
Chisaki Yuri (Assistenz), Taiga Yamagata (Klavier), Francesco Mariozzo (Cello). Alle Handy-Fotos: M.A. Schmid
MAISSAU – OBERDÜRNBACH / Katharinakirche: Gottfried von EINEM & Lotte INGRISCH FEST
24. Juni 2023
Gottfried von Einem ist 1996 in seinem Haus in Oberdürnbach bei Maissau verstorben, das heute das Gottfried von Einem Museum beherbergt. Seit 1998 findet dort, in der gegenüber liegenden Kirche zur Heiligen Katharina, alljährlich ein Gottfried von Einem Fest statt. Im Rahmen des kleinen, aber feinen Festivals „Melos und Logos“, das dem kammermusikalischen Schaffen und den Liedern des „Componisten“ von Weltruf gewidmet ist, trat immer auch Lotte Ingrisch auf, nicht nur als Textlieferantin für viele seiner Stücke, sondern auch in eigener Sache als Autorin literarischer Werke und aufsehenerregender Sachbücher. Nachdem auch Lotte Ingrisch im Juli 2022 ihre Reise in das Jenseits angetreten hat, wird seit heuer das „Gottfried von Einem und Lotte Ingrisch Fest“ begangen, was sich auch darin manifestiert, dass an der ehemaligen Wohn- und nunmehrigen Gedenkstätte jetzt auch der Name der Dichterin auf einer neu angefertigten Marmortafel prangt. Neu ist zudem der Beschluss, fortan auch Werke aus dem Umfeld Gottfried von Einems ins Programm einzugliedern.
Den Anfang macht diesmal, anlässlich seines 80. Geburtstages, sein bekanntester und wohl erfolgreichster Schüler HK Gruber, der auch persönlich anwesend ist. Dem Pianisten und Dirigenten Robert Lehrbaumer, musikalischer Leiter des Festivals, ist ein klug disponiertes und bewundernswert umgesetztes Programm zu verdanken, das mit HK Gruber recht spektakulär beginnt. Zwei begabte, aus Japan stammende Schüler Robert Lehrbaumers – Taiga Yamagata und Chisaki Yuri – teilen sich dessen „6 Episoden für Klavier solo op.20 “ auf und zeigen, wie gut sich auch Ostasiaten die ungestümen Rhythmen eines jungen europäischen Heißsporns – der Komponist war damals gerade einmal 23 Jahre alt – einverleiben können.

Linda Hedlund (Violine) und Robert Lehrbaumer (Klavier).
Die Hauptattraktion des Abends aber bietet gewiss die Gegenüberstellung zweier wichtiger Streichersonaten Gottfried von Einems, die bemerkenswerter Weise in Oberdürnbach bisher noch nie zu hören waren. Zunächst die „Sonate für Violoncello und Klavier op.76“ aus der mittleren Schaffensperiode des Componisten, wo er seine ungebrochene Vorliebe für dominantisch gesteigerte Erwartungsgesten und konsequent angepeilte Beschlüsse immer öfter durch mediantische Einschlüsse (und Anschlüsse) zu bereichern suchte, um nicht bloß seine aufgestaute Wut loslassen, sondern vor allem auch seine blühenden Zartgefühle ungeniert zulassen. Dieses Wechselbad der Gefühle bereitete dem standfesten italienischem Solisten Francesco Mariozzi (wie auch seinem Widerpart am Klavier Taiga Yamagata) keinerlei Probleme. In der zweiten Halbzeit des Konzerts kann er dann auch noch G.v.Einems „Musik für Solo-Cello op.108 “ mit seinen wohlklingenden Tönen veredeln, nachdem sich zuvor schon die finnische Geigerin Linda Hedlund mit den „4 Stücken für Violine solo op.11“ von HK Gruber ebenso glänzend vorgestellt hatte.
Schließlich kommt auch für den stets um dessen Werk sehr bemühten Einem-Spezialisten Robert Lehrbaumer der Zeitpunkt, sich im Verbund mit dieser Violinvirtuosin in den jazzig flotten Schlussanlauf dieses Kammerkonzertszu stürzen mit der frühen „Sonate für Violine und Klavier op.11“: Der konsequente 7/8 Takt des 1.Satzes, der beruhigende 2. Satz, vor allem aber der jazzige Finalsatz lassen zwar in jedem Takt das lockere Vorbild seines verehrten Lehrers Boris Blacher durchscheinen, zeigen aber – wie die überraschende Zugabe von KH Grubers „Bossanova“ – immerhin schon den eigenständigen Mut dieser beiden verwegenen Komponisten.

Adeline Großegger liest Lotte Ingrisch.
Die Schauspielerin Adeline Großegger spannt in ihrer Lesung aus Werken von Lotte Ingrisch einen spannenden Bogen von deren ersten literarischen Veröffentlichungen bis hin zu ihrem bereichernden Output an anregenden Sachbüchern. Auf Ausschnitte aus den 1960 noch unter dem Pseudonym Tessa Tüvary erschienenen Roman Das Engelsfernnrohr folgen wichtige Einsichten und Anregungen aus ihrem Bestseller Die neue Schmetterlingsschule, in dem sie Thesen für eine kindgerechte Schulbildung zur Diskussion stellt, die inzwischen schon von vielen „Schmetterlingsschulen“ in aller Welt aufgegriffen und umgesetzt werden.
Traditionsgemäß und ganz im Sinne des Mottos „Melos und Logos“ gehört jeweils auch ein wissenschaftlicher Vortrag in das Programm dieses Fests. Als Wortspenden waren aber diesmal die überirdischen, außerzeitigen Texte von Lotte Ingrisch für dieses eingeschworene Publikum weit spannender als die dubiosen (Miss -) Erfolgsberichte der Musiktherapeutin Dr. Elena Fitzthum. Melos – das erste Kriterium der Veranstaltung – wurde bestens erfüllt. Logos hingegen war diesmal nicht auf Augenhöhe mit seinem Konterpart.
Peter Scherf

