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OLIVIER MESSIAEN: CATALOGUE D‘OISEAUX – Pierre-Laurent Aimard Klavier PENTATONE 3 SA-CDs, 1 DVD

22.04.2018 | cd

OLIVIER MESSIAEN: CATALOGUE D‘OISEAUX – Pierre-Laurent Aimard Klavier PENTATONE 3 SA-CDs, 1 DVD

 

„Zu diesem Moment, auf welchem viele bestürzt zusehen wie die Natur vom Menschen vernichtet wird, bietet dieser Zyklus einen musikalischen Zufluchtsort, im immer anwachsenden Einklang mit einem zunehmenden Publikum, das immer mehr betroffen und berührt ist.“ Pierre Laurent Aimard

 

Endlich ist Frühling, der Tag beginnt mit Vogelgezwitscher. Olivier Messiaen hat solche Vogelstimmen, die in Frankreich in bestimmten Regionen ihre hochkomplexe rätselhafte Konversation betreiben, mit wissenschaftlichem Anspruch gesammelt. Entstanden in den Jahren 1956 bis 1958, wurde der epochale Zyklus „Catalogue d‘oiseaux“ am 15. April 1959 uraufgeführt. Der Messiaensche „Vogelkatalog“ besteht aus 13 Teilen höchst unterschiedlicher Länge (von 5 bis 31 Minuten) und ist den Gesängen der Alpendohle, des Pirol, der Blaumerle, des Mittelmeersteinschmätzers, des Waldkauzes, der Heidelerche, des Teichrohrsängers, der Kurzzehenlerche, des Seidenrohrsängers, des Steinrötels,des Mäusebussards, des Trauersteinschmätzers und des großen Brachvogels gewidmet. 

 

Messiaen transponiert die von ihm vernommenen Lautfolgen manch „freislichen  Lallers“ um zwei bis drei Oktaven tiefer, das Klavier wäre sonst vom Umfang her maßlos überfordert gewesen. Auch mussten selbstverständlich Anpassungen bei Rhythmus und Tempo erfolgen, da viele Vögelchen bekanntlich ihre Tiraden in irrem Tempo absolvieren, oder ganz kleine Intervalle durch Halbtöne ersetzt werden. Aber damit nicht genug, reichert Messiaen die behutsam destillierten Tonfolgen der 13 Fiedertiere mit subjektiven Eindrücken der Landschaft, aus der sie stammen, der Luft, den Düften, generell der sie umgebenden Atmosphäre samt emotionalen Konnotionen an. Messiaen treibt so den französischen Impressionismus à la Debussy ins Extrem, wird dessen letzter Verfechter und zugleich Avantgardiste eines höchst anspruchsvollen zukunftsweisenden Klavierstils.

 

Messiaen hat zu jedem der 13 Stücke ein Vorwort verfasst, das Tageszeit, Ort, Farben und Licht zum Gesang der Vögel im Zeitpunkt des Gehörtwerdens in poetischen Worten festhält. Das Ergebnis seiner Kompositionen ist weit davon entfernt, dem Musikfreund einen naturalistischen Spiegel vorzuhalten oder gar Programmmusik darzustellen. Die Stücke erzählen ja keine Geschichten, sondern nutzen die präzis notierten, bisweilen hochdiffizilen Koloraturwunder, um in einer Art umfassender Reminiszenz Hommage an die Natur zu zollen und gleichzeitig hochartifizielle klangliche Dome wie weit verästelte Baumkronen nach des Hörers innerem Echo zu schaffen. 

 

Pierre-Laurent Aimard nähert sich dem Zyklus mit hohem Respekt, betont die strukturell avantgardistischen Aspekte, das Zukunftsweisende der Komposition. Rein technisch ist Aimard von sensationeller Überlegenheit, inhaltlich mag angemerkt sein, dass der Pianist Messiaen und dessen zweite Frau, Yvonne Loriot, ebenfalls begnadete Klavierspielerin, persönlich sehr gut kannte. Authentischer kann eine Interpretation also nicht sein, wenngleich der eine oder die andere sich vielleicht ein weicheres Farbenspiel erwartet hätte.  Auf einer Bonus-DVD sind alle Einleitungen enthalten. Aimard erläutert zudem in einem Interview das unvergleichliche Werk Messiaens, des Komponisten Naturverständnis, wissenschaftlichen Anspruch und musikalisches Wesen. Es ist die erste Zusammenarbeit Aimards mit dem Label Pentatone,  früher hat er seine Einspielungen unter der  Marke Deutsche Grammophon veröffentlicht.

 

Besuchen Sie dieses einmalige musikalische Vogelhaus, ob sie ein Rätselraten beim Erkennen der einzelnen Vogelstimmen mithilfe der genannten von Messiaen hergestellten individuellen Universen gewinnen werden, sei dahingestellt.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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