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PESARO / Rossini Opera Festival: L’EQUIVOCO STRAVAGANTE

23.08.2019 | Oper

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PESARO / Rossini Opera Festival: L’EQUIVOCO STRAVAGANTE
22.8. 2019 (Werner Häußner)

Es ist in der Tat ein äußerst pikantes Missverständnis, das Gioachino Rossinis Oper „L’Equivoco stravagante“ auf die Spitze treibt: Eine hübsche, gebildete junge Frau steht im Verdacht, dem biologischen weiblichen Geschlechte gar nicht anzugehören. Ihre „Materie“, so ihr konsternierter Liebhaber, sei nicht die einer Frau, sondern eines „musico“, sprich, eines Kastraten. Nur: Der einfältige Mensch ist der Intrige eines Bediensteten aufgesessen. Ein vorsätzlich gefälschtes Dokument, „zufällig“ verloren und neugierig geöffnet, bringt das scheinbare Geheimnis ans Tageslicht. Doch das Finale vereint ohne Umschweife das „richtige“ Paar.

Der junge Gioachino Rossini hat in sein 1811 für Bologna geschriebenes dramma giocoso in zwei Akten eine Fülle lebenssprühender Musik gepackt, offenbar glänzend inspiriert von dem heute noch urkomischen Libretto Gaetano Gasbarris: Darin wimmelt es von Wortverdrehungen, skurrilen Missverständnissen, schlüpfrigen Anspielungen, doppeldeutigen Begriffen und offenherzigen sexuellen Umschreibungen. Aber die Sprache charakterisiert auch die Personen: Der nobilitierte Landmann Gamberotto führt die Würde seines erworbenen Adelsrangs im aufgeblasenen Tiefsinn einer Betrachtung vor, in der er die Gleichheit der Stände vor den Attacken stechender Insekten meditiert. Und seine Tochter Ernestina verbirgt ihr halbbewusstes erotisches Temperament hinter so gewitzten wie witzigen philosophischen Betrachtungen und versteigt sich letztendlich dazu, den beiden Bewerbern um ihre Zuneigung die Etiketten von „forma“ und „materia“ anzuheften – ein aristotelisch verbrämter komischer Höhepunkt.

Kein Wunder, dass sich – wie im Programmheft sehr informativ nachzulesen – der Mailänder Zensor in einem Brief wundert, wieso ein derart jeder öffentlichen Schicklichkeit widersprechendes Drama überhaupt aufgeführt werden konnte. Das für degoutant gehaltene Stück musste nach nur drei Vorstellungen im Dunkel der Archive verschwinden, aus dem es bis heute trotz einer kritischen Ausgabe der Fondazione Rossini, mehrerer Aufnahmen und verdienstvoller Produktionen seit 1965 in Siena, Wexford, Pesaro und (mittlerweile drei Mal) beim Festival Rossini in Wildbad nicht wirklich ins Repertoire zurückgeholt werden konnte.

Der Witz der Sprache und die zündende, keine Spuren jugendlicher Vorläufigkeit tragende Musik des 19jährigen Komponisten wären eigentlich Grund genug, sich dieser ersten der großen opere buffe Rossinis zuzuwenden, zumal der anzügliche Stoff und das gekonnte Spiel mit Nonsens und grotesker Übertreibung das Werk schon in die Nähe einer Offenbachiade wie „Die Insel Tulipatan“ rücken. Für Regisseure mit Sinn für überdrehten Humor eigentlich ein gefundenes Fressen.

Beim Rossini Opera Festival in Pesaro verlässt sich das Regieteam Moshe Leiser und Patrice Caurier auf die üblichen komödiantischen Versatzstücke, von übergroßen Nasen und ausgestopften Bäuchen und Hintern bis hin zum Flachmann, aus dem der Diener Frontino – der planende Kopf der Intrige – ohne szenische Begründung einen Schluck zieht. Die Mühe, jenseits längst nicht mehr witzig wirkender Konventionen die komischen, aber auch melancholischen Züge der Charaktere mit den Darstellern auszuarbeiten, macht sich die Regie nicht. So rollt auf der großmustrig tapezierten Bühne Christian Fenouillats ein flott-burleskes Spiel von mäßiger Relevanz ab; das Potenzial von Rossinis und Gasbarris Schöpfung bleibt unausgereizt.

Auch Carlo Rizzi am Dirigentenpult schöpft nicht immer aus, was Rossinis Partitur für Möglichkeiten bietet. Das Orchestra sinfonica nazionale della RAI, das zwei Tage zuvor in Rossinis „Semiramide“ seine Brillanz und gestalterische Subtilität gezeigt hatte, animiert Rizzi schon in der Ouvertüre zu schnellem, aber nicht federndem Spiel. Übergänge werden nicht ausgekostet, Finessen in der Instrumentation bleiben beiläufig. Später gelingt das Tempo schlüssiger, auch szenisch-musikalische Momente wie das komisch gebrochene Hörner-Pathos der Begrüßung zwischen Gamberotto und Buralicchio, dem geckenhaften Wunsch-Ehemann für seine Tochter, verfehlen ihre Wirkung nicht.


Foto: Amato Bacciardi

In solchen Momenten sind Paolo Bordogna (Gamberotto) und Davide Luciano (Buralicchio) mit Elan bei der Sache; auch im herrlich aufgedrehten Quartett des ersten Akts pflegen sie solide Ensemblekultur. Pavel Kolgatin schmachtet in der Eröffnungsszene nicht nur nach seiner fernen Geliebten, sondern auch noch ein wenig nach dem Kern seiner Töne; im zweiten Akt erfüllt er die große Arie und die Cavatina des Ermanno dann mit ziseliertem Feingesang, sensiblem Legato und kultivierter Tonbildung.

In einer ausgedehnten Cavatina mit Chor stellt sich die philosophische Tochter des arrivierten Landmanns vor: Ernestina, in eine Mischung aus biedermeierlichem Hochzeits- oder Puppenkleid (Kostüm: Agostino Cavalca) gehüllt, beklagt eine Leere in ihrem Herzen, die sie selbst nicht benennen, der Zuhörer aber unschwer zuordnen kann. Die Szene lebt aus dem köstlich uneindeutigen Spiel von Ironie und der inneren Betroffenheit einer jugendlichen Seele, die sich selbst noch nicht gewiss ist. Teresa Iervolino gestaltet diese Ambiguität treffend, überzeugt in den Ketten präzis perlender Koloraturen aber mehr als in ihrer Tonbildung, die je nach der Richtung der Registerwechsel einmal kernlos abgeflacht, einmal angestrengt fokussiert wirkt. Die Sängerin, die in Mailand, Salzburg und Paris aufgetreten ist und in der nächsten Spielzeit Rosina in Berlin und Cenerentola in München singen wird, bleibt dem Ideal einer ausgeglichenen Formung des Tons noch einiges schuldig.

Das Dienerpaar, das sich mit dem mittellosen, aber letztlich dank der Solidarität des „niederen“ Stands erfolgreichen Ermanno verbündet hat, wird von Claudia Muschio (Rosalia) mit ansprechend leuchtendem Sopran und dem spielfreudigen jungen Tenor Manuel Amati (Frontino) mit noch nicht ganz gesichertem Material gestaltet. Eine Rossini-Rarität, der man den Weg ins Repertoire dringend wünscht, vor allem, wenn eine zupackende Regie verstünde, ihr frivoles Potenzial mit Geschmack und Feinsinn freizulegen.

Werner Häußner

 

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