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POTSDAM Musikfestspiele Sanssouci / Erlöserkirche DAVID & JONATHAS – das biblische Freundespaar in einer zauberhaften französischen Barockoper

17.06.2023 | Oper international

POTSDAM Musikfestspiele Sanssouci / Erlöserkirche DAVID & JONATHAS – das biblische Freundespaar in einer zauberhaften französischen Barockoper; 17.6.2023

Marc-Antoine Charpentiers Tragédie Biblique in einer superben Wiedergabe der Opéra Royale / Château de Versailles Spectacles

davi
copyright Stefan Gloede

Diese Koproduktion zwischen Versailles und Potsdam hat sich gelohnt. Premiere hatte die ästhetisch umwerfende Inszenierung von Marshall Pynkoski in der die Handlung stützenden Choreografie von Jeanette Lajeunesse Zingg und den spektakulären Kostümen von Christian Lacroix am 10. November 2022 in der Chapelle Royale de Versailles. Dank der Initiative von Château de Versailles Spectacles ist die Produktion am Versailler Originalschauplatz auf zwei CDs, DVD oder Blu-ray verfügbar. Sehen Sie dazu meine Besprechung in der Rubrik DVD vom 4.6.2023.

Für zwei Tage (16. und 17. Juni) kam nun Paris nach Potsdam, und zwar in die evangelische neogotische Erlöserkirche, die bis zu 900 Personen Raum bietet. Entsprechend dem diesjährigen Motto der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci „In Freundschaft“, das den frei gewählten zwischenmenschlichen Beziehungen und dem Einfluss, den ein starkes geistiges Band und gemeinsame Interessen auf die Musik nehmen können, gewidmet ist, scheint Charpentiers Fünfakter samt Prolog David & Jonathas ein interessantes Exempel.

Geht es doch im Kern dieser Tragödie darum, wie Krieg und unkontrollierte Macht den Menschen korrumpieren, ins Unglück stürzen, verwandtschaftliche Bande den eigenen Zwecken unterwerfen bzw. tiefe Freundschaften mit dem Tod auf dem Schlachtfeld enden. In David & Jonathas wird die unverbrüchliche, völlig unschuldige Liebe der beiden jungen Männer auf eine harte Probe gestellt. David, ehemaliger Hirte, ein charakterstarker Naturbursche mit dem Herz am richtigen Fleck, geschickt im Umgang mit der Steinschleuder und Degen als auch ein begnadeter Harfenist, sieht sich nach seinem Sieg über Goliath in einem Netz an Erwartungen, Zwängen, Eifersüchteleien und Neid gefangen.

Die Israeliten mit König Saul an der Spitze gegen die Philister mit ihrem König Achis, dazu noch der komplexbeladene Joabel, seines Zeichens Oberbefehlshaber der philistinischen Truppen, der in seinem Mittelmaß an Davids Genie zerbricht, und David inmitten all der Ränke um Frieden, ob Krieg, Waffenstillstand und dessen Bruch durch Saul. Dazu kommt noch die private Geschichte „des tödlichen Liebesdreiecks“ (Marshall Pynkoski) im Hause Saul, wo die obsessive Hassliebe des zunehmend paranoiden Saul zu David eine Reihe von Ereignissen auslöst, an deren Ende Saul und Jonathas tot sind und David von Achis zum neuen König Israels proklamiert wird. Er wird die Führungsrolle so gut es geht ausfüllen, innerlich ist er zerstört.

Die Aufführung in Potsdam war ein beeindruckender Publikumserfolg. Den stilisierten Turm mit Baldachin (Bühnenbild Antoine & Roland Fontaine) im Altarraum, das Orchester davor, ein Trompeter auf der Kanzel, der Chor rechts und links von der „Bühne“ platziert, spulte das bestens geprobte Spektakel ab wie am Schnürchen. Dass inmitten der Paukenschläge und des stilisierten Schlachtengetümmels ein Gewitter losbrach und man nicht wusste, donnert es im Orchester oder draußen aus den Wolkentürmen, verlieh der Aufführung einen zusätzlichen atmosphärischen Reiz.

Von der Musik Charpentiers könnte man süchtig werden. Zumal Choeur und Orchestre Marguerite Louise unter der zupackenden, artikulatorisch ausgetüftelten musikalischen Leitung von Gaétan Jarry (wie einst Harnoncourt verzichtet er auf einen Dirigentenstab) an diesem Abend in der angenehm trockenen Akustik des Kirchenraums eine klangliche Fülle und einen generösen Farbenreichtum bereit hielten, die unmittelbar mitrissen und das Publikum in königliche Klänge hüllten. Spannend ist es auch zu verfolgen, wie sehr sich die Interpretationen der Opern Charpentiers im Laufe der Zeit geschärft haben. Ich habe mir heute noch einmal die Aufnahme von David & Jonathas mit William Christie und Les Arts Florissants aus dem Jahr 1988 angehört. Obwohl ungemein feinsinnig und auf vollendeten Stil bedacht musiziert, geht Gaétan Jarry mit seiner Psychologisierung einen Schritt weiter und lässt rhetorisch zugespitztere Akzente und eine expressivere vokale Gestik zu. Das bewirkt, dass die einzelnen Charaktere des Stücks lebendiger werden, profilierter ansprechen und berühren.

Die Besetzung war teilweise mit derjenigen der Versailler Premiere deckungsgleich, teils neu. Caroline Arnaud zierte wieder mit glockenhell, fast kindlich hellem Sopran Jonathas selbstlose, ganz dem Freund gewidmete Seele. David Witzcak konnte als innerlich zerrissener, in den Abgrund driftender Herrscher Saul den vokal wie darstellerisch packenden Eindruck bekräftigen, den er auf der Filmversion aus Versailles hinterließ. Ein mitleiderregendes Wrack als Opfer eigenkorrumpierter Machthybris, der aus Angst, sie zu verlieren, den Verstand verliert. Der expressive kanadische Charaktertenor François-Olivier Jean machte in seinem kurzen, aber sarkastischen Auftritt als schicksalsbesiegelnde Pythonisse im Prolog klar, dass mit den Schatten königlicher Vorgänger aus der Unterwelt nicht zu spielen ist. Antonin Rondepierre überzeugte in seiner Studie als des sich zu kurz gekommen fühlenden Joabel ebenso wie die fabulösen Chorsolisten.

Der Marseilleser Haute-Contre David Tricou als David ist dramaturgisch noch ein Stück näher an der Rolle als der stimmlich umwerfend verführerische Reinould Van Mechelen in Versailles. Fern ab jeglicher Koketterie vermag es Tricou, alle Facetten dieses David von der kreatürlichen Einfachheit und entwaffnenden Offenheit des Schäfers, der kraftvollen Freude des siegreichen Kriegers, der treuen Hingabe an den einzigen Freund, der Sehnsucht nach Frieden bis zur entzauberten Einsamkeit des Herrschers mit rein stimmlichen Mitteln als auch schauspielerisch eindrücklichst zu vermitteln. In Potsdam ist der Schatten des Samuel mit Nicolas Certenais besetzt, einem einzigartigen schwarzen Bass aus Brest, der aus der Hölle kommend Saul zu Recht das Fürchten lehrt. Bleibt Cyril Costanzo als Achis zu erwähnen, der die emotional eigenartig unentschiedene Figur des Philisterchefs mit erotischer Ambivalenz auflädt.

Das von der Regie so fein herausgeputzte höfische Spektakel, die in gedeckten Farben gehaltenen seidig, brokaten und samtig rüschenden, barocken Gemälden nachempfundenen Kostüme, die exquisite Sängerbesetzung, all das trug zu einem in sich stimmigen Gesamtkunstwerk bei. Form und Inhalt, Anspruch und Darbietung einte sich zum aufregend harmonischen Ganzen. So kann Musik und darstellende Kunst die idealisierte Gegenwelt zu einer Realität werden, die wir einmal für drei Stunden außen vor lassen wollen. Die Moral des Stücks als Hohelied auf treue Freundschaft, als Mahnung vor den Tücken von Macht sowie den devastierenden Folgen von Krieg hingegen bleibt haften und ist wohl zeitlos gültig.

Das Potsdamer Publikum quittierte den grandiosen Abend begeistert mit lange anhaltenden Ovationen, Musik und Leading-Team gleichermaßen feiernd.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

 

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