Pforzheim: La Traviata 7.10.2023, Premiere

Stamatia Gerothanasi. Foto: Sabine Haymann/Stadttheater
Im badischen Pforzheim, zwischen Stuttgart und Karlsruhe gelegen, wurde Verdis Traviata neu inszeniert. Aber auch die Stadttheater haben es in der Nach-Coronazeit nicht leicht, und so war die Premiere längst nicht ausverkauft. Trotzdem ist ‚Traviata‘ immer ein Hauptzugpferd des Repertoires,und wenn diese Oper der „Wendetrias“ ,die Verdi damals weltberühmt machte, so oft inszeniert wird, muss sie regielich gewissermaßen eine eigene Note aufweisen, was in Pforzheim durchaus gelang. Und zwar dem Regieteam Alicia Geugelin/Inszenierung, Malina Rassfeld/Bühne und Pia Reuss/Kostüme.
Die Idee dabei ist, die ganze Geschichte der Kourtisane Violetta als einen Traum der Titelheldin darzustellen. Man sieht sie vor der Ouvertüre auf einem bühnengroßen Foto im Schlaf, und am Schluss nochmal ein Grossforo, das sie beim Aufwachen zeigt. Nach dem 1.Foto zu Beginn setzt eine sphärische elektronische Musik ein, die aus dem Motiv „Amami Alfredo“ aus dem 2.Akt abgeleitet sein koennte.sich aber frei entwickelt. Solche Stellen,bei denen das Orchester schweigt, kommen noch ein paar Mal vor. Und die Interpretation als eine Traumgeschichte wird noch dadurch unterstrichen, dass Violetta keinesfalls am Ende den eigenen Tod träumt, sondern den von Alfredo , dessen Vater Germont sowie aller am Schluss auftretenden Personen, die eine nach der anderen umfallen. Also die ganze Story als Albtraum dieser jungen Frau, die danach in ihr Leben entlassen wird, wie immer sie es dann gestaltet.
Auch erscheint diese Story wie ein ETA-Hoffmannesker Traum zu der Musik, die unter der Leitung von Robin Davis und der Badischen Philharmonie Pforzheim in angemessen extremen auch exaltierten Tempi wiedergegeben wird.
Bei Malina Rassfeld gibt es dabei auch kein Bühnenbild mit Möbeln und Interieur,sie creiert eher einen magischen Raum,bei dem zuerst eine riesig dimensionierte Torte erscheint, die später von dem unisex gekleidet auftretenden Chor zerteilt und aufgegessen wird. Von der runden Torte verbleibt mittig ein grosses Bett, mit viel weissem Schaum und Tüll, in das sich später Vater Germont legt und dann Violetta mit einer riesen Kuchengabel traktiert. Diese ist fast wie ein Geist in ein weißes Übergewand gekleidet, der Chor und auch die Solistinnen beim Fest in grau-weiße Kragenhemdpullunder und kurze Hosen. Auch der Sohn Alfred tritt in diesem eher lächerlichen Outfit auf und wirkt damit sehr in Kontrast zu seiner ätherischen Geliebten. Am Ende erscheint noch ein ebenso riesendimensioniertes karminrotes Sofa, löst sich quasi in Luft auf, wenn sich Violetta „zum Sterben“ darin hineinbegeben will. Ihre Dienerin Annina tritt in aehnlichem Outfit, aber zweimal mit weissen Ärmelstulpen, die sie wie ein Engel in die Höhe hält, auf.
Robin Davis kann die oft gegensaetzlichen musikalischen Gestalten exzellent zusammenbinden, sowie das Orchester klangschön und expressiv in Szene setzen.Chor und Extrachor kommen auch gesanglich in der Einstudierung von Johannes Antoni zu guter Wirkung.
Den Dr.Grenvill stellt Lukas Schmidt-Wedekind. Den Douphol singt mit markigem Bariton Daniel Nicholson. Den Gastone gibt Philipp Werner, Dorothea Böhmisch die Annina mit klangreinem Sopran, und Jina Choi gibt eine exaltierte Floria Bervoix.
Den Giorgio Germont gibt mit elastisch geführtem,samtig kräftigem Bariton Martin Berner. Sohn Alfredo ist der auch exaltiert tenoral höhensichere und mit deftigem Schmelz agierende Felipe Rojas Velozo.
Die Violetta wird von Stamatia Gerothanasi sehr herausgehoben gestaltet.Die hohe Gestalt mit langen schwarzen Haaren ist mit einer schönen, nicht opulenten Sopranstimme begabt und kann sowohl die innigen eher Introvertierten Stellen als auch die extrovertierten Koloraturpassagen bestens meistern. Dabei steht ihr ein angenehm timbrierter lyrischer Sopran zu Verfügung, den sie durchgehend gekonnt einsetzt.
Friedeon Rosen

