POTSDAM Pflanzenhalle Orangerieschloss Sanssouci: CEFALO E PROCRIDE, Musikfestspiele Potsdam Sanssouci, 24.6.; Premiere
Von Göttern, allerlei Schafen und kriselnden Liebespaaren: „Nicht alles, was weh tut, ist am Ende ein Unglück.“

Foto: Copyright Stefan Gloede
Die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci stehen heuer unter dem Motto „Licht“. Was läge näher als eine von Giovanni Bononcini zu Beginn des 18. Jahrhunderts für Berlin, genauer für Königin Sophie Charlotte komponierte Pastorale, in der Aurora und der Sonnengott Titone als Strippenzieher fungieren, aus den Archiven zu holen?
Pastorale? Eher eine subtil tragische Geschichte über die Komplexität verlorener bzw. brüchiger Liebe. Die Frage im Stück lautet: Wie gehen Menschen/Götter damit um? Und siehe da, wen wundert es, dass die Menschen in „Cefalo und Procride“ wieder einmal zum Spielball göttlicher Launen werden. Die Konsequenz: Obwohl von der Widmungsträgerin als ‚bagatelle pastorale‘ bezeichnet, sprechen die kunstvoll gedrechselten und in den Affekten so genau das emotionale Dilemma der Liebe aushorchenden Melodien und Harmonien doch eine erheblich andere Sprache.
Die Pastorale in einem Akt nach einem Libretto von Anastasio Guidi handelt im Kern von Eifersucht und Besitzdenken, Vertrauen und Misstrauen, von tödlichen Waffen, verirrten Pfeilen und göttlicher Gnade. Die Göttin der Morgenröte, Aurora (dramatisch saftig und darstellerisch wunderbar biestig Chloë Morgan, Ensemblemitglied des Staatstheaters Nürnberg), kann nicht verkraften, dass ihr einstiger Geliebter, der Jäger Cefalo (der ukrainische Countertenor Yuriy Mynenko im Look eines zotteligen Bierbrauers überwältigt mit Traumstimme am Höhepunkt seines Könnens), sie um der sterblichen Procride (Jiayu Jin mit einer einschmeichelnden lyrischen Sopranstimme zum Niederknien und Steinerweichen schön) willen verlassen hat. Noch schlimmer: dass sich die beiden offenbar in ihrer resilienten Liebe durch nichts bremsen oder aus der Spur bringen lassen.
Also spinnt Aurora eine Intrige: Cefalo soll verkleidet seiner Angebeteten den Hof machen und so herausfinden, ob die Ehefrau treu ist oder nicht. Gesagt, getan: Und da Anziehung und wollüstiges Begehren keine einfach steuerbaren Dinge sind, geht Procride dem Charme des fremden und doch vertrauten Mannes auf den Leim.
Nach Aufdeckung der Umstände der Liebesprüfung bleibt ein unsicher schwankender Gefühlswirbel des verunsicherten Liebespaars, eine Schwebelage, wie wir sie aus Mozarts „Cosi fan tutte“ oder „Die Entführung aus dem Serail“ kennen. Das Gift ist gesät, Cefalo und Procride versichern einander zwar ihrer Liebe, gehen vorerst einmal jedoch getrennte Wege. Als die Waldnymphe Atenice (Anita Rosati mit einer entzückenden Soubrettenstimme) im Auftrag der Göttin der Jagd, Cintia, Procride einen magischen, zielsicheren Pfeil schenkt, nimmt das Unheil seinen Lauf.
Regisseur Michiel Dijkema nimmt die Zuschreibung pastoral trotz dunklerer Anmutung des Stücks beim augenzwinkernden Krawattel und trifft damit ins Schwarze einer in jeder Hinsicht gelungenen Wiederbelebung. Denn seit der Uraufführungsserie darf Potsdam das Privileg der Neu-Entdeckung dieses Juwels für sich in Anspruch nehmen.
In einer typischen Pastorale sowie in vielen Kammerkantaten dieses Genres geht es bekanntlich um die Liebe in verzwickten Konstellationen, eingerahmt vom beschaulichen Hüten von Schafen, weißen wie dunklen, manche mit gewaltigen Hörnern als Böcke erkennbar. Schaffelle bilden demnach auch das durchgängige Motiv und die komplexe Identitätscamouflage von Cefalo und dem Gott der Sonne, Titone (der Neuseeländer Jonathan Eyers mit einem Prachtbariton und genügend ironischer Nonchalance, dass kein Auge trocken bleibt).
Titone, der seine Aurora wieder zurückhaben will, mutiert nicht ganz uneigennützig zum guten Geist und im Auftrag des obersten Chefs für Procride schließlich zum Lebensretter. Der geniale Dijkema bringt es auf den Punkt, wenn er konstatiert: Vielleicht liegt gerade die anhaltende Faszination fieser Geschichte darin, „dass ihre Figuren nicht an äußeren Gegnern scheitern, sondern an ihren Ängsten, Erwartungen und Missverständnissen.“

Foto: Copyright Stefan Gloede
Dazu passt, dass auch Orchestermitglieder mit wollkringeligen Fellmützen ausgestattet sind. Oboen- und Flötenspieler dürfen in ihrer Schafsmontur sogar als Akteure aus dem Orchester hervortreten. Dazu düst ein charmantes kleines Lämmchen (Faye Anouk Viertler) keck durch den Zuschauerraum.
In die langgezogene Orangerie ließ Dijkema einen mit echtem Gras bedeckten Steg rund um die wieder einmal ihren exzellenten Ruf nachhaltig verteidigende famose Akademie für Alte Musik Berlin unter der beschwingt eleganten Leitung von Bernhard Forck bauen. Am jeweiligen Ende von Block 1 und 2 des Publikums gab es nochmals eine solche Echtgras-Erhöhung, auf denen sich den vollen Orangerieraum als Bühne nutzend, fallweise ebenso Protagonisten tummelten.
So konnte in diesem überaus höfisch-arkadischen, grünweideimitierenden, dennoch simplen, architektonisch gedachten Rahmen, zuweilen in Rot bzw. Blau getaucht, die Dramaturgie des Stücks, das komplexe Verhältnis der Handelnden zueinander all seine unendlichen Reize entfalten. Über dem Orchester war eine Leiter installiert, gekrönt von einem Käfig, in dem zu Beginn Cefalo von Aurora gefangen gehalten wird. Zwei auf den Leitern angebrachte Kitschrahmen dienten als Bildschirme für den Text in deutscher Sprache und natürlich zur Projektion hübscher Bilderbuchschäfchen à la Glennkill (Anm.: aus dem Schafskrimi von Leonie Swann).
Was aber wirklich zählt, ist, dass dieser Bononcini mit seiner reizvoll mediterranen Musik (wie wundervoll beseligend sind doch die Arien sowie die beiden Duette zwischen Cefalo und Procride), eine prächtige Barockperle in goldenen Klangblütenstaub gefasst hat. Bei aller Tragik behält die Musik ein gemessenes Quantum an duftiger Leichtigkeit.
Köstlich etwa, wenn der von der Jagd auf eine fürchterliche Bestie erschöpfte Cefalo den Windgeist Zeffiretto (im Zwiegesang Chloë Morgan & Anita Rosati) um eine kühlende Brise bittet. Denn auch in der nicht klimatisierten Orangerie erreichten die Temperaturen schweißtreibende Ausmaße. Sein Seufzer „Was für eine Hitze. Heute scheint die Sonne doppelt so heiß wie sonst.“ und „Zeffiretto komm und kühl mich ein bisschen ab.“ wurden mit manchem Lacher aus dem Publikum quittiert.
Am Ende einhelliger Jubel für eine traumhaft schöne, melodisch opulente Oper und deren exzellierenden Ausführenden! Dijkema und das Festival haben gezeigt, wie mit wenig materiellem Aufwand, dafür kluger Disposition des Raumes und einer Schar an glückhaft guten Sängerinnen und Sängern mustergültiges Musiktheater gemacht werden kann. Bravissimo!
CDr. Ingobert Waltenberger

