sachsen grob, wirken die Instrumente zu wenig austariert, fehlt dem Lyrischen die Anmut und dem Finaljubel das Strahlen. Auf der anderen Seite stehen aber sehr bewusst und sorgfältig gestaltete Momente, gerade wenn es darum geht, den „modernen“ Marschner zu präsentieren. Der Opernchor der Landesbühnen Sachsen bemüht sich rhythmisch eher verhuscht darum, den flüchtigen Charakter der „Hexen und Geister“ zu erfassen. Den Auftritt der ersten Unglücksbraut Janthe dirigiert Klemm forsch durch, statt der lyrischen Schwärmerei des jungen Mädchens eine entsprechende Phrasierungs- und Tempogestaltung zu geben. Anna Erxleben hat daher mit ihrer feinen, aber hart gebildeten Stimme Probleme, über eine holprige Phrasierung hinauszukommen.

Dem Auftritt Malwinas fehlt dann die Emphase: Dieses Porträt einer Frau, die mit ihren begrenzten Mitteln dem patriarchalen Zugriff des Vaters und der Männer entschiedenen Widerstand entgegensetzt, braucht eine kontrastreiche musikalische Dramaturgie zwischen Warten, Bangen, Zweifel, Gewissheit, Jubel und Gottvertrauen. Marschner setzt – ähnlich wie Weber bei Agathe („Der Freischütz“) und Rezia („Oberon“) die Möglichkeiten einer dramatischen Stimme gekonnt ein. In Radebeul müht sich Franziska Abram im maskulinen Reiterkostüm und später als „romantische“ Braut mit allen vokalen Mitteln um ein glaubwürdiges Rollenporträt. Mit wechselndem Erfolg: Die Stimme ist groß, aber in der Tonbildung schwer zu disziplinieren, hat keine ausdauernde Legato-Stetigkeit, ringt um ein flexibles Piano und um den Glanz im hymnischen Aufschwung. Dennoch: Abram kann die wachsende Verzweiflung, die Ohnmacht, die resignativen und die widerständigen Züge dieses Charakters zum Ausdruck bringen.

Im dritten Aufzug schafft Marschner mit zwei neuen Frauenstimmen einen wirkungsvollen Kontrast: Da ist Emmy, ein naives Mädchen aus dem Volk, Braut des wackeren Schlossbediensteten George (mit gefährdetem Tenor: Florian Neubauer). Ihr ist mit der Ballade „Sieh, Mutter, dort den bleichen Mann …“ ein musikalisch avanciertes Solo anvertraut, dessen sich Stephanie Krone mit verklemmtem, nicht frei schwingendem, in die Höhe genötigtem Sopran entledigt, kaum gestützt vom Dirigenten, der eine gleichgültige Tempodramaturgie pflegt. Die andere ist Suse Blunt, angelegt als keifende Komikerin, mit deren schwierig zu artikulierenden Plapper-Schimpfkanonaden Ylva Gruen auf verlorenem Posten kämpft.

Auch bei der Besetzung der Titelrolle muss man sich in Radebeul auf Kompromisse einlassen: Dániel Foki ist nicht der mit heldischen Zügen ausgestattete Kavaliersbariton, der für Lord Ruthven erforderlich ist, sondern ein lyrischer Bariton ohne Nachdruck und Kraft im Kern der Stimme. Mit seinen Mitteln versucht er, den Charakterzügen des Vampyrs zwischen Wollust und Schmeichelei, Grandezza und Gewalt gerecht zu werden. Sein Gegenspieler Taejun Sun als Aubrey war in der besuchten Vorstellung der überzeugendste Sänger im Ensemble. Er bildet einen stetigen lyrischen Ton und bewältigt die dramatischen Ausbrüche, ohne forcierte Kraft einzusetzen.

Die kleineren männlichen Rollen sind zuverlässig, aber glanzlos besetzt: Do-Heon Kim als autoritärer und verblendeter Vater Malwinas (Sir Humphrey Davenaut), Michael König als verzweifelt die Tochter suchender Vater im Schlafanzug (Sir Berkley), Hans Udo Vogler mit klarer Diktion als priesterlicher Vampirmeister. Das Quartett der Trunkenbolde scheitert kläglich daran, aus dem launigen Reigen zum Lob des Weines eine musikalisch achtbare Nummer zu formen: Michael König (Tom Blunt) als Vorsänger, Kay Frenzel (James Gadshill), Johannes Wollrab (Richard Scrop) und Fred Bonitz (Robert Green) verschenken das Kabinettstückchen ziemlich auf ganzer Linie. Erfolgreich ist „Der Vampyr“ an der Elbe dennoch: Das Haus war gut gefüllt und auch die Vorstellung am Vorabend des Dreikönigstags bis auf wenige Einzelplätze verkauft. Ein Indiz dafür, dass Marschner auch heute sein Publikum faszinieren kann.

Noch eine Vorstellung angekündigt am Samstag, 10. Februar 2024. Info: https://www.landesbuehnen-sachsen.de/spielzeit/der-vampyr/

 

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