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POZNAN/ Posen/Teatr Wielki: MANRU von Ignaz Jan Paderewski

Ein Staatspräsident, ein Hackbrett, die weinende Zigeunergeige und zwei Dutzend Harleys

17.12.2018 | Oper

Ignaz Jan Paderewski: Manru, Teatr Wielki, Posen, Besuchte Vorstellung: 15.12.2018

 Ein Staatspräsident, ein Hackbrett, die weinende Zigeunergeige und zwei Dutzend Harleys

Polen feierte im Jahre 2018 landauf, landab den 100. Geburtstag seiner Wiedererstehung und dazu boten sich die Werke des Nationalkomponisten Stanislaw Moniuszko besonders an, da 2019 dessen 200. Geburtstag gefeiert wird. Das Teatr Wielki in Posen hat selbstverständlich auch Moniuszko’s Halka im Repertoire, feierte das Staatsjubiläum aber zusätzlich auch mit einer Inszenierung der Oper „Manru“ (Koproduktion mit dem Teatr Wielki in Warschau) von Ignaz Jan Paderewski, um diesem Architekten der Unabhängigkeit die gebührende Ehre zu erweisen.

Paderewski dürfte im deutschen Sprachraum in erster Linie als Piano-Virtuose bekannt sein, hat aber auch komponiert und war der erste Minister-Präsident des wiederauferstandenen Polen (Januar bis Dezember 1919). Eine besondere Beziehung zu Posen hat Paderewski, weil er hier am 27. Dezember 1918 eine Rede hielt, die den Grosspolnischen Aufstand (auch Posener Aufstand) auslöste. Am 16. Februar 1919 siegten die Aufständischen und erreichten die Eingliederung der preussischen Provinz Posen in den neuen Staat.

Nach seinem Debut als Pianist im Jahre 1887 hatte Paderewski rasch grosse Erfolge, die sich bei Tourneen durch die USA in den Jahren 1891 und 1892 bis zu hysterischer Bewunderung („Paddymania“) steigerten. Auf Grund seiner Erfolge konnte Paderewski nicht nur wohltätig aktiv sein (Stiftungen zur musikalischen Nachwuchsförderung in den USA und Deutschland, Unterstützungsfonds für polnische Kriegsopfer in Grossbritannien) sondern auch seine Beziehungen für die Sache Polens nutzen: Im Anschluss an ein Konzert im Weißen Haus konnte Ignacy Paderewski US-Präsident Woodrow Wilson dazu bewegen, die Wiedergründung Polens zu einer seiner Kernforderungen für die Neuordnung Europas zu machen (Punkt 13 in Wilsons 14-Punkte-Programm).

Erste Planungen zur Oper, die seine Karriere als Pianist krönen sollte, existierten seit Herbst 1885. Als Initialzündung die Pläne umzusetzen, kann ein Treffen mit seinem späteren Librettisten Alfred Nossig 1889 in Wien gelten. 1893 hatte dieser das Szenario fertiggestellt und seit 1897 war die Uraufführung in Dresden, dem Paderewski wegen der Aufnahme der November-Flüchtlinge im Jahre 1830 besonders zugeneigt war, geplant. Am 29. Mai 1901 fand die Uraufführung am Königlichen Opernhaus in Dresden statt und, nach Aufführungen an zahlreichen europäischen Häusern, nicht einmal ein Jahr später, am 24. Februar 1902, fand die amerikanische Erstaufführung an der Metropolitan Oper in New York statt. Bis heute ist „Manru“ die einzige polnische Oper eines polnischen Komponisten, die an der MET gespielt wurde.

Literarische Vorlage zu „Manru“ war der 1854 erschienene Roman „Die Hütte hinter dem Dorf“ (Chata za wsią) von Josef Ignaz Kraszewski. Manru spielt in der hohen Tatra, die Paderewski in den Jahren 1883 und 1884 bei Kuraufenthalten in Zakopane kennengelernt hatte. Nach diesen Aufenthalten entstand Paderewskis Tatra-Album op. 12.

Die Handlung der Oper beginnt damit, dass eine Dorfgemeinschaft eine wichtige Feier vorbereitet. Die Stimmung ist getrübt: die wohlhabende Bäuerin Jadwiga beklagt, dass ihre Tochter Ulana mit dem Zigeuner Manru liiert ist. Die Mutter wie auch die Dorfgemeinschaft empfinden diese Verbindung als Verbrechen. Der Zwerg Urok ist ebenfalls verärgert, denn er liebt Ulana selbst und kann seine Gedanken an ihre Liebe zum Zigeuner, von dem sie ein Kind erwartet, nicht verdrängen. Ulana zerstört Uroks Hoffnungen vorerst nicht, denn sie möchte von ihm einen Zaubertrank bekommen, der Manrus Begehren ihr gegenüber wiederaufleben lassen und der Untreue der Zigeuner entgegenwirken soll. Urok aber verängstigt Ulana mit einer Vision der Unglücke, die sie wegen ihrer Liaison mit Manru ereilen sollen. Ulana bittet ihre Mutter um Versöhnung und Rückkehr, aber Jadwiga stellt ihre Tochter vor die Wahl das Verhältnis aufzugeben oder aber endgültig verstossen zu werden. Ulanas Liebe ist unerschütterlich und sie entscheidet sich bei Manru zu bleiben, was die xenophobe Aggression der Dorfgemeinschaft nur noch mehr steigert. Manru kommt um seine Frau zu retten und von Jadwiga geschützt können sie zur Hütte hinter dem Dorf fliehen.

Ulana und Manru führen nun ein Leben in Armut und Unsicherheit. Manru spürt, dass der Preis, seine angestammte Welt, in der er frei war und etwas bedeutete, zu verlassen, zu hoch war. Urok ist mit den von Ulana gewünschten Kräutern gekommen, wovon sie aber nichts weiss. Er kümmert sich intensiv um Ulana, was Manru akzeptiert, weil Urok der Einzige ist, der ihm nicht mit Fremdenfeindlichkeit begegnet. Plötzlich ist das Spiel einer Violine zu hören, das auf Manru magische Wirkung hat: er erinnert sich an vergangene Zeiten und sein Verhältnis zur Zigeuner-Schönheit Aza. Manrus alter Freund Jagu ist gekommen, um ihn als Anführer zurück zu den Zigeunern zu holen. Manru lehnt die Rückkehr ab und bleibt, Uroks Zaubertrank sei Dank, Ulana treu. Der Zaubertrank wirkt aber nicht ewig. Manru ist die eigene Freiheit doch wichtiger und er verlässt Frau und Kind.

Manru ist zurück bei den Zigeunern, wo ihn aber die Meisten noch als Verräter betrachten. Entsprechend ist sich Manru selbst nicht sicher, ob er mit Aza ein neues Leben beginnen will. Jagu kommt mit dem Geiger: Ihm gelingt es Manru Akzeptanz in der Gemeinschaft zu verschaffen und Manru zu überzeugen mit Aza ein neues Leben als Anführer zu beginnen. Macht wird kaum je ohne Blutvergiessen erreicht und so ist Manrus neues Leben von Anfang an durch Gewalt geprägt. Ulana sucht wieder nach Manru, den sie noch immer liebt. Sie bittet Urok, Manru zu ihr zurückzubringen und versucht, als sie erkennen muss, dass sie keine Chance mehr hat, Suizid zu begehen. Urok bringt den Sohn zu ihr und damit gelingt es ihm Ulanas und die eigene Seele zu retten.

Regisseur Marek Weiss hat sich, um Paderewskis Warnung vor auf Xenophobie beruhenden destruktiven Ängsten zu unterstreichen, entschieden die Produktion in der Gegenwart anzusiedeln. Eine Identifikation mit Protagonisten scheint ihm, wie er sich im Programmheft äussert, nicht möglich.


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So hat ihm Bühnen- und Kostümbildner Kaspar Glarner eine ganz zeitgenössische Umgebung geschaffen. Der erste Akt spielt in einem Gasthaus oder Veranstaltungssaal.


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Der zweite Akt, wo das Paar vom Schrottsammeln lebt, spielt in einer Art Werkstatt. Da die Zigeuner folgerichtig als moderne „Fahrende“, offene Hippies im Sinne von Woodstock gesehen werden, taucht nun schon Manrus Motorrad auf.


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Entsprechend gehört Manru dann im dritten Akt zu einer Hippie-Kommune, die in Easy Rider-Manier auf Motorrädern unterwegs ist. Regisseur Marek Weiss konstatiert im Programmheft einen noch immer aktuellen Sprach-Konflikt, bei dem die deutsche Sprache als fremd gilt und so wird der dritte Akt, der ja unter den Zigeunern/Hippies spielt, in Posen, nicht aber Warschau, auf Deutsch gesungen. Gerade dieser Akt wirkt mit gut zwei Dutzend Motorrädern auf der teilweise hochgefahrenen Bühne enorm und ganz besonders, wenn die Hippies zum Schluss in den Sonnenuntergang fahren (Videos: Bartek Macias, Licht: Marek Rydian).

Das Regiekonzept mit der Zeitverschiebung funktioniert bestens und so vermag die Inszenierung der „Ersten Oper über das Problem der Rasse“, wie sich Paderewski anlässlich der Aufführung seines Werkes an der MET äusserte, auf ganzer Linie zu überzeugen.

Richard Wagner und seine Werke übten starken Einfluss auf Paderewski aus – die Meistersinger galten ihm als grösstes musikalisches Werk aller Zeiten. Wagner ist aber nur ein Teil der Adaption guter Vorbilder durch Paderewski. Weitere Namen, die erwähnt werden können, sind Saint-Saëns, Puccini, Leoncavallo, Dvorak und andere. Die Chöre und das Orchester sind die Träger der dramatischen Spannung. Es gibt wenig Ensembles, der dramatische Effekt beruht auf Dialogen. Die Partitur enthält einige interessante musikalische Lösungen, so die Verwendung eines Hackbretts oder die von Liszts Ungarischer Rhapsodie inspirierte Zigeunergeige.

Chor und Orchester des Teatr Wielki Poznan haben die schwierige Partitur unter Leitung von Tadeusz Kozłowski vielleicht etwas gar laut, aber sonst tadellos, gemeistert. Die Partien waren alle rollendeckend besetzt: Dominik Sutowicz als als Manru, Magdalena Nowacka als Ulana, Mikołaj Zalasiński als Urok, Anna Lubańska als Jadwiga, Galina Kuklina als Aza, Szymon Kobyliński als Jagu und Damian Konieczek als Oros.

Eine aufregende Begegnung mit einer Rarität der Opernliteratur.

Weitere Aufführungen der besprochenen Inszenierung am Teatr Wielki in Warschau: 21. 06.2019 und 23.06.2019.

 „Manru“ befindet sich auch im Repertoire der Oper von Krakau: 17.05.2019, 18.05.2019 und 19.05.2019.

11.01.2019, Jan Krobot

 

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