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PARIS/Bastille: DIE WALKÜRE – Neuinszenierung am 27. November 2025

01.12.2025 | Oper international

PARIS/Bastille: DIE WALKÜRE – NI am 27. November 2025

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2. Aufzug: Wotan mit Brünnhilde. Foto: Herwig Prammer/ Opéra national de Paris

Der neue „Ring des Nibelungen“ an der Opéra national de Paris (Bastille) ging mit der „Walküre“ im November weiter. Die weiterhin enttäuschende Inszenierung des Regietheater-Altmeisters Calixto Bieito mit dramaturgischer Unterstützung von Bettina Auer ging im selben Stil und Bühnenbild des „Rheingold“ weiter. Allzu banale und vordergründig vermeintlich spektakuläre, bisweilen wohl auch auf KI eher banal anspielende, aber viel zu oft nicht im Zusammenhang mit der Musik stehende szenische Lösungen ließen einen wahrlich kalt. Insgesamt stellte sich der Eindruck ein, dass dem ehemals um durchaus interessante Regietheater-Lösungen auch im Wagner-Musiktheater nicht verlegenen Bieito nicht mehr viel einfällt, was Sinn machen könnte oder tatsächlich auch macht.

Mit Bieito hat ein Altmeister des Regisseurstheater, wie ich diese verfremdende, den Regisseur in den Mittelpunkt setzende und deshalb immer wieder aus dem Ruder laufende Inszenierungsform mittlerweile nenne, diese in Paris wegen der Pandemie-Verzögerung lang erwartete Inszenierung übernommen. Es ist generell zu sagen, dass nach dem „Rheingold“ kein inhaltlich bewegender Fortschritt zu erkennen ist. Man sieht weiterhin auf der großen Bühne diesen riesigen Kasten, der die Spielfläche vorn auf ein Minimum einengt. Er erinnert mit seinen Metallflächen an eines der riesigen Pamax-Plus-Containerschiffe, die durch den erweiterten Panamakanal fahren können. Beim Blick auf deren Heck sieht man die Hinterseite der geladenen Container, ungefähr 20 Stück in der Breite und dann noch mal etwa 10 nach unten…

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2. Aufzug Brünnhilde mit Fricka. Foto: Herwig Prammer/ Opéra national de Paris

In dieser Front sind kleine längliche Boxen freigegeben, weil man sich letztlich nicht nur auf die kleine Spielfläche vor dem Kasten beschränken will. In ihnen finden die einzelnen Aufzüge zu großen Teilen statt, beginnend mit den Wälsungen. Mit dem ersten Bild, der „Hundinghütte“ zeigt Bühnenbildnerin Rebecca Ringst einen wohl von der Tschernobyl-Explosion völlig zerstörten Plattenbau-Balkon im ukrainischen Pripyat, auf dem sich bereits eine kleine Birke angesiedelt hat. Diese steht nun in Paris auch auf Hundings „Balkon“, ganz sicher nicht mit der eigentlich zu erwartenden Weltesche zu verwechseln. Und damit wird das Thema der Bieitoschen Sicht auf „Die Walküre“ schon optisch vorgegeben. Im Übrigen auch durch eine wahre Video-Flut gleich zu Beginn zu Siegmunds verzweifelter Flucht durch den Wald auf der großen Fläche des Kastens mit Video-Szenen aus Kriegen und Zerstörungen aller Zeiten, in denen es Menschen gibt. Man sucht vergeblich das Schwert, das passt in solch eschatologische Kriegsvisionen nicht hinein. Siegmund wird es später theatralisch banal aus dem Bühnenboden neben dem Souffleurkasten ziehen. Dass er mit einer schweren Alu-Sauerstoffflasche zu Hunding kommt (mit solchen hantierten ja schon die Rheintöchter), lässt auf atomare Verseuchung schließen, wie sie eben in Tschernobyl zu erleben war. Im späteren Verlauf wird es bei Wotan noch reichlich Gasmasken geben… Stanislas de Barbeyrac hat sich nach dem Erfolg als Siegmund in London immer mehr und dramatischer in diese anspruchsvolle Rolle hineingesungen, die er mittlerweile sehr überzeugend interpretiert. Günther Groissböck ist wieder der bekannt ausdrucksstarke Hunding, wie fast alle anderen von Kostümbildner Ingo Krügler mit einem hier so gar nicht passenden hellgrauen Geschäftsanzug unglücklich bedacht. Auch in der Kostümierung schien Hässlichkeit in Paris manchmal Trumpf zu sein.

Bieito stellte also die „Walküre“ über alle Gebühr unter das Motto des Krieges und der tödlichen Auseinandersetzung, weit mehr als Wagner es mit seiner Musik je anvisiert hatte. Aber es musste ja wieder unbedingt etwas Neues, am besten ganz Neues sein. Dazu allerdings völlig unpassend traditionell kommt Hunding zunächst im archaischen Fellmantel mit einem erlegten Bock herein. Sieglinde, von Gewaltsausübung wohl durch ihn gezeichnet, hält die ganze Zeit mit einem Maschinengewehr auf den völlig hilflosen Siegmund – sogar noch weit über die sich in der Musik so stark und emotional offenbarende Annäherung des Wälsungenpaars hinaus. Erst als sie ihm den süßen Met kredenzt, darf sie das MP ablegen! Es passte also letzten Endes wieder einmal nicht zur Musik, was auch später noch zu erleben war. Das Regiekonzept Bieitos überlagerte einmal mehr die bedeutendsten Elemente der Kunstform Oper, Musik und Gesang! Das war in der Tat nichts Neues, gar nichts Neues!

Im 2. Aufzug liegt Wotans Behausung, man kann es nicht anders sagen, in einem Ausschnitt des Stahlkastens unten links, eine völlig rot und schwarz verkabelte Version Walhalls, das in seinem Überwachungs-Irrsinn offenbar auf automatisierte und digitale Systeme baut, die sich aber recht schnell als nicht mehr beherrschbar erweisen sollen. Schon im „Rheingold“ hingen um Alberich ja etliche Kabel herum, ein in der KI, wenn an die gedacht worden sein sollte, ziemlich irrelevantes Technologie-Konzept. Brünnhilde kommt in einem übergroßen blauen Faltenrock mit Steckenpferd herein wie Brünnhilde in der „Götterdämmerung“ von Peter Konwitschny vor 25 Jahren… Tamara Wilson verfügt zwar über eben dramatischen Sopran, der in allen Lagen gut anspricht, aber dem es irgendwie an einem spezifisch emotional-charakteristischen Ausdruck fehlt. Man würde sie unter vielen anderen kaum heraushören. Auch darstellerisch und optisch konnte sie nicht ganz überzeugen als junge Wotans-Maid. Schnell entledigt sie sich bei Wotan der vermeintlichen Kleider-Pracht und lässt ihre schwarze Arbeitskluft ebenso wie Wotan erkennen, der sich erst einmal mit einer zur Hässlichkeit umgeschminkten und Botox-aufgeblasenen Fricka auseinandersetzen muss. Dabei ist Ève-Maud Hubeaux doch eine so attraktive Frau, wie sie es im „Rheingold“ auch noch sein durfte. Zudem singt sie auch noch wunderschön mit einem ebenso klangvollen wie ausdrucksstarken Mezzo.

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Der Kampf Siegmund gegen Hunding. Foto: Herwig Prammer/ Opéra national de Paris

Christopher Maltman ist stimmlich wieder ein guter Wotan wie ja auch schon in London, singt die Rolle nun schon mit mehr dramatischem Aplomb, ist aber (noch) nicht in der Liga der ganz großen Rollenvertreter der letzten Jahre. Es kommt natürlich, wie es bei dieser Verkabelung kommen musste. Verzweifelt der Überführung durch Fricka reißt Wotan alle Kabel krachend herunter, die Kurzschlüsse überschlagen sich, sein Speer hat schon vorher stark gelitten. Er existiert nun praktisch nicht mehr. Siegmund ersticht er dann mit dem Schwert ultimativ brutal von oben. Das ist alles szenisch-aktivistisch überfrachtet und lässt somit kaum noch echte Emotion aufkommen, die sich doch so eindeutig in der Musik zeigt.

Der 3. Aufzug beginnt mit einer völligen Anonymität der Walküren als schwarze Todesschwadron Wotans mit grün-gelb leuchtenden Augen, durch die sie wie ein Glühwürmchen Schwarm wirken – völlig entpersonalisiert! Das Oktett gewinnt im Übrigen erst in der Gemeinsamkeit die hier zu erwartende vokale Qualität. Während des langen Dialogs zwischen Wotan und Brünnhilde versucht diese einmal, ihn mit dem Messer in die Brust zu stechen, offenbar in Unkenntnis seiner immer noch „göttlichen“ Immunität. Ungewöhnlich erschien es dennoch… Elza van den Heever steigerte ihre Sieglinde schließlich zu einem großartigen und bewegenden „O Hehrstes Wunder…“

Im Finale werden die Elemente der riesigen Wand zum ersten Mal verschoben. Es dringt mit dem ansonsten vor allem von den Videos von Sarah Derendinger überlagerten Lichtdesign von Michael Bauer sogar etwas Feuerschein hindurch. Völlig rätselhaft angesichts der bis dahin zu erlebenden bellizistischen Ästhetik stellt sich nun Wotan an die Bühnenkante und scheint mit einer humoristischen Mimik zu fragen – wie Gianni Schicchi mit seiner Referenz an den großen Dante bei Puccini – ob man ihm nicht verzeihen könne angesichts seiner Taten. So wird diese so zentrale und ausdrucksstarke Schlussszene in eine gewisse Lächerlichkeit gezogen, was nicht nur nicht zur Musik Wagners passte, sondern auch nicht zu Calixto Bieitos Regiekonzept bis dahin. Dieses wirkt viel mehr, nicht zuletzt auch aufgrund seiner mangelnden Stringenz und gewisser Übertreibungen wie ein letzter Aufschrei eines Regietheater-Apologeten, dem nichts Rechtes und dramaturgisch wie konzeptionell Nachvollziehbares mehr einfällt, und das auch noch mit einer wenigstens wahrnehmbaren Rücksicht auf die Musik des Komponisten. „Weißt du, wie das (im „Siegfried“) wird?“

Der große Pluspunkt des Abends war das Orchestre de l‘Opéra national de Paris unter dem sich nun immer mehr im Wagner-Fach profilierenden Spanier Pablo Heras-Casado. Hier stimmte eigentlich alles, flüssige Tempi, gut Dramatik und sicher strukturierte Steigerungen, aber auch fein asumusizierte kontemplative Momente wie die Todverkündigung. Man darf auf das Dirigat von Heras-Casado der Neuinszenierung des „Ring des Nibelungen“ in Bayreuth im Jahr 2028 gespannt sein.                                                                                  

Klaus Billand

 

 

 

 

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