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PITTSBURGH SYMPHONY ORCHESTRA Manfred Honeck, Dirigent (Brahms, MacMillan)

14.11.2021 | cd

PR² classic | Neue Aufnahme von Manfred Honeck und dem Pittsburgh Symphony  Orchestra (Oktober 2021)

Johannes Brahms

Symphony No. 4 e-Moll, Op. 98

James MacMillan

Larghetto for Orchestra

PITTSBURGH SYMPHONY ORCHESTRA

Manfred Honeck, Dirigent
Pittsburgh Symphony Orchestra Recorded Live

Brahms Symphony No. 4 (April 20-22, 2018)

MacMillan Larghetto for Orchestra (October 27-29, 2017)

Heinz Hall for the Performing Arts, Pittsburgh, PA

Eine spannende Kombination zweier Werke präsentiert gegenwärtig das CD-Label fresh!Reference Recordings. Musikdirektor Manfred Honeck und sein Pittsburgh Symphony Orchestra spielen auf der aktuellen CD die ihm gewidmete Komposition „Larghetto für Orchestra“, es ist die mitgeschnittene Uraufführung vom Oktober 2017.

Im Mittelpunkt steht jedoch die vierte Symphonie von Johannes Brahms. In den Jahren 1884 und 1885 schrieb Johannes Brahms an seiner letzten e-Moll Symphonie, die dann im Oktober 1885 in Meiningen uraufgeführt wurde.

Dieses Werk ist seit jeher nicht mehr aus dem Konzertleben wegzudenken. Ein besonderer, eigenartiger Zauber geht von ihm aus.

Brahms öffnet zu Beginn sogleich den Vorhang für den Zuhörer und lässt mit den absteigenden Terzen mit aufsteigenden Sexten einen Dialog beginnen. In einer gewaltigen Coda werden die Hauptthemen gesteigert und auf einen finalen Zielpunkt geführt. Das anschließende Andante ist ein elegischer, schreitender Gesang, vor allem für die Bläser und Celli.

Ein jäher Stimmungswechsel folgt mit dem übersprudelnden Allegro giocoso des dritten Satzes. Heiterer Trubel voller Lebensfreude in hellstem C-Dur umgarnt und überwältigt den Zuhörer mit satten Bläserfanfaren und perlender Triangel.

Wie streng, wie groß ist der Kontrast dazu im beschließenden vierten Satz! Hier verwendete Brahms barocke Stilelemente der Passacaglia und der Chaconne. In 30 Variationen werden choralartige Themen und fortwährende Modulationen in einer Unerbittlichkeit ausgeführt, die eben nur dieses, so besondere, düstere und schroffe Ende in e-Moll zulässt.

Der legendäre Carlos Kleiber äußerte einmal, wie schwierig es für ihn sei, für den ersten Satz das richtige, fließende Tempo zu finden. Honeck gelingt dies mit traumwandlerischer Sicherheit. Die Musik atmet und fließt vom ersten Moment an. Wie wogende Wasserwellen moduliert Honeck wunderbar das Eingangsthema. Klar ausgewogen entfaltet er die Themen und setzt kalkuliert dynamische Effekte. Seine eigene Spielerfahrung als Bratschist bei den Wiener Philharmonikern konnte Honeck gut auf die Streichergruppe seines Orchesters übertragen, besonders hier auch zu erleben in den erdigen Kontrabässen. Ein warmer, sehr europäischer Klang des Orchesters adelt diese herrliche Musik.

Es ist diese so anrührende Sensibilität des gemeinsamen Musizierens zwischen diesem herausragenden Orchester und seinem famosen Dirigenten, dass uns hier einen Brahms beschert, der sehr persönlich zu uns spricht.

Eine wesentliche Grundlage für das Gelingen ist das außergewöhnliche Legatospiel des Orchesters, welches dem musikalischen Verlauf eine Unendlichkeit in der melodischen Entwicklung angedeihen lässt. Dies führt dazu, dass die Coda überraschend das Ende des ersten Satzes formuliert und doch bleibt der machtvolle Schluss homogen in den Gesamtklang eingebunden.

Honecks deutlicher Hang zur Kantabilität lässt einen zweiten Satz entstehen, der wiederum exquisit dynamisch abgestuft erklingt. Besonderes Augenmerk widmete er dabei auch den Nebenstimmen. Zu erleben ist einmal mehr die bestechende Klangqualität dieses so besonderen Spitzenorchesters.

Und auch im weiteren Verlauf überrascht Honeck mit spannenden Ideen. Beispielsweise lässt er am Ende des Satzes in der großen Steigerung das Orchester wütend, stampfende Staccati spielen, um es dann wieder in den elegischen Grundton des Satzes aufzulösen, als sei nichts passiert. Die angedeutete Todesahnung, die sich am Satzende herauslesen lässt, wirkt sanft, nicht bedrohlich und wird dann vom großen Streichermeer hinweg gespült. Eine Erscheinung, mehr nicht.

Der Höhepunkt dieser Aufnahme ist der dritte Satz. Honeck entfesselt mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra einen Trubel, einen Höllentanz, der seinesgleichen sucht. Mit messerscharfem Rhythmus holen die Musiker alles heraus, was in dieser überschäumenden Musik steckt. Und auch hier ist Honeck im Detail genau. Wann wurde jemals die Pauke, derart nervös und zugleich knackig im Klang herausgestellt!

Sehr ruppig, fast schon brachial eröffnet Honeck das Finale, welches in die Katastrophe mündet. Zuvor entführt das hinreißende Solo der Flöte mit ihrem bezwingenden Ton den Zuhörer in einen Moment der Hoffnung, gemeinsam im Dialog mit der warm gefärbten Klarinette. Die Solo-Flötistin Lorna McGhee spielt das fabelhaft.

Mehr und mehr erweitert Honeck das dynamische Spektrum. Die Blechbläser begeistern mit dominanter, majestätischer Klanggeste in den Sforzati Momenten und werden doch immer wieder von der hingebungsvoll spielenden Streichergruppe eingefangen.

Die Dynamik entwickelt Honeck wie ein Hollywood Regisseur, d.h. mit perfektem Timing und dabei immer das Ziel fest im Blick.

Das Ende kommt dann hart und unerbittlich. Selten dürfte eine Brahms Darbietung der vierten Symphonie derart heftig über den Zuhörer kommen, wie sie hier bestaunend zu erleben ist.

Das Pittsburgh Symphony Orchestra und Manfred Honeck haben mit dieser Aufnahme einen Meilenstein in der Interpretationsgeschichte der Musik von Johannes Brahms geschrieben!

Nach dieser intensiven Hörerfahrung ist die Ergänzung „Larghetto for Orchestra“ von James MacMillan eine besonders glückliche Wahl.

Es war ein außergewöhnliches Geschenk, das der schottische Komponist James MacMillan dem Pittsburgh Symphony Orchestra und dessen Musikdirektor Manfred Honeck zu deren zehnjährigen Jubiläum schrieb. In seinem „Larghetto for Orchestra“ ist die tiefe Beschäftigung mit sakraler Musik und Chorliteratur sehr deutlich zu erfahren. Eine chorale Klangreise, die vor allem Streicher und Bläser intensiv beschäftigen. MacMillan schuf frappierende Klangeffekte, die ihren Ursprung in liturgischer Vokalmusik aufzeigen.

Sehr berührend beginnt diese Komposition mit einer kantablen Melodie der Celli-Gruppe. Purer, orchestraler Gesang in hingebungsvoller Kantabilität. Klage und Trauer formulieren zunächst den klanglichen Rahmen.

Große Momente dann in den Bläser-Chorälen und immer wieder plötzliche Ruhepunkte mit berührenden Soli von Horn, Trompete, Posaune und Harfe, gipfelnd in einer bezwingenden Apotheose des Lichts.

Die tonale Musik offenbart eine große spirituelle Kraft. Manfred Honeck versteht ihre besondere Atmosphäre. Aufmerksam ließ er das Orchester aufeinander reagieren und sorgte dazu für eine spannende Entwicklung dieser intensiv berührenden Musik. Diesem Sog kann der Zuhörer nur fasziniert folgen. Von daher ist die Veröffentlichung dieses Werkes besonders begrüßenswert!

Wieder ist eine Referenzaufnahme gelungen, in der alles stimmt!

Dazu kommt eine bestechende Klangqualität mit einem hoch informativen Beiheft. Es ist großartig, darin den minutiösen Aufzeichnungen von Manfred Honeck zu folgen, wie er „seinen“ Brahms erlebt und gestaltet.

Manfred Honeck und das Pittsburgh Symphony Orchester sind Garanten für außergewöhnliche musikalische Hörerfahrungen mit Seltenheitswert. Unbedingt empfehlenswert!

Dirk Schauß, 14. November 2021

 

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