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NÖ / Festspiele Reichenau: DER EINSAME WEG

04.07.2013 | Theater

© Festspiele Reichenau, Fotos: John Lloyd Davies

NÖ / Festspiele Reichenau:  
DER EINSAME WEG von Arthur Schnitzler
Premiere: 4. Juli 2013  
Besucht wurde die Generalprobe

Arthur Schnitzler war 40, als er sein Stück über Altern und Sterben schrieb: Der Theaterzettel in Reichenau fügt dem Titel „Der einsame Weg“ noch den ursprünglichen Arbeitstitel „Die Egoisten“ hinzu, denn darauf hat Regisseur Hermann Beil seine Inszenierung extrem ausgerichtet. Düster und traurig – unbewältigte Vergangenheit wird aufgeräumt, eine Generation tritt ab, eine junge hat keine Chance. Über allem liegt die Schönheit des Vergehens.

Viel Autobiographisches steckt im „Einsamen Weg“, die Protagonisten sind vor allem Künstler – der Dichter, der Maler, die Schauspielerin, der „Kunst-Beamte“ -, und besonders zwei Lebensentwürfe treten in den Vordergrund: Sala, der Dichter, und Fichtner, der Maler, die beide alles haben und genießen wollten – aber dafür nichts von sich selbst geben. Egoisten.

Sie irrlichtern in fabelhaft angedeuteten Dekorationselementen von Peter Loidolt umher, besonders schön ein Baum in Herbstfarben, und machen Ordnung: Die Inszenierung von Hermann Beil hat das Stück bis in feinste Details verstanden, zeigt Schnitzler in der ganzen Unbarmherzigkeit, mit der er männliches Verhalten ausstellt. Zwei bemerkenswerte Hauptdarsteller sind in ihrem so selbstverständlichen Egoismus erschreckend – und dennoch so faszinierend, wie der Dichter sie getroffen hat.

Fichtner, der keine Frau ausließ, sich mit dem Unrecht, das er tat, aber nie befassen wollte – bis im Alter die grauenvolle Einsamkeit droht: Um Miguel Herz-Kestranek wetterleuchtet noch etwas von einstigem Künstler- und Männerglanz, man kann sich vorstellen, dass eine junge Frau bereit war, ihre bürgerliche Existenz für ihn hinzuwerfen, eine andere, ihm ihr Leben lang nachzulaufen. Wenn er im Alter seinen Sohn „haben“ will, der als Sohn eines anderen aufgewachsen ist, dann spricht aus ihm weniger Wehleidigkeit als existenzielle Verzweiflung.

Als der Dichter Stefan von Sala bietet Joseph Lorenz ein Meisterstück an Verschlossenheit: Ein Fremder in der Welt der normalen Menschen, durch die er fast nur aus gesellschaftlicher Höflichkeit zu schreiten scheint. Nicht, wenn er sich mit einem jungen Mädchen einlässt – und doch nicht wirklich einlassen will, nicht um ihret-, noch weniger  um seinetwegen – , kommt etwas Bewegtheit in sein starres Gemüt, sondern erst, wenn er in einem brillanten Monolog mit sich, Fichtner und seinesgleichen abrechnet: Die Egoisten, die von ihren Mitmenschen nichts zu fordern haben. Man hat die erschreckende Rücksichtslosigkeit der Figur selten so stark empfunden.

 

Die anderen sind gewissermaßen ihre „Opfer“, vor allem die Frauen: Julia Stemberger, die nur im ersten Akt „leben“ darf, tut es mit fast hektischer Lebendigkeit, wie sie Todgeweihte oft auszeichnet, mit dem Gefühl, manches noch „richten“ zu wollen. Regina Fritsch holt aus den beiden Auftritten der Irene Herms weniger Pointen, als aus der Figur legitim zu gewinnen wären, trägt ihr verfehltes Leben aber sehr elegant, mehr Mondäne als ehemaliges „süßes Mädel“. Im Grunde hätten die Damen ihre Rollen auch tauschen können und wären vermutlich ebenso richtig gewesen.

Johanna ist eines jener seltsamen Schnitzler-Mädchen, mit denen der Dichter seiner Zeit so weit voraus war. Alina Fritsch ist tatsächlich so anders, so seltsam, so abgehoben, dass alles, was sie sagt und tut, ganz selbstverständlich scheint – und auch Dominik Raneburger als ihr Bruder, mit schwerem Schicksal beladen, erzielt innere Glaubwürdigkeit. Stellenweise klingt er wie der junge Michael Heltau, also richtig.

Der „brave“ Bürger und Kunst-Beamte Wegrat und der „fade“ anständige Mensch Dr. Reumann bekommen hier ungewöhnlich viel Farbe: Geradezu ergreifend wie Rainer Frieb etwas vom Sich-Bescheiden vermittelt, das fast an Raimund’sche Moral erinnert und von Schnitzler keineswegs gering geschätzt wurde; und wie Sascha Oskar Weis immer wieder Anstalten macht, auch ein Schicksal haben zu wollen – aber zurück tritt, wo er weiß, dass er keine Chance hat.

Es ist ein bemerkenswertes Ensemble, das sich in ein Stück findet, das vermutlich nie ganz auszuloten ist. Aber Hermann Beil ist dabei doch sehr weit gekommen.

Renate Wagner

 

 

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