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Praschl-Bichler: KINDERJAHRE KAISER KARLS

22.10.2014 | buch

 BuchCover  Praschl Pichler, Kinderjahre Kaiser Karls

Gabriele Praschl-Bichler: 
KINDERJAHRE KAISER KARLS
Aus unveröffentlichten Tagebüchern seines Großvaters
256 Seiten,
Amalthea Verlag, 2014

Unveröffentlichte Tagebücher von berühmten Persönlichkeiten zu finden – oder von Leuten, die mit solchen umgingen und ein besonderes Licht auf sie werfen, ist der Traum jedes Historikers. Gabriele Praschl-Bichler ist es gelungen, nur dass sie den Lesern nicht mitteilt, woher die Tagebücher von Erzherzog Carl Ludwig kommen, die sie hier in kluger Auswahl mit nötigen Kommentaren im Text veröffentlicht. Das wäre doch nicht uninteressant zu wissen…

Das Titelblatt zeigt einen älteren Herren, der auf den ersten Blick wie Kaiser Franz Josef aussieht (was dem Verlag sicher willkommen ist), mit einem kleinen Jungen vor ihm: Es sind allerdings Erzherzog Carl Ludwig und der kleine Karl, der spätere „letzte Kaiser“. Es erscheint wie ein kleiner Etikettenschwindel, das Buch unter dem Titel „Kinderjahre Kaiser Karls“ herauszugeben, obwohl es natürlich einzusehen ist: Denn Erzherzog Carl Ludwig (1833-1896), der um drei Jahre jüngere Bruder von Kaiser Franz Joseph (zwischen ihnen lag noch der beim mexikanischen Kaiserabenteuer verstorbene Maximilian), ist eine in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannte Persönlichkeit.

Sein Sohn Franz Ferdinand wurde heuer, zu seinem 100. Todestag (plus Erster Weltkrieg) ausführlich abgearbeitet. Bleibt als Verwandter von Bedeutung also nur der Enkel Karl (1887-1922), 1916 dann kurzfristig Österreichs letzter Kaiser, der immerhin auf einige Bekanntheit und einiges Interesse zählen kann.

Was die „Kinderjahre“ betrifft: Der Junge war beim Tod des Opas erst gerade neun Jahre alt, und man erfährt von seiner Kindheit wenig mehr, als dass er ein liebes braves Kind war, um das sich die Mutter kaum kümmerte, der Großvater allerdings sehr (er vergaß auch nie, den Enkel Geschenke mitzubringen).

Nein, die Tagebücher Carl Ludwig sind teilweise um ihrer selbst willen interessant, wenn auch nicht formal. Denn die Detailverliebtheit der Aufzeichnungen erstreckt sich auf jedes Essen, auf jede Fahrt irgendwohin, auf die Kleidung, die er anlegte, ob wichtig oder unwichtig galt ihm gleich. Interessant, dass von der Arbeit nie die Rede ist – es sind immer nur „Akten“, um die es geht, wobei am Schreibtisch dieses tüchtigen Erzherzogs wohl die unterschiedlichsten Belange gelandet sein müssen. Hätte er nur darüber so ausführlich berichtet!

Die Aufzeichnungen, für die der Erzherzog jährlich ein neues Buch begann, das er mit engster Handschrift füllte (es gibt ein Foto), offenbar ohne Absatz herunter geschrieben (eine bewundernswerte Entzifferungs-Leistung!), setzen hier also im Jahr 1887 ein. Da gebiert Maria Josepha, die sächsische Gattin von Carl Ludwigs zweitem Sohn, dem übel beleumdeten Erzherzog Otto (den der Vater allerdings sehr mochte, mehr als seinen Erstgeborenen Franz Ferdinand, gewinnt man den Eindruck), am 17. August ihr erstes Kind, das mit dem klassischen Jubel „Es ist ein Bub!“ begrüßt wurde, was damals allemale noch mehr als ein Mädchen galt. Karl war da – dass er einmal Kaiser sein würde, lag allerdings noch außerhalb des Denkbaren.

Dann liest man sich in sorglicher Auswahl durch die Alltagsaufzeichnungen, die in ihrem peniblen Sinn für das Unwesentliche nicht aufhören zu überraschen, und begegnet dem Alltag eines Erzherzogs, der bei seinem Bruder, dem Kaiser, um Audienz einkommen musste wie jedermann auch. Man erfährt, dass Kronprinz Rudolf und Erzherzog Otto sich nahe standen, so wie man erfährt, dass beider Gattinnen, Kronprinzessin Stephanie und Erzherzogin Josepha, gar keine Lust zeigten, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen (was sie natürlich auch nicht mussten) – zwei unzufriedene, launische Ehefrauen.

Interessant auch, wie mobil man damals trotz weit schlechterer Verkehrsbedingungen war (1892 gab es einen Unfall, wo Carl Ludwig in einer Kurve aus dem umkippenden Wagen gschleudert und verletzt wurde) – einen großen Teil seiner Zeit verbrachte der Erzherzog mit seiner Familie in der Villa Wartholz am Semmering, war aber imstande, für einen Tag zwecks Amtsgeschäften morgens nach Wien und abends wieder zurück zu fahren (und zwischendurch noch Spielzeug für den Enkel einzukaufen). Man reiste extrem viel, nicht nur auf die Güter in Ungarn und in den Süden (oft nach Meran), sondern auch zur Repräsentation. Im übrigen besuchte man oft Verwandte (auch in Bayern, nicht nur wegen Kaiserin Elisabeth, schließlich war auch die Mutter von Carl Ludwig eine Bayernprinzessin).

Nach dem Tod von Kronprinz Rudolf, dessen genaue Umstände anfangs auch der Familie verheimlicht wurden (als der Erzherzog sie dann aber erfuhr, stellt man bei Carl Ludwig auch kein wahres Entsetzen fest, er bleibt immer moderat), wurde der Bruder des Kaisers Nächster in der Thronfolge und noch mehr zu wichtigen Aufgaben (Besuch königlicher Gäste wie des persischen Schahs, Reisen durch die Kronländer bis zu offiziellem Auftrag nach Russland) herangezogen.

Carl Ludwig war ein ausgesprochener Familienmensch in steter Sorge um seine zahlreichen Kinder (von denen einige damals noch klein waren), manches an Krankheiten ist da zu berichten, auch die disziplinierte Gattin Erzherzogin Maria Theresia lag immer wieder unter Migräne-Attacken danieder. Die Söhne wurden auch in ihren Garnisonen besucht, zu Familienfesten kamen alle zusammen, Kindergeburtstage waren so wichtig wie die „heiligen Zeiten“, die von den katholischen Habsburgern natürlich genau beachtet wurden (wie die Autorin meint, dass es auch ihr Katholizismus war, der ihre im Grunde einfache, bürgerliche Lebensführung bedingte).

Interessant ist, dass in den Tagebüchern von Carl Ludwig im Zusammenhang mit dem Verwandten Erzherzog Albrecht auch mehrfach die Rede auf die „Hofdame Gfn. Sophie Chotek“ kam, ohne dass Carl Ludwig ahnen konnte, was sie im Leben seines Sohnes Franz Ferdinand bedeuten würde. Auch dass es künftige Geschichte war, Herzog Robert von Parma in seinem eben 1889 gekauften Schloß in Schwarzau zu besuchen, weiß nur der Leser von heute – Zita, die spätere Gattin von Enkel Karl, war damals noch nicht geboren. Allerdings lernten die beiden einander schon als Kleinkinder kennen, weil sich die am Semmering ganz nahe beieinander wohnenden Familien oft besuchten.

Eine relativ große Rolle spielt die Sorge Carl Ludwigs um seine Tochter Margarete, die lange krank war, aber während ihres Genesungsaufenthalts in Meran Herzog Albrecht von Württemberg kennen und lieben gelernt hatte und dann im Jänner 1893 heiratete. Carl Ludwig, für den seine Familie sein Ein und Alles war, besuchte das junge Paar schon im April in Stuttgart.

1893 wurde Carl Ludwigs 60. Geburtstag gefeiert, 1895 bekamen Otto und Maria Josepha einen Bruder für Karl, den kleinen Maximilian, und 1896 kam das eigentlich sinnlose Ende, eine Folge von des Erzherzogs Familiensinn und Frömmigkeit: Mit einem Großteil seiner Familie reiste er nach Ägypten, um seinen Sohn Franz Ferdinand zu besuchen, der dort einen monatelangen Genesungsaufenthalt genommen hatte. Bei dieser Gelegenheit absolvierte man auch das übliche Touristenprogramm.

Tragisch zu lesen, wenn Carl Ludwig am 20. März 1896 notierte, dass er in Jerusalem eine Blechbüchse kaufte, die ich selbst mit Jordanwasser füllte. Dieses Wasser war sein Tod, wenn auch erst zwei Monate danach, in denen er nicht mehr von seiner Infektion genas. Er starb am 14. Mai 1896 in Schönbrunn.

Das Kind Karl, der spätere Kaiser, geistert nur als geliebter kleiner Enkel ohne besondere Kennzeichen durch die Aufzeichnungen. Wer sich für Habsburg interessiert, wird diesen Einblick ins Familienleben dennoch schätzen.

Renate Wagner

 

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