PARIS/Opéra de la Bastille : GÖTTERDÄMMERUNG – Premiere am 8. Oktober 2026
Siegfried als Gabelfrühstück Hagens !

Foto: Herwig Prammer
Der neue „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner an der Opéra national de Paris Bastille ging nun mit der „Götterdämmerung“ zu Ende. Einer der Altmeister des Wagnerschen Regietheaters, Calixto Bieito, konnte nach den wenig überzeugenden Darbietungen von „Rheingold“, „Walküre“ und „Siegfried“ inszenatorisch keine neuen Akzente setzen. Es gab eher weiteren interpretatorischen und ästhetischen Rückschritt.
Deshalb sei hier mit dem viel besseren musikalischen Teil begonnen. Der Spanier Pablo Heras-Casado lieferte mit dem Orchestre de l‘Opéra national de Paris eine musikalische Interpretation von hoher Eleganz und Qualität. Das Orchester hat nach dem „Ring“ von Günter Krämer vor etwa 15 Jahren unter dem damals noch am Anfang stehenden Philippe Jordan, mit einem konzertanten „Ring“ vor einigen Jahren, sowie mit der nun abgeschlossenen Inszenierung die grandiose „Ring“-Musik Wagners voll erschlossen und unter der Leitung Heras-Casados einen beeindruckenden Wagner-Sound entwickelt. Die Bläser, allen voran die Hörner, glänzten mit farbenreichem Klang. Schon der Auftakt des Prologs mit den drei Akkorden war in dieser Hinsicht wunderbar. Die Tempi waren stets gut gewählt, auch im Hinblick auf die Sänger. Pablo Heras-Casado hat sich mittlerweile zu einem sehr ernstzunehmenden Wagner-Dirigenten entwickelt. So ist es kein Wunder, dass er auch den neuen „Ring“ ins Bayreuth 2028 dirigieren wird.
Auch beim Sängerensemble dieser „Götterdämmerung“-Premiere war fast alles Licht, bei wenig Schatten. Andreas Schager, man kennt ihn, agierte wieder souverän als Siegfried. Er brachte viel Leben und darstellerisches Engagement in die Rolle ein, bei großer Ausdauer und Kraft. Und das alles bis zum Schluss bei den leicht an stimmliche Grenzen kommenden Waldvogelerzählungen. Schager hat auch sehr authentisch Emotionen vermittelt. Johannes Martin Kränzle sang einen ungewöhnlich beeindruckenden Gunther. Es ist kaum zu glauben und einfach wunderbar zu erleben, wie diese Sänger-Persönlichkeit nach der schweren Krankheit wieder zum ehemals hohen sängerischen und darstellerischen Niveau zurückgefunden hat. Kränzle verstand es hier, fast eine Hauptrolle aus dem Gunther zu machen. Ève Maud-Hubeaux gab eine zutiefst beeindruckende Waltraute mit ihrem klangvollen, samtenen Mezzo. Sie lieferte sich eine überaus spannende Diskussion mit Brünnhilde. Mika Kares ist ein starker Hagen mit einer sehr kultivierten Stimme. Aber es fehlt doch das Dunkle, das ultimativ Boshafte, was ein Matti Salminen, ein Eric Halfvarson, und jetzt natürlich im Bass-Fach Falk Struckmann präsentiert. Kares ist eigentlich ein zu netter Hagen – zu nett, um die ganze Brutalität zum Ausdruck zu bringen, die ihm in der Musik zuteil wird.

Foto: Herwig Prammer
Brian Mulligan war Alberich. Die Stimme ist noch nicht ideal geformt, tendiert etwas zur Sprechstimme. Es fehlt an Klangfülle, an Resonanz. Er macht es sehr intelligent, setzt auch gute, der Figur entsprechende Akzente, und man versteht natürlich alles. Aber der Stimme fehlt es noch an Rundung. Sinéad Campbell-Wallace sang eine kraftvolle und auch schauspielerisch intensive Gutrune. So bildete sie mit Kränzle ein starkes Paar. Schließlich Tamara Wilson als Brünnhilde, die dieser Rolle nicht voll gerecht wurde. Die Stimme ist einfach nicht charakteristisch genug, wie man sie bei Iordanka Derilova, Camilla Nylund oder Catherine Foster bewundern kann. Sie wirkt schlicht auswechselbar. Bei den dramatischen Spitzen waren auch manchmal leicht schrille Töne zu hören. Gerade neben Andreas Schager schien sie nicht die beste Besetzung für diese wichtige Rolle an der Opéra national de Paris Bastille zu sein. An einigen Abenden sang wohl auch Christane Libor die Brünnhilde.
Die kleineren Rollen waren alle sehr gut besetzt. Aude Extrémo als 1. Norn, Marie-Andrée Bouchard-Lesieur als 2. Norn und Sinéad Campbell-Wallace als 3. Norn war ein ebenso gutes Terzett wie die Rheintöchter von Margarita Polonskaya als Woglinde, Isabel Signoret als Wellgunde und Katharina Maghiera als Flosshilde. Der hervorragende, von Ching-Lien Wu geleitete Chor sang kraftvoll und transparent in den einzelnen Gruppen. Das war erstklassig!
Zum Schluss also noch zur Inszenierung. Man kennt Calixto Bieto. Er ist ein klassischer Regietheater-Regisseur und hat schon eine Reihe von schlüssigen Arbeiten in diesem Kontext geliefert. Das hier in Paris schien aber so etwas wie der letzte Aufschrei einer zu Ende gekommenen Schaffensphase zu sein. Denn es war von Anfang bis Ende dieser „Götterdämmerung“ fast alles nur noch schrecklich. Es begann im Bühnenbild von Rebecca Ringst, die immer wieder eine Art Konferenztisch mit Bürostühlen in die Bühnenmitte stellte, mit teilweise äußerst fragwürdigen Kostümen von Ingo Krügler und im relativ guten Licht von Michael Bauer mit einer noch relativ akzeptablen Nornen-Szene.
Hier kamen über einer Art riesigem Webstuhl wieder unzählige dieser schwarzen Kabel herunter, die man schon besonders im „Rheingold“ und in der „Walküre“ bis zum Abwinken sehen konnte. Sie sollen so etwas wie eine technologisch völlig verkabelte Welt symbolisieren. Alles ist verkabelt, alle hängen irgendwie in Kabeln, selbst Siegfried, bevor er bei Brünnhilde im Vorspiel aufwacht. Es gibt aber keine durchgängige Dramaturgie mit den Kabeln. Denn im 2. Aufzug sind auf einmal gar keine mehr da. Die ganze Szene um Hagen und Alberich spielt vor einem sich permanent verändernden bühnenhohen Video mit großen Kathedralräumen und Konzertsälen, die sich, wie von KI gesteuert, fortlaufend verändern und ineinander verschmelzen. Eine fast romantische Ästhetik. Sie hat aber nichts mit der Szene und ihrer Aussage zu tun – rein gar nichts!

Foto: Herwig Prammer
Und so gibt es immer wieder neue Gags. Es sind nicht einmal gute oder gar überzeugende Einfälle, da sie nie durchdekliniert, also weitergeführt werden. Sie werden fast willkürlich hingeworfen und dann geht’s nicht weiter. Es kommt der nächste Gag. Man kann nur staunen, welche Phantasie, aber letztlich auch welche Phantasielosigkeit auf diese Weise an den Tag gelegt wird, diese „Ideen“ auch weiterzubringen.
Nur vier Beispiele. Im 3. Aufzug fungieren die Rheintöchter als Kellnerinnen im Marilyn Monroe-Look. Sie decken eine riesige Tafel, wahrscheinlich für die bald nahende Mannengesellschaft. Hagen erschlägt Siegfried von hinten mit einem Metallrohr. Sein Opfer landet auf dem Tisch und wird zu einer Art Gabelfrühstück für den Mörder. Es ist kaum fassbar: Hagen steckt ihm beim Trauermarsch etwa acht Gabeln in die Brust (mit Magneten natürlich), während Siegfried das Blut aus dem Mund läuft. Seine letzten Worte zuvor an Brünnhilde gingen in dieser Lage fast völlig unter. Oder der Zinkeimer, den man noch aus der Kindheit kennt, wenn damit das heiße Badewasser eingegossen wurde. Siegfried schleppt ihn immer mit sich herum, ob er im Smoking erscheint- wie bei der Jagd (!) – oder im noch vom Kampf mit Fafner blutbesudelten Hemd. War in diesem Eimer im „Siegfried“ noch der Tarnhelm als Kettenhemd, so enthält er nun vegane Kost. Siegfried konsumiert daraus Grünzeug, Möhren und Gurken, während er mit den Reintöchtern agiert, und er bietet schließlich auch Hagen davon etwas an. Am Ende trinkt er mit Gunter den Trunk aus diesem Eimer, der aber leer ist…

Foto: Herwig Prammer
Und warum muss Waltraute, für deren Ausbruch zum Brünnhilde-Felsen durchaus schwierige Bedingungen geherrscht haben mögen, gleich als sich ständig die Krätze reibende Lepra-Kranke mit abgefaultem Unterarm auftreten?! Und last but not least das Finale: Bieito inszeniert es vollkommen vorbei an der Musik Wagners, dieser wahnsinnigen Apotheose. Brünnhilde rotiert tanzend im blauen Abendkleid in die Dunkelheit zur Hinterbühne. Am Ende leuchtet eine kleine Fahrradlampe, die dann, wenn die sie ganz verschwunden ist, erlischt. Das ist das Ende dieser „Götterdämmerung“ und wohl auch das Ende jeglicher „Ring“-Erbauung in Paris…
Es ist nur zu hoffen, dass den Wiener Wagner-Freunden und Wagner-Touristen so etwas nicht bevorsteht, wenn der Staatsoperndirektor den neuen „Ring“ an Ersan Mondtag vergibt, wie es wohl zu kommen scheint. Und das trotz dessen „Perlenfischern“ am Haus und der „Ariadne auf Naxos“ bei den Salzburger Festspielen 2026. An die Konsequenzen möchte man gar nicht denken. Denn, angesichts der in Wien unter der derzeitigen Intendanz bereits gescheiterten Produktionen von „Parsifal“, „Tristan und Isolde“ sowie „Lohengrin“, würde die Publikumsreaktion dort wohl eine ganz andere sein als nun in Paris. Gut, in Paris kam der Regisseur gar nicht erst vor den Vorhang, stellte sich somit nicht der Premieren-Reaktion. Das war schon an den drei anderen Abenden so. Sehr ungewöhnlich bei einer Neuinszenierung, die über mehrere Jahre geht. Aber man sagte, er sei krank und komme eh erst nach den bald folgenden zyklischen Versionen dieses „Ring“. Warum kamen dann aber nicht – wenigstens nach der „Götterdämmerung“ – die anderen Vertreter des leading teams?! Wenn Bieito oder die anderen gekommen wären, hätte es sicher auch an der Seine signifikante Buhrufe gegeben. Paris hat weit mehr zu bieten als diesen neuen „Ring“…

Foto: Herwig Prammer
Klaus Billand

