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POTSDAM/ Friedenskirche/ 20. Potsdamer Winteroper: ZANAIDA von Johann Christian Bach. Premiere

28.02.2026 | Oper international
  1. POTSDAMER WINTEROPER, Friedenskirche im Schlosspark Sanssouci: ZANAIDA; Premiere; 27.2.2026

Eine musikalische Traumreise mitten durch in Einsamkeit und Selbstverstrickung gefangene Seelen und autodestruktive Liebesfanatiker

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Foto-Credit: Stefan Gloede

Als Koproduktion der Kammerakademie Potsdam und des Hans-Otto-Theaters Potsdam zollt die diesjährige Premiere der ein rundes Jubiläum feiernden Potsdamer Winteroper Tribut. Auf dem Spielplan steht Johann Christian Bachs Dramma per musica „Zanaida“ nach einem Libretto von Giovanni Gualberto Bottarelli.

Die am 7.5.1763 am Londoner King’s Theatre uraufgeführte Oper, J. C. Bachs nach „Orione“ zweiter Huldigung an die Sopranistin Anna Lucia De Amicis, bietet nicht nur spätbarocke bzw. frühklassische italienische Musik auf bestem Vor-Mozart-Niveau, sondern ist auch formal voller zukunftsweisender Neuerungen. Da staunen wir erst einmal über das Faktum, dass J. C. Bach auf die beliebte Form der da capo Arien verzichtete. Aber noch viel mehr darüber, dass die grandiosesten Eingebungen der an melodischer Inspiration und Stimmungen überreichen Partitur in den Ensembles, genauer einem Quartett (Mustafa, Tamasse, Zanaida, Roselane) und drei fantastischen von den Solisten der Aufführung hervorragend gesungenen Chören liegt. Wie später bei Mozart dienen Verzierungen der Arien vor allem der Titelfigur natürlich der Zurschaustellung der Bravour der engagierten Primadonna, aber bei Johann Christian Bach definitiv auch dazu, Affekte sinngebend zu veranschaulichen.

Eine andere Besonderheit ist, dass das (fast vollständige) Autograph der Partitur lange als verschollen galt. 2010 wurde es in der Sammlung des New Yorker Reeders und Musikwissenschaftlers Elias N. Kulukundis gefunden.

Was das Libretto anlangt, so stützte sich Bottarelli auf das erste Opernlibretto von Pietro Metastasio „Siface, re di Numidia“ und machte daraus eine spannende, von allen variantenquellenden Schablonen „A liebt B liebt C liebt D liebt A“ abweichende Story. Die Titelheldin, die türkische Kaisertochter Zanaida, ist nämlich als eine einsame Füchsin konzipiert, liebt – im politischen Zirkus befangen – niemanden und wird auch von keinem geliebt. Sakrament! Eigentlich soll sie zur Befriedung des militärischen Konflikts zwischen persischem und türkischem Reich als Unterpfand den persischen Herrscher Tamasse ehelichen.

Der aber ist offensichtlich massiv hormongetrieben so sehr in die türkische Geisel Osira, Tochter des Gesandten Mustafa, verliebt, dass er Zanaida nicht nur den Tod wünscht, sondern in einer grausigen Intrige (es findet sich ein Brief, in dem Zanaida angeblich die Ermordung Tamasses in der Hochzeitsnacht plant) Zanaida als ‚Strafe‘ den wilden Tieren zum Fraß vorwerfen will. Dann wäre der Weg frei für die berechnende Osira, was auch des Herrschers Mutter Roselane trick-schmutzig unterstützt, will sie doch über ihren schwachen Sohn hinweg weiterhin im Hintergrund die politischen Fäden ziehen. Und da gibt es noch Cisseo, den kadavergehorsamen Unterläufer Tamasses, der zwar Osira liebt, aber Zanaida verführen soll, um dem Herrscher einen fiesen Gefallen zu tun. Als er zurückgewiesen wird, verhaftet er Zanaida. Die Hinrichtung steht bevor.

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Foto-Credit: Stefan Gloede

Jetzt kommt die Regie ins Spiel. In der Inszenierung von Rahel Thiel, die dem wenig variablen Ort einer Kirche wegen sehr einfach und elementar gehalten ist, ist das Orchester am rechten Bühneneck platziert. Die das Kirchenschiff längsentlang sich erstreckende Bühne besteht aus abstrakten Steinstufen in Steinoptik. Als Requisiten genügen einige die originalen Kirchensäulen imitierenden Hocker als einziger Hinweis an Orientalismen, die es in Handlung und in der Musik gibt. Am rechten Bühnenrand sehen wir einen in gelbes Licht getauchten Laubbaum, dessen Blätter fallweise abgezupft und wieder aufgehängt werden. Das ist der Platz, an dem die von der Regie als blind gezeichnete, optisch einer Jugendstilfigur von Gustav Klimt ähnelnde blondmähnige Zanaida (wissende Seherin?) isoliert das Geschehen verfolgt, ihren Kummer, Schmerz und ihre Todesfurcht in geschmeidigen Kantilenen und funkelnden Koloraturen besingt.

Die Inszenierung und die Personenführung kommen statisch daher und gleichen in vielem eher einer semiszenischen Einrichtung als einer durchstrukturierten Spielaktion. Die Figuren in diesem „Beziehungsdrama„ scheinen bald als zum Leben erwachte Statuen zu agieren, bald eine abstrakte, dennoch durchpsychologisierte Geschichte vom emotionalen Wankelmut der Menschen, ihrem Opportunismus und ihrer unfasslichen Grausamkeit zu erzählen.

Am Schluss greift die Regie in das Geschehen ein und lässt die Heldin den Entschluss fassen, das Feld zu räumen, das Treiben nicht mehr länger mitmachen zu wollen, also quasi aus der Rolle auszusteigen. Zanaida geht zum Tor und verschwindet in grellem Licht. Ein individualistisches Statement der Emanzipation, das von donnerndem Störton begleitet irgendwie an einen Weltuntergang denken lässt. Aber dieser die Stimmen wegfegende Lärm soll laut Dramaturgin zudem die Botschaft übermitteln, „dass sich nicht alles innerhalb kürzester Zeit in Wohlgefallen auflösen kann, wie vom Libretto eigentlich vorgesehen und alle dagegen ankämpfen müssen, Gehör zu finden. Wie wahr!

Im Programmheft gibt uns Rahel Thiel einen weiteren Wink zu ihrer Idee an die Hand: „Das Interessante an der Oper ist, dass es doch gar nicht darum geht, wer hier wen heiratet, sondern um zentrale Themen eines jeden einzelnen Menschen. Wo stehe ich selbst? Welche Erwartungen haben die anderen an mich? Welche ich an mich selbst? Soll, will, muss ich diesen entsprechen? Warum verhalten sich alle so unmenschlich?“ Das ist ein kluger existenzialistischer Ansatz, der aufklärerisch wirkt und auch ein heutiges Publikum mit allen betreffenden existenziellen Fragen unmittelbar involvieren dürfte.

Die musikalische Seite des Abends ist eindeutig und durchwegs erfreulich. Ein junges Ensemble an Sängerinnen und Sängern erfrischt die Gemüter mit lyrisch elegischer Kontemplation oder affektgeladenem Furor. Letzteres wie Mustafa mit seinen Wutausbrüchen, als seine Tochter Osira sich weigert, ihm zurück in die Türkei folgen zu wollen und lieber selbst ihren Willen als Herrschersgattin haben will.

Miriam Kutrowatz kann als Zanaida, Tochter des Suleiman, ihren seelenvollen lyrischen Sopran prächtig entfalten. Wenn es in die Stratosphären der Partie geht, meistert sie nur mit flux Drüberwischen manch extreme Höhe. Roselane wird von der dramatischen Berliner Sopranistin Pia Davila mit sarkastischer Bosheit und hell schneidender Eindringlichkeit markant verkörpert. Der zürnende Gesandte Mustafa ist bei Matthias Lika in bassbaritonaler Urwucht bestens aufgehoben. Der Schweizer Countertenor Elmar Hauser rückt den autokratischen Herrscher Tamasse trotz optisch unvorteilhafter Lurexgewandung in wahnwitzige Caligula-Dimensionen. Rein stimmlich kann er auf seinen saftigen, charaktervollen Tenor im Stil von Franco Fagioli bauen. Besonders begeistert hat mich Philipp Mathmann als im Konflikt zwischen Pflicht und Gewissen/Liebe gefangener Cisseo. Sein instrumental geführter lupenreiner hoher Countertenor/Sopran ist technisch bestens präpariert und klangfarblich purer Balsam für die Ohren. Der auch als Arzt höchst erfolgreiche Musiker ist auf Tonträgern präsent, etwa als Anemone in der Festa Teatrale „L’Huomo“ von Andrea Bernasconi unter Dorothee Oberlinger (dhm). Die zweite vokale Überraschung des Abends bot die britische Koloratursopranistin Sarah Gilford als Silvera. Sie überzeugte sowohl mit ihrem Bühnentemperament als auch mit ihrer unglaublichen Agilität, Stimmvolumen, ihrem exquisitem Timbre wie durch eine alle Register ausgewogen stabile, expressive Vortragskultur. In den übrigen Rollen waren der wenig expansionsfähige lyrische Sopran der Anna-Lena Elbert (Osira), Laila Salome Fischer als Aglatida und der großartige, dramatisch auftrumpfende wie stilkundige Tenor Florian Sievers als Gianguir zu hören.

Die musikalische Krone des Abends gebührt Johanna Söller als die Partitur des Johann Christian Bach in höchst lebendige, theatralische Aktion verwandelnder Dirigentin. Mit der groß besetzten (Streicher, Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, Horn, Cembalo) fabelhaft disponierten und vorbereiteten Kammerakademie Potsdam gelang es ihr, einer wunderschönen, bislang völlig unbekannten Oper mit überzeugender Zeichengebung, rhythmisch klarer Kante bei instrumentaler Feinzeichnung wieder Reverenz und Animo zu verleihen. Der Bach-Sohn ist freilich kein Neuer für Potsdam, wurde doch seine Oper “Alessandro nell Indie“ im Schlosstheater im Neuen Palais im Juni des Jahres 2000 aufgeführt. Auf Platten ist mir sonst noch „Endimione“ bekannt mit der Cappella Coloniensis unter Bruno Weil. Selbst habe ich mal als Chorist in einer konzertanten Aufführung von J.C. Bachs „Lucio Silla“ im Wiener Konzerthaus vom 9.6.1985 mitgewirkt.

Eine Anmerkung betrifft die nicht unanstrengende pausenlose Aufführungsdauer von 2 ¼ Stunden der im wesentlichen ungestrichenen Partitur: Der Konzentration und dem Bewegungsapparat auf den doch nicht sehr bequemen Holzstühlen hätte es gut getan, mit einer kleinen Rekreationszeit zwischendurch ein wenig Erholung zu gönnen. 

Fazit: Eine durchaus erfreuliche und musikalisch gelungene Wiederbelebung eines wertvollen, zu seiner Zeit wahrlich visionären Werks. Das Quartett etwa nimmt vieles von dem raffinierten, die spezifischen Seelenlagen der Figuren ziseliert zeichnenden Stimmengeflecht voraus, was später Mozart später in seinen Meisteropern musikalisch vollenden sollte. Möge die Johann Christian Bach Renaissance durch diese Initiative neuen Wind bekommen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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