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Paul Werner: POLANSKI

24.11.2013 | buch

BuchCover Werner, Polanski x

POLANSKI
Die Biographie von Paul Werner
336 Seiten, Verlag Langen Müller, 2013

Das Titelbild zeigt einen schlanken Mann mit zerfurchtem Gesicht. Wie 80 sieht er nicht aus, aber dennoch ist der 80. Geburtstag des am 18. August 1933 in Paris geborenen Raymond Thierry Liebling der Anlass für dieses Buch, Denn Liebling wurde unter dem Namen Roman Polanski weltbekannt – nicht nur seiner außerordentlichen Filme wegen, sondern auch durch ein Leben und ein Privatleben, das so bewegt wie über weite Strecken tragisch war.

Der Vater, ein polnischer Jude, war als Maler nach Paris gekommen, die Mutter war Russin aus einer jüdisch-katholischen Ehe. Der junge Polanski, als Kind blond und mädchengleich, wurde in der Familie schon früh „Roman“ umbenannt. Und verließ Frankreich, wo er heute, im Alter, wieder Staatsbürger ist, schon in frühester Jugend – auf der Flucht vor Antisemitismus und den zu erwartenden Nazis… Der Junge, der nur 1,65 Meter groß wurde und „Polanski“ hieß, als der Vater seinen Namen änderte, erlebte Schreckliches an Verfolgung, begann seine Karriere als Theaterschauspieler in Polen, ging in den sechziger Jahren in den Westen – und wurde ein Star in der Welt des Films, die ihn immer mehr als alles andere fasziniert hatte. (Interessanterweise geht das Buch über diese tragischen Anfänge eher schnell hinweg.)

Paul Werner, deutscher Drehbuchautor (auch für Privatsender-Serien) und Filmkritiker, befasst sich seit Jahrzehnten mit Roman Polanski. Das Ergebnis ist nun eine Biographie, die den Privatmann und den Künstler in gleicher Weise berücksichtigt. Das heißt, dass jeder von Polanskis Filmen von der Entstehung bis zur Interpretation eine genaue Würdigung erfährt, in einer Ausführlichkeit, die Film- und Polanski-Fans sicher entzücken wird, wenn auch manchmal zu enthusiastisch im Urteil. So befindet der Autor, Polanskis „Oliver Twist“-Verfilmung sei nicht nur Klassikern, den Verfilmungen von David Lean und Carol Reed überlegen, sondern auch dem Roman von Dickens selbst… Das sei einmal dahingestellt.

Dass dieser Roman Polanski von seinem stupenden Erstling „Das Messer im Wasser“, Anfang der sechziger Jahre noch in Polen gedreht, bis zu seinem jüngsten Film „Venus im Pelz“ (derzeit in den Kinos) Meilensteine der Filmgeschichte hinterlassen hat, ist unbestritten – ob „Ekel“, ob heiter im „Tanz der Vampire“, ob „Rosemary’s Baby“ oder „Chinatown“, ob „Der Mieter“ oder „Tess“, ob „Der Pianist“ oder als sein vorletzter Film die Köstlichkeit „Der Gott des Gemetzels“ – sein Anteil an gelungenen Arbeiten innerhalb von mehr als einem halben Jahrhundert Filmgeschichte ist außerordentlich und wird hier gewürdigt. Zumal Polanski ein Künstler ist, der an einem Drehbuch zumindest mitgeschrieben haben will – also in doppeltem Sinn für seine Handschrift sorgt, die wiederum, und das ist das Interessante, von stupender Vielfältigkeit ist. Und doch ist natürlich auch ihm vieles nicht gelungen – der Autor spart Misserfolge und Fehlgriffe ebenso wenig aus.

Das wilde Privatleben Polanskis brach ein, als – er war damals nicht anwesend – seine Frau Sharon Tate 1969 von der Charles-Manson-Sekte ermordet wurde. Einige Jahre danach (1977) wurde er beschuldigt, bei einer Party bei Jack Nicholson eine 13jährige vergewaltigt zu haben. Polanski floh damals aus den USA und kehrte, stets von einem Haftbefehl bedroht, nie zurück.

Es hat seltsam mit Wien zu tun, wie diese „alte Schuld“ ihn einholte, denn man erinnert sich hier genau, wie der kleine Mann am 16. September 2009 die Bühne des Wiener Ronacher erklomm, um bei der Wiederaufführung des Musicals „Der Tanz der Vampire“, das nach seinem Film gestaltet wurde, den Beifall entgegen zu nehmen. Als er wenige Tage später nach Zürich flog, wurde er dort am Flughafen verhaftet. Die Angelegenheit, die damals weltweit hohe Wellen schlug, wurde nie wirklich geklärt – laut Autor Paul Werner haben die USA keinerlei Druck auf die Schweiz ausgeübt (wie oft vermutet wurde), vielmehr habe die Schweiz in vorauseilendem Gehorsam den USA die Verhaftung des „Flüchtigen“ angedienert…

Wie dem auch sei, offenbar hat ihn erst Gefängnis, dann Hausarrest, nicht abgehalten, erst in der Zelle, dann daheim mit Fußfessel unaufhörlich weiter zu arbeiten, Projekte zu entwickeln und Drehbücher zu schreiben. Eine Phalanx von Anwälten hat Polanski, der sich seinerzeit schon mit einer größeren Summe von dem Opfer „freigekauft“ hatte, frei gepaukt – in Europa. In die USA darf er immer noch nicht. Er wird es, Europäer durch und durch, mittlerweile verschmerzen können.

Was hier zu Polanskis 80er vorgelegt wird, ist, wie erwähnt, in erster Linie ein Buch über seine Arbeit, wie sie in sein Leben eingebettet ist, kein hoch geputschter Skandalbericht.  Er hat auch ein Recht darauf, für seine Leistungen und nicht für seine Ausrutscher beurteilt zu werden.

Renate Wagner

 

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