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NÖ / Stadttheater Baden: DIE WILDENTE

29.01.2014 | Theater

Die Wildente, Hedwig    Die Wildente, Gregers Hjalmar~1 
Fotos: Landestheater Niederösterreich

NÖ / Stadttheater Baden
Gastspiel des Landestheaters Niederösterreich, St. Pölten: 
DIE WILDENTE von Henrik Ibsen
Premiere in St. Pölten: 7. Dezember 2013
Premiere in Baden: 28. Jänner 2014 

Vor weniger als einem Jahrzehnt noch waren die Stadttheater in St. Pölten und Baden unabhängige Häuser mit einem Drei-Sparten-Spielplan. Inzwischen hat Niederösterreich seine Bühnen zusammengelegt und spezifiziert: Musiktheater in Baden, Schauspiel in St. Pölten. Damit die Badener aber nicht ganz um Sprechtheater umfallen, werden pro Saison vier Produktionen aus St. Pölten an jeweils zwei Abenden in Baden gezeigt. Ein Transfer, der sich bereits sehr bewährt und höchst erfolgreich ist. Ein volles Haus in Baden für Ibsens „Wildente“ und nach mehreren absolut stummen Schrecksekunden am Ende (es ist schließlich so schlecht ausgegangen wie nur möglich) der stürmische Beifall, den die Produktion verdient.

Wie viel Realismus braucht ein Stück, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielt, wie viel Großbürgerprotz und Kleinbürgerexistenz als faktisch sichtbaren Rahmen? Gar nichts, wie die Inszenierung von Daniela Kranz in St. Pölten beweist. Und das Stück muss auch nicht schleppende dreieinviertel Stunden dauern wie zuletzt in Wien in der Josefstadt, eineinhalb Stunden (scharf auf das Wesentliche hin gekürzt) tun es auch. Zu Beginn treten Gregers Werle und Hjalmar Ekdal, die beiden zentralen Protagonisten des Geschehens, vor einen weißen Vorhang und arbeiten die Vorgeschichte auf. Dann setzt sich Gregers, eine von Ibsens faszinierendsten, anfechtbarsten, aber nicht diskriminierten Hauptgestalten, sich hasserfüllt mit seinem Vater auseinander. Dazu braucht man keine Villa.

Dann ein leerer weißer Raum (Ausstattung: Jutta Burkhardt), auf dessen Mauern Projektionen sichtbar werden, wenn die Protagonisten auf den Dachboden gehen, dort, wo sie die titelgebende, flügellahme Wildente hegen und pflegen… Alles entwickelt sich, einfach aus den Dialogen, die mit voller psychologischer Akkuratesse ausgespielt werden, in aller Logik. Und einleuchtend auch für heute.

Ob es wohl noch immer Idealisten gibt, die ihre „idealen Forderungen“ an die Menschen rücksichtslos (aber dabei in ihrer tiefen Überzeugung auch unschuldsvoll) ausleben? Vermutlich nur noch auf politischer Ebene. Gregers Werle sieht das Unrecht, das sein skrupelloser Vater begangen hat, als er seine schwangere Geliebte Gina an Hjalmar Ekdal verheiratete, Gregers Jugendfreund. Dass sein Sturm gegen die „Lebenslüge“ – die ja, überlegen wir einmal, bis in unsere Welt viele Leben überhaupt aufrecht hält –nur zur totalen Zerstörung und zum letalen Ende führen kann, wissen wir, aber er nicht. Das spielen die Darsteller in St. Pölten fulminant und dank der Regie weitgehend ohne Pathos. Trotzdem schnürt es einem am Ende die Kehle zu.

Selten hat man eine bis ins Detail so stimmige Besetzung gesehen, und selten eine Darstellerin, die die überaus heikle Rolle der kleinen Hedwig so selbstverständlich und mätzchenlos, so gar nicht niedlich und ins Publikum kokettierend verkörpert wie die 25jährige Lisa Weidenmüller, die den liebevollen, seelengequälten Teenager glaubhaft macht.

Und – wie die Zeit vergeht: In der letzten Wiener „Wildenten“-Aufführung in der Josefstadt im Oktober 2002 spielte Gerti Drassl noch die Hedwig. Nun ist sie Gina, deren Mutter, eine Frau, die viel erlitten hat und die ihr gegenwärtiges Leben mit Hjalmar Ekdal um jeden Preis und jedes Opfer festhalten will: Entschlossenheit prägt sie, sie durchschaut weit mehr als die Männer, und sie ist absolut nicht glücklich. Allein ihre Körpersprache macht das klar.

Die dritte Frauenrolle spielt Katharina von Harsdorf – nur ein Auftritt, aber ein Schicksal, und das Wissen Ibsens, wie wenig die Frauen in seiner Gesellschaft zu vermelden hatten und wie hart es war, einen Platz wenn schon nicht in der Sonne, so doch wenigstens halbwegs im Licht zu finden…

Tobias Voigt ist Gregers Werle, und gerade, weil er nicht den verbissenen Fanatiker, sondern den fast stürmischen Idealisten vor sich herträgt, ist er so überzeugend – und so tragisch. Man sieht ihm dabei zu, wie er alles kaputt macht und doch meint, durch ihn werde alles gut: Wie Ibsen bei aller Vordergründigkeit der Handlungsführung doch ungeheure Spannung aufbaut, wird in dieser Inszenierung beispielhaft vorexerziert.

Die Figur des Hjalmar Ekdal ist besonders schwierig, ein eingebildeter Schwächling, aber ein im Grunde gutherziger, leicht zu manipulierender Mensch, der Opfer wird und dann doch herzloser Täter ist – so schillernd, wie ihn Johannes Schmidt darstellt. Der Arzt Relling ist der Beobachter des Geschehens und bekommt von Michael Scherff die richtige Mischung aus Anteilnahme und Zynismus. Die beiden Väterfiguren rücken in dieser Aufführung stark in den Hintergrund, Benno Ifland als rücksichtsloser Direktor Werle weniger, Helmut Wiesinger als alter Ekdal, der aus der Realität flüchtet, mehr.

Die Schauspieler arbeiten die Probleme des Stücks und vor allem das, was uns daran noch betrifft, mit geradezu luzider Klarheit heraus. Eine Ibsen-Interpretation, die ihren Namen verdient.

Renate Wagner 

 

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