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OLGA NEUWIRTH: „Besser spät als nie“

01.12.2019 | INTERVIEWS, Komponisten


Foto: Wiener Staatsoper

OLGA NEUWIRTH

„Besser spät als nie“

In der hundertfünfzigjährigen Geschichte der (Hof-und) Staatsoper findet 2019 (sieht man von einer Kinderoper von Johanna Doderer ab) erstmals die Uraufführung einer Komponistin statt. Lange hat es gedauert. „Besser spät als nie“, sagt Olga Neuwirth, die Komponistin, die als Erste durchs Ziel geht.
Notizen von einem „Runden Pressetisch“ in der Direktion der Wiener Staatsoper, aufgezeichnet von Renate Wagner

Die Uraufführung von „Orlando“ steht an, jenes Werk, das man bei Olga Neuwirth (Jahrgang 1968) 2013 in Auftrag gegeben hat. Die Premiere nähert sich (8. Dezember), brodelnde Aufregung in der Staatsoper und rundum.

Wenn man liest, das Werk habe „19 Bilder“, könnte das ein Haus schon in die Knie zwingen, aber nicht in diesem Fall: „Ich möchte kein Bühnenbild“, sagt Olga Neuwirth, denn Ihre Musik bräuchte Platz. Sie wünscht „die Verzerrung und das Verschwimmen von Klang-Objekten“. Allerdings hat sie wohl etwas vor, was man früher „Gesamtkunstwerk“ genannt hätte – „die Grundidee ist die einer Grand Opéra aus Musik, Mode, Text, Bühne und Video“. Ein „Reisestück“ durch die Geschichte und unterschiedliche Welten. Vielleicht trifft es die Bezeichnung „Musiktheater-Performance“?

Vorlage ist „Orlando“, der Roman von Virginia Woolf aus dem Jahr 1928, eine Geschichte, die alle Grenzen sprengt – Orlando wandelt durch die Zeiten und Welten, wobei Heldin / Held zwischen den Geschlechtern changiert, eine ideale Vorgabe für die Gender-Diskussion von heute.

2013 bekam Olga Neuwirth den Opernauftrag der Staatsoper, für „Orlando“ hat sie sich aus ihrer persönlichen Geschichte heraus entschieden: „Ich habe das Buch als Fünfzehnjährige in einem kleinen Ort an der slowenischen Grenze gelesen, es ist in meinem Hirn geblieben, und es war mir klar, das ist mein Sujet. So, wie Virginia Woolf in Orlando die Normen der Gesellschaft hinterfragt und Stereotypen entgegen steht, ist das meiner Geschichte der Hinterfragung von Normen nahe.“ Orlando also, „das selbst bestimmte Wesen, das in kein System eingebunden sein möchte, ist ein Freigeist mit spielerischer, überbordender Freiheit und fluid identity“.

Natürlich kann sie das Buch nicht „abbilden“, auch will sie nicht mit dem Jahr 1928 enden, wie es Virginia Woolf tun musste, Olga Neuwirth führt die Handlung bis in die Gegenwart,– und sie hat auch eine Szene eingeschoben, die es bei Virginia Woolf nicht gibt, nämlich das Viktorianische Zeitalter.

Da es kein Bühnenbild gibt, sondern nur eine moderne Form des Barocktheaters durch digitale Panele, wird die Macht der Veränderung bei den Kostümen liegen: Comme des Garçons zeichnet dafür verantwortlich, es sind Skulpturen, Silhouetten, „Rei Kawakubo schien meine Musik zu channeln “.

Diese Musik – sie soll, wie die Titelheldin / der Titelheld „androgyn“ sein – spielt „mit Ironie, Eleganz und Witz“, sagt Matthias Pintscher, der Dirigent. Es wird z.B. klangliche Assoziationen geben, „wenn Queen Elizabeth I. kommt, dann hört man englische Renaissancemusik“. Oder auch nicht – so sicher ist das bei Olga Neuwirth nie, sie stellt grundsätzlich jedes Klangobjekt in Frage, und akustische Verfremdungseffekte baut sie ohnedies immer ein. „Jeder kann sich heraussuchen, was er/sie möchte und erkennt.“

Natürlich hat auch der Neuwirth’sche „Orlando“ eine politische Botschaft für unsere Zeit. Nach dem 10. Bild gibt es eine Pause, „da ist man am Ende des 19. Jahrhunderts angelangt. Es ist ein Zeitalter der Verhärtung der menschlichen Seele, die Vergiftung der Empathie in Richtung Kälte. Danach, im 20. und 21. Jahrhundert, bestimmen diese Elemente die Geschichte.“

Trotzdem gehe es, meint Olga Neuwirth, in ihrer Geschichte um die ewigen Dinge des Menschseins: „Liebe, Schmerz, Verlust, Gewalt, Tod, Traum, Rassismus – daran wird sich nie etwas ändern.“ Und eines steht jedenfalls fest: „Der Mensch ist nicht einfach zu verstehen, er ist ein komplexes Wesen.“

In diesem Sinn ist auch die Oper „Orlando“ als komplexes Kunstwerk zu betrachten. Für Olga Neuwirth ist es eine Einladung an das Publikum, darin zu sehen, was jede/r Einzelne will. Das „Verstehen“ von Kunstwerken werde überhaupt überschätzt…

In diesem Sinn: Man lasse sich auf „Orlando“ ein.

 

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