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PILSEN : DAS 34. INTERNATIONALE THEATERFESTIVAL

04.10.2026 | REISE und KULTUR, Theater

PILSEN : DAS 34. INTERNATIONALE THEATERFESTIVAL

Alljährlich im September findet in der schönen tschechischen Stadt Pilsen ein hochkarätig besetztes Internationales Theaterfestival statt, dass von den österreichischen Theaterkritikern souverän ignoriert wird, obwohl hier in einer Woche mehr interessante Produktionen zu sehen sind als bei den „Wiener Festwochen“ in einem Monat.

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Elisabeth Costello in der Antarktis. Foto:  Divadlo Pilsen

Höhepunkt der heurigen Ausgabe war zweifellos „Elisabeth Costello“, eine viereinhalbstündige Inszenierung des polnischen Regisseurs Krzysztof Warlikowski, der bei uns ja eher durch seine Salzburger Opernregien (Elektra, Macbeth, Der Idiot) bekannt ist.

Elisabeth Costello ist eine Kunstfigur des südafrikanischen Nobelpreisträgers J.M.Coetzee, die in vielen seiner Werke vorkommt. Er beschreibt sie als alternde südafrikanische Schriftstellerin, einst bekannt für ihren feministischen Bestseller, die jetzt durch amerikanische Universitäten tourt, um lectures über Tierrechte, Vegetarianismus, das Gute und das Böse und Franz Kafka zu geben. In gewisser Weise ist sie das Alter Ego des Autors, was schon daran zu erkennen ist, dass etliche ihrer lectures auf Essais von Coetzee beruhen.

Costello scheint aber auch das Alter Ego Warlikowskis zu sein, denn die Figur geistert schon seit Jahren durch seine Inszenierungen. Und so ist es nur logisch, dass er, nachdem Coetzee seiner Kreatur ein ganzes Buch gewidmet hat, ihrer gemeinsamen Obsession ebenfalls einen ganzen Theaterabend widmet.

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Elisabeth und der Affe. Foto: Divadlo

Die ersten zwei Stunden gehören zu Spannendsten, das man in den letzten Jahren – um nicht zu sagen: Jahrzehnten – am Theater erleben durfte: tolle Texte, überraschende    Wendungen, geniale szenische Verwandlungen, präzises Licht, wunderschöne Kostüme und ein in allen Rollen absolut großartiges Ensemble. Nach der Pause verliert Warlikowski leider den roten Faden und überfrachtet das Projekt verhängnisvollerweisd mit überflüssigen Faust/Mephisto-Variationen, den üblichen Nazis usw.usf. Am schlimmsten ist aber der Schluss. Coetzees absurd-poetisches über-kafkaeskes („Vor dem Gesetz“) Original-Ende traut sich der Regisseur nicht zu verwenden, da er es in einer früheren Inszenierung bereits einmal „verbraten“ hat (was aber nichts ausgemacht hätte) und setzt uns stattdessen eine endlos ausufernde, lieblos gestaltete, schlecht beleuchtete, völlig sinnlose Geriatrie-Klamotte vor.

Tja, man kann als Schöpfer auch sein eigenes Meisterwerk mutwillig zerstören…

Gerne würde man die äußerst komplexe und inspirierende „Elisabeth Costello“ wiedersehen…aber nur bis zur Pause.

Jan Mikulášek ist vielleicht der begabteste und produktivste tschechische Regisseur seiner Generation (1978) Wir haben von ihm schon viele tolle Sachen gesehen, sowohl in seinen beiden Theatern (Theater am Geländer, Prag, Theater Gans an einem Strick, Brünn) als auch hier beim Festival: z.B. Das chasarische Wörterbuch, Marx Family Saga, Public Enemies etc.)

Was wir an ihm besonders schätzen, ist, dass seine Produktionen so unterschiedlich sind: die Vorlagen sind immer spannend und unverbraucht, und ihre Umsetzung folgt immer nur der Logik der Texte, und nicht etwas seinem „Stil“, seinem „Schtick“, seiner „Masche“.

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A Man in Love. Foto: Divadlo

Heuer gastierte er in Pilsen mit der Dramatisierung von „My Struggle. A Man in Love“ des skandinavischen Autors Karl Ove Knausgård. Knausgård wurde berühmt durch seine sechsbändige, dreieinhalbtausend Seiten umfassende Autobiographie „My Struggle“ (übersetzt man besser nicht ins Deutsche) – „A Man in Love“ ist der zweite Band davon. Er schildert darin in minutiöser Weise, ohne Filter und bis ins letzte schonungslose Detail seine Übersiedlung von Norwegen nach Schweden, seine Scheidung, seine Liebe zu Linda, seine Familiengründung und Vaterwerdung.

Das Ganze ist – wie immer bei Mikulašek – perfekt inszeniert und perfekt gespielt (Miroslav König !)…scheitert aber in dem nüchternen Ikea-Setting aufgrund des banalen Textes dann doch daran, dass man für die Problemchen der gestörten Hauptfiguren nun einmal kein Interesse, geschweige denn eine Empathie entwickeln kann.

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Gefährliche Gesellschaft. Foto: Divadlo

Zumindest interessant war auch das Gastspiel des F.X.Salda Theaters aus Liberec (dem legendären Reichenberg, das wir aus den Erzählungen von Maxi Böhm kennen) mit den Gefährlichen Liebschaften von Choderlos de Laclos.

Ich persönlich habe die Faszination dieses verruchten Briefromans ja noch nie verstanden (schon bei der durchaus gelungenen Verfilmung mit Glenn Close, John Malcovich und Uma Thurman nicht), aber die Faszination scheint trotz meines Unverständnisses unvermindert, wenn nicht sogar verstärkt anzuhalten. Denn außer in Liberec stehen in dieser Saison auf vielen deutschen Bühnen dramatisierte Fassungen dieses Stoffs auf dem Programm.

Der Regisseur Jakub Čermak siedelt das Geschehen natürlich nicht im 18.Jhdt an, sondern in einem unverorteten Hier und Jetzt: also mit Handys, Selfies, Ghettoblastern, K-Pop und punkigen Kostümen etc. Soweit, so Zeitgeist. Das Originelle an seiner Herangehensweise ist aber, dass er das Geschehen in erster Linie physisch erzählen lässt: das „Vokabular“ der körpersprachlichen Gesten, Bewegungen, Verrenkungen, die er aufbietet, ist nahezu unbegrenzt, eigentlich noch-nie-so gesehen und somit äusserst spannend anzuschauen. Das war‘s aber dann auch schon.

Karolina Baranová ist zwar supersexy als Marquise de Merteuil, aber mit dem (durchaus tüchtigen, aber fehlbesetzten) Filip Jáša als Valmont fangen die Probleme schon an: wenn der „Verführer par excellence“ ein kahlrasierter Anabolika-Prolo ist, so fällt die ganze Raison d‘être von Merteuils rachsüchtiger Intrige doch schon von Anfang an in sich zusammen…

Sei‘s drum!

Vielleicht ein Anlass um doch einmal auch nach Reichenberg zu fahren und ins Stadttheater zu gehen…

Robert Quitta, Pilsen

 

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