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PESARO/Vitrifrigo-Arena: LE COMTE ORY als Eröffnungspremiere

11.08.2022 | Oper international

PESARO: Eröffnung mit LE COMTE ORY – am 9.8. 2022 (Premiere)

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Juan Diego „Teufel“ Florez und die Engerl“. Copyright: Rossini-Festival Pesaro

Das Rossini Opera Festival in Pesaro wurde heuer mit LE COMTE ORY eröffnet, der vorletzten Oper des Meisters, für die er bekanntlich große Teile seiner genialen Partitur für die nur einmal aufgeführte Krönungskantate IL VIAGGIO A REIMS von sich selbst ausgeborgt oder wie man heute sagen würde „recyclet“, „einer nachhaltigen Verwendung zugeführt“ (Le Comte blieb 20 Jahre lang am Spielplan der Pariser Oper !) oder intellektueller ausgedrückt: „dekontextualisiert“ hat.

Die Titelrolle sang wieder einmal Belcanto-Superstar Juan Diego Florez, der den Comte seit 20 Jahren weltweit im Repertoire hat -und der seit diesem Jahr auch neuer künstlerischer Leiter des Rossini Festivals ist.

Florez muss einen doriangraymässigen Pakt mit dem Musikteufel abgeschlossen haben, denn er wirkt nicht nur schlanker, jünger (und auch schauspielerisch viel agiler, lockerer und spielfreudiger) als noch vor einigen Jahren, auch seine unverwechselbare Stimme scheint trotz Ausflügen ins Verdi-Fach (bis auf ein paar veränderte Spitzentöne) vom Zahn der Zeit nahezu unangenagt geblieben zu sein. Ein Phänomen.

Ihm sängerisch und darstellerisch in nichts nach steht die wunderbare französische Sopranistin Julie Fuchs. Während ihrer ungefähr 15 Minuten langen großen Arie hielten 2000 Zuschauer im Theater ungläubig den Atem an, um danach in tosenden Applaus (und „brava“-Rufe) auszubrechen.

Dasselbe gilt, vielleicht – wenn das irgendwie geht –  in noch etwas höherem Masse für Maria Kataeva als Page Isolier… einer weiteren großartigen Entdeckung der Talent-Scouts des Rossini-Festivals.

Exzellent ebenfalls Andrzej Filonczyk (Raimbaud), Nahuel di Pierro (Gouverneur) und Monica Bacelli (Ragonde).

Das Dirigat von Diego Matheuz fiel dagegen ein wenig ab, was aber wiederum nicht so sehr ins Gewicht fiel, weil das die Gemüter erhitzende und polarisierende Hauptereignis des Abends ohnehin die Regie des Argentiniers Hugo de Ana war.

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Moses (Juan Diego Florez) und die Blumenmädchen. Copyright: Rossini-Festival Pesaro

30 Jahre nach seiner legendären „Semiramide“ nach Pesaro zurückgekehrt, versucht er diesmal gar nicht erst, eine konventionelle, an der Story orientierte oder an Psychologie interessierte Inszenierung abzuliefern. Hugo macht sich einfach den ganzen Abend lang einen absoluten Super-Karl. Er „überschreibt“ (wie der derzeitige Mode-Ausdruck lautet) den „Comte“ nicht nur, er übermalt, er überbildert, er übergagt, er überklamaukt, er überspasst, er übertanzt ihn…

Ihr Rezensent gesteht, dass er noch nie in seinem Leben eine sooo überdrehte, abgehobene, abgefahrene, vollkommen jenseitige, „over the top“- Inszenierung gesehen hat wie diese. Und ihr Rezensent gesteht außerdem, dass sie ihm über die Massen gut gefallen hat. Es gibt bekanntlich den schönen Spruch, dass man unter seinem Niveau gelacht hat. Ich habe mich hier – ganz entgegen meinem ästhetischen Credo (ich h a s s e „Überschreibungen“!) – einen ganzen Abend lang phantastisch unterhalten gefühlt und köstlichst amüsiert.

Denn Hugo de Ana (der wie immer auch sein eigener Bühnen-und Kostümbildner ist) gelingt hier – optisch von Hieronymus Boschs berühmtem Triptychon „Der Garten der Lüste“ (von dem er auch einzelne Teile dreidimensional nachbauen ließ) ausgehend –  eine überwältigend vitale, überbordende, surreale, einzigartige Revue. Man versteht nichts bis gar nichts bis noch weniger – weder von der blumenumkränzten Maidenschar, noch von den flirtenden koketten Vögeln oder den Can-Can tanzenden Dinosauriern. Aber what shalls, who cares, who gives a sh…! Das Ganze ist soo farbefroh und bunt und fröhlich und in jedem Augenblick von einer solch unbändigen Lebenslust und Lebensfreude erfüllt, dass der größte Teil der Zuschauer die grässlich hässliche und deprimierende Vitrifrigo-Arena (allein schon dieser Name!) beschwingt, frohgemut, zuversichtlich und wiederbelebt verliess…und was kann man von einer Opernaufführung in Zeiten wie diesen denn mehr erwarten ?

Eine moralinsaure Kritikerin hat geschrieben, dass es in dieser Produktion nichts zu lachen gab. Es ist unklar, wo sie an diesem Abend (zumindest im Geiste) gewesen ist: bei einem Parsifal in Bayreuth? In Pesaro jedenfalls auf gar keinen Fall: denn wer miterlebt hat, wie dem mit einer Moses-Perücke à la Michelangelo ausgestattetem Juan Diego Florez die zwei Gesetzestafeln mit den 10 Geboten bei seinen Spitzentönen zu blinken anfangen (worauf das komplett verblüffte Publikum in ein befreiendes und völlig gerechtfertigtes Gelächter ausbrach)…oder zugesehen hat, wie der fesche San Diego als Nonne verkleidet auf einem Tretroller über die riesige Bühne braust (was eine ähnlich starke Reaktion auslöste)…könnte solch einen Schwachsinn schlicht und einfach nicht behaupten …Aber wer in seinem eigenen Leben nichts zu lachen hat, tut dies wahrscheinlich auch im Theater nicht…

Robert Quitta, Pesaro

 

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