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NÖ / Reichenau: UNVERHOFFT

05.07.2014 | Theater

Reichenau Unverhofft Plakat~1 
Alle Fotos: Renate Wagner

NÖ / Theater Reichenau: 
UNVERHOFFT von Johann Nestroy
Premiere: 5. Juli 2014 
Besucht wurde die Generalprobe

Nestroy in Reichenau ist keine todsichere Bank, aber wer wird sich an weniger gute Aufführungen (im Vorjahr etwa) erinnern, wenn er heuer „Nestroy pur, brillant, optimal“ vorgesetzt bekommt? Und das ganz „vom Blatt“, was heute so verpönt ist, weil alle vergessen haben, dass es schwerer ist, einen Autor so zu realisieren, dass er voll zur Geltung kommt, als ihm Strapse anzuziehen und die Darsteller auf dem Kopf stehen zu lassen. Mit Verzicht auf solche Mätzchen gewinnt auch ein Stück wie „Unverhofft“, das eher in der zweiten Linie der Nestroy-Erfolge steht, plötzlich ungeahnte Strahlkraft. Wie im Theater von Reichenau in der Regie von Helmut Wiesner.

Was da „unverhofft“ ins Haus kommt, ist ein „weggelegtes“, vielmehr dem Onkel untergeschobenes Baby. Und dieser, der nicht von ungefähr (Nestroys sprechende Namen!) „Herr von Ledig“ heißt, hat uns doch gerade beredt und auch höchst überzeugend klar gemacht, wie unendlich bequem, gut und ungestört man lebt, wenn man weder Frau noch Kind hat (und sich zu Nestroys Zeiten natürlich eine Haushälterin leisten konnte, die alle Schwierigkeiten des Alltags wegschupfte). Nestroy macht sich nun erstens über das Klischee lustig, dass erwachsene Menschen angesichts von „süßen Babys“ einfach „waach“ werden – klar, dass der Herr von Ledig, so sehr er sich auch innerlich sträubt, dann vor dem hilflosen Geschöpf hingerissen in die Knie geht. Wie es sich gehört im Verhaltenskodex des Biedermeier – und auch heute noch.

Reichenau Unverhofft Slama Affolter Zadra~1

Im zweiten Akt allerdings wird es turbulent, wenn Ledig auf Suche nach dem Kind, irregeführt von einer Notiz, im Haus des Fabrikanten Walzl auftaucht. Dort hat jeder etwas zu verbergen – Frau Walzl beispielsweise eine Romanze mit dem Maler Arnold, der bei Ledig im Haus wohnt und die verhängnisvolle Notiz verloren hat, die zum Namen „Walzl“ führt. Aber auch Herr Walzl windet sich Nestroyisch-possenhaft in Nöten: Er hat einen erwachsenen nichtsnutzigen Sohn, den er der zweiten Frau verschweigt. Wenn Ledig, vom Baby sprechend, und Walzl, sich unter dem Geheimnis des verleugneten Sohnes windend, ein Gespräch über „heimliche“ Kinder führen, ist das ein Meisterstück des Dialogs und kann – in dieser Interpretation – nur zum ultimativen Meisterstück zweier Komödianten werden: Hier fahren Herz-Kestranek und Slama, die Interpreten, zu vollem, überdrehten und immer von Theatermitteln genau berechneten Jux auf… Nestroy-Fans können angesichts dessen nur jubeln.

Aber das wären ja noch zu wenige Turbulenzen: Als Dritter im Bunde der meisterlichen Männerrollen taucht noch der Modewarenhändler Falk auf, dessen (gar nicht erscheinende Schwester) die Mutter des weggelegten Kindes ist, bei dessen Vater wir es wiederum mit Ledigs Neffen zu tun haben… Kurz, das übliche Handlungs-Tohuwabohu, wobei der Regisseur allerdings für bemerkenswerte Übersichtlichkeit gesorgt hat.

Reichenau Unverhofft Quodlibet 3 Männer~1

Wie spielt man Nestroy? Helmut Wiesner weiß es: Erst einmal schnell, mit gnadenlosem, frontal ins Publikum gerichtetem Tempo, so dass die Gehirnscharnierln krachen, wenn man jede sprachliche Pointe mitbekommen will. Zweitens präzise im Sprachlichen, exakt im Darstellerischen, anders geht es nicht, Nestroy ist nicht gemütlich, Nestroy peitscht alle, seine Interpreten und sein Publikum, auch wenn es um etwas scheinbar so „Liabes“ wie Babys geht… In Reichenau wird all das erfüllt, ohne Abstriche.

Nestroy ist auch Slapstick, nichts davon ist wirklich realistisch gemeint, und dennoch: die  Charakterporträts, die jeweiligen Reaktionen, der doppelte Boden, all das stimmt in unglaublichem Ausmaße, muss immer erkennbar sein. Und hier sieht man, wie’s geht, in einer völlig unauffälligen, völlig passenden Ausstattung von Peter Loidolt und Erika Navas, ein Rahmen, der stimmt, ohne sich aufzudrängen. Für die Bühnenmusik sorgt eine vorzügliche „Dreierbande“, Helmut T. Stippich, Maria Stippich und Reinhard Uhl.

 Reichenau Unverhofft Ledig mit Zipfelhaube~1  Reichenau Unverhofft Ledig mit Zyklinder~1

Man hat Miguel Herz-Kestranek auf vielen Ebenen erlebt, von Schnitzler bis Musical, aber dass er auch ein Nestroy-Spieler ist, das zeigt erst Regisseur Wiesner, der einen knautschigen Alten mit tausend Nuancen aus ihm hervorholt, komödiantisch, beweglich, bis zum heftig ausgespielten Quodlibet zu jedem Blödsinn aufgelegt, aber doch immer so, dass dieser nie aus den Fugen gerät: Herrlich. Und die Coupletstrophen, die er seinem Herrn Ledig persönlich dazugedichtet hat, treffen in die Herzen des spezifisch Reichenauer Publikums, wenn über das aufgeplusterte deutsche Regietheater-Verständnis so herzlich gelacht wird wie diese uns für unsere Theatervorlieben verachten…

Toni Slama, den man bisher auch nicht unbedingt für einen geborenen Nestroy-Schauspieler hielt (sein Weinberl im Vorjahr schien das zu bestätigen), ist als Walzl eine unwiderstehliche Köstlichkeit, ein Mann, zerrieben zwischen lästiger Ehefrau, drückenden Geheimnissen, drohenden Enthüllungen: Wie er da zappelt, das mache ihm einmal einer nach, allein seine Körpersprache ist eine feinst ausgefeilte Spezialität für sich.

Reichenau Unverhofft Slama schiefes Gsicht na rechts~1  Reichenau Unverhofft Haggg nach links~1

Als Dritter im Bund erscheint Nicolaus Hagg, der von der ersten Sekunde seines Auftretens eine hinreißend komische Studie des Verfolgungswahns liefert (solche Menschen, die alles, was geschieht, einzig auf sich beziehen, gibt es!), ein Unsicherer, Intrigierender, scheinbar Triumphierender, Gift und Galle Schleudernder: Kompliment. Dazu kommt, wie im Vorjahr bei seinem Melichor im „Jux“, der eindeutig private G’spaß, à la Hans Moser zu näseln und zu nörgeln, während er doch optisch und in der Grimmigkeit Fritz Muliar immer ähnlicher wird: Ein paar Kilo noch auf die Rippen, und er hat’s erreicht…

Dafür, dass die jungen Männer im Grunde am Rande bleiben, behaupten Christoph Zadra als Maler mit Nebenbei-Flirt und David Oberkogler als Neffe mit Nebenbei-Gattin und –Baby sehr persönlichkeitsstark ihre Plätze.

Es gibt die immer wieder behauptete Überzeugung, Nestroy habe nur schlechte Frauenrollen geschrieben, was blanker Unsinn ist: Ein Großteil davon ist hervorragend, bloß davon überschattet, dass die Männerrollen immer noch um das gewisse Wienerische „Alzerl“ besser sind. Aber davon haben sich große Schauspielerinnen noch nie abhalten lassen, Glanzleistungen zu setzen. In Reichenau sind da gleich zwei Damen zum Niederknien.

Zuerst lernt man im ersten Akt in voller Breite Ledigs Haushälterin Frau Schnipps kennen: Brigitte Swoboda kommt aus der hohen Schule des Gustav Manker, wie sie Nestroy spielt, ist sagenhaft, sie ist imstande, einfach mit einem hüftenwiegenden Abgang Szenenapplaus zu entfesseln. Was Frauen dem Spiel der Männer an exakter Beobachtungsgabe und frechen Bemerkungen beisteuern können, bei ihr kommt es mit geradezu selbstverständlichem Phlegma über die Lippen…

Reichenau Unverhofft Swoboda nach rechts~1 nur Kopf  Reichenau Unverhofft Affolter mit Schnute~1

Aber die andere? Jene Gattin des Herrn von Walzl, die nur ihren Maler im Kopf hat, ist das Quecksilber selbst, und was Therese Affolter da an Mimik und Körpersprache leistet, macht ihr nicht bald jemand nach, das Verbiegen des Geistes setzt sich quasi in allen Gliedern und fliegenden Locken, klappernden Augenlidern und schmollenden Mundwinkeln fort. Wie die zappelt, wie sie schwirrt, und wie die lügen kann! Eine Leistung, die man nicht vergessen wird.

Selbst eine so kleine Rolle wie eine energische Kinderfrau, die mehr vom Leben weiß als jeder Mann, ist bei Nestroy stark, und Tanina Beess steht als diese Frau Nanni fest auf beiden Beinen. Nur die Cousine, die ohne größeres Rollenprofil als Botin das „unverhoffte“ Baby ablegen und für das Glück der anderen sorgen muss, hat nicht viel zu vermelden, aber Magdalena Kronschläger tut, was sie kann.

Ein Nestroy aus der zweiten Reihe, der wie ein Meisterwerk funkelt. Wer hätte das gedacht? Na, man muss halt immer richtig greifen – in erster Linie bei den Regisseuren, dann bei den Darstellern. Hier hatten die Loidolts ein goldenes Händchen.

Renate Wagner

 

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