Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD NIKOLAI KAPUSTIN: Klavierkonzert Nr. 4, Doppelkonzert, Kammersinfonie FRANK DUPREE Klavier, CASE SCAGLIONE dirigiert das WÜRTTEMBERGISCHE KAMMERORCHESTER HEILBRONN; Capriccio

07.08.2021 | cd

CD NIKOLAI KAPUSTIN: Klavierkonzert Nr. 4, Doppelkonzert, Kammersinfonie FRANK DUPREE Klavier, CASE SCAGLIONE dirigiert das WÜRTTEMBERGISCHE KAMMERORCHESTER HEILBRONN; Capriccio

Willkommene Abwechslung auf dem Menüplan – Symphonischer Jazz aus Moskau

0845221054377

Der 2020 verstorbene Nikolai Kapustin ist einer jener originellen, und musikantisch temperamentvollen zeitgenössischen Komponisten, dessen genießerisch-zugängliches Werk in letzter Zeit auch dank Schwerpunkt-Initiativen wie jener des Labels Capriccio eine neue Bewertung erfahren. Seine Cellokonzerte und Kammermusikalisches für Saxophon sind bereits erhältlich und haben Sammler entzückt. Nun setzen der Pianist und Dirigent Frank Dupree, die Geigerin Rosanne Philippens, der Schlagzeuger Meinhard „Obi“ Jenne sowie das Württembergische Kammerorchester Heilbronn unter der musikalischen Leitung von Case Scaglione (außer der Kammersinfonie, die von Dupree gestaltet wird) ein blinkendes Fanal für folgende Werke: Das einsätzige Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4, Op. 56 (1989), das Konzert für Violine, Klavier und Streichorchester Op. 105 (2002) sowie die Kammersinfonie Op. 57 (1990).

 

Der 1937 in der Ostukraine geborene Kapustin kam des tobenden Zweiten Weltkrieges wegen als Dreijähriger nach Kirgistan. Ausgebildet wurde er am berühmten Konservatorium in Moskau. Kapustin arbeitete neben seinen Studien bereits als Jazzpianist und Arrangeur. Er ergriff jede Gelegenheit, die sich für einen Auftritt bot, sei es im eigenen Quintett, der Moskauer Bigband von Juri Saulsky oder den Orchestern von Oleg Lundstrem oder von Boris Karamyschew. Relativ spät, nämlich 1980, d.h. 5 Jahre nach seiner Bewerbung, wurde er Mitglied beim Sowjetischen Komponistenverband.

 

Ob Kapustin der häufig so titulierte „Russe auf Gershwins Spuren“ war? Ich glaube, der Vergleich hinkt insofern, als Kapustin sich nicht wirklich als bloßer Jazzmusiker sah und er auch nur zum Schein über ein bemerkenswertes improvisatorisches Talent verfügte. Alles ist bei Kapustin ausgeschrieben, nichts ist dem Zufall oder der Laune des Augenblicks überlassen. Zudem wollte Gershwin eine amerikanische klassische Musiktradition begründen, während ein solches Ziel umgelegt auf die Sowjetunion Kapustin wohl nie über die Lippen gekommen wäre. Was die Kraft und Wirkung seiner primär dem Klavier gewidmeten Musik angeht, ist aber ein Vergleich angebracht. Kapustin war durchaus einer ähnlichen ästhetischen Vielfalt und lebensbejahenden Übermut in seinem teils barocken oder klassischen Formen, teils einer gemäßigten Avantgarde folgenden Werk verpflichtet.

 

Sei es das virtuos swingende Klavierkonzert, das harmonieaffin konzertierende Miteinander der Violine, des Klaviers und des Orchesters, mal gefühlig, mal tänzerisch markant, im Doppelkonzert oder sei es die kontrapunktische Akrobatik in der Kammersinfonie, die Sprache des Jazz ist überall als Tapete präsent. Kapustins bildassoziationsreiche musikalische Sprache rührt von seiner langjährigen Beschäftigung für den Genre Film. Selbst bei strengeren Formen ist subkutan stets das Element der Unterhaltung mitgefühlt, sind stets humorvolle, leicht ironische (niemals sarkastische) Tendenzen aufzuspüren.

3149020941706

 

Alle Mitwirkenden des höchst empfehlenswerten Albums gehen voll in ihren jeweiligen Parts auf. Frank Dupree, der im Interview bereits ein nächstes Kapustin-Album ankündigt (Werke für Klavier solo? Immerhin gäbe es da u.a. aus 20 Sonaten und 8 Konzertetüden zu wählen), erweist sich nicht zuletzt aufgrund seiner profunden Ausbildung als Jazzschlagzeuger als großartig groovender Pianist. Kapustins Musik scheint ihm auf den Leib geschneidert. Mich überzeugt er in diesem russischen Repertoire ganz und gar, während er im für 20. August angekündigten Album „A Poet’s Love“ (Robert Schumanns ‚Dichterliebe‘ op.48 arrangiert für Viola & Klavier, Auszüge aus Prokofievs ‚Romeo & Julia‘ arrangiert von Vadim Borisovsky Viola & Klavier) überwiegend den romantischen Part seines ungeheuren Talents ausspielt und mir gemeinsam mit dem britischen Bratschisten Timothy Ridout als Interpreten allzu auf schönen Klang zentriert wirkt.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken