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NÖ / BADEN / Stadttheater: TAUSEND UND EINE NACHT

16.12.2012 | Oper

NÖ / BADEN / Stadttheater: 
TAUSEND UND EINE NACHT
Musik von Johann Strauß
Premiere: 15. Dezember 2012,
besucht wurde die Vorstellung am 16. Dezember 2012 

Baden hat es gut. Jedes andere Theater müsste um seine Auslastung bangen, wenn es die Trampelpfade des Bekannten und Bewährten verlässt und sich in die Gefilde der Raritäten wagt. In Baden bei Wien jedoch ist das Vertrauen des Publikums in sein Haus zu Recht so unerschütterlich, dass man auf jeden Fall kommt – auch zu „Tausend und eine Nacht“, einer Operette, die wahrscheinlich kaum jemand kennt.

Dass diese einst „Indigo und die 40 Räuber“ hieß, der erste Versuch des Johann Strauß im Operettengenre war und wie viele anderer seiner Werke an einem wackligen Libretto scheiterte, weiß heute niemand mehr. Dass man eine Fülle allerherrlichster Musik nicht ungenützt lassen kann, war jedoch schon den Zeitgenossen (und gleich nach Strauß’ Tod) klar. Da hat man nicht nur „Wiener Blut“ künstlich gebastelt (und siehe da, es wird noch heute gespielt), da hat man dem alten „Indigio“ ein fast komplett neues Libretto verpasst, den dort vorkommenden Ali Baba durch eine Art Scheherazade ersetzt, nur die Idee der Wienerin im Harem (als Nebenhandlung) belassen – und auf die herrliche Musik gesetzt: So gab es die Ernst Reiterer-Fassung von 1907, und obwohl die Geschichte noch immer keinen Libretto-Preis gewinnen würde, funktioniert sie jetzt.

Zumal in Baden, wo man in altbewährter Weise alles bedient: die Exotik-Ausstattung (üppig und witzig, etwa der „fliegende Teppich“, aber nicht geschmacklos: Manfred Waba, bei den sehr kleidsamen Kostümen von Gerlinde Brendinger unterstützt), die Choreographie (über die Maßen reichlich und außerordentlich gelungen: Michael Kropf), schließlich die Inszenierung (Christa Ertl) in der sorglich ausgewogenen Mischung von sentimentaler Romanze und viel, viel G’spaß.

Ja, und da ist die Musik: Ein Genie ist ein Genie ist ein Genie, und Johann Strauß ist halt immer noch das Alzerl genialer als alle, die nach ihm kamen. Entweder man lässt sich einfach mittragen von seinem Ideenreichtum und seinem Schwung, oder man hört genau zu und kann nicht aufhören sich zu wundern – und zu bewundern. Franz Josef Breznik steht am Pult, und das Orchester bleibt auf der Höhe seiner Aufgabe. (Und das ist ein sehr hohes Lob.)

Die Sonntagnachmittagvorstellung nach der Premiere am Samstagabend leidet gelegentlich unter leicht angeschrammten Kehlen. Sagen wir pauschal, dass die Herrschaften durchwegs nicht in stimmlicher Top-Verfassung waren, mit einer Ausnahme: Matjaž Stopinšek sang den Sultan, der so sehr in ein Fellachenmädchen verliebt ist, dass er sogar die Vielweiberei aufhebt, betörend, ein Operettentenor von erster Qualität (jedenfalls an einem so kleinen Haus wie diesem). Auch hat er darstellerische Möglichkeiten, da er nicht nur den Fürsten, sondern auch einen armen Fischer spielt, und die Verwandlung bekam er sehr ambitioniert hin.

Kurz, der Sultan war der Held der Aufführung, wenn er auch in Katja Reichert eine sehr hübsche „Scheherazade“ hatte, die sich natürlich als seine Liebste entpuppt. Man würde ihrer Leistungen allerdings froher, wenn man verstehen könnte, was sie singt – aber ihre Wortundeutlichkeit stellt man bedauernd fest, so oft man ihr begegnet.

Als erstes Buffopaar sind der wendige Sekretär des Sultans (Andreas Sauerzapf macht gute, junge, komische Liebhaber-Figur) und das von der Europareise mitgebrachte Wiener Mädel zur Stelle: Wortgewandt lässt Katrin Fuchs die Damen des Harems wissen, dass sie keine Konkurrenz duldet, und ist auch sonst vollmundig zur Stelle. Dennoch rückt noch eine andere Dame vor: Ingrid Habermann ist die „komische Alte“ des Stücks, die sogar die Pizzicato-Polka singen (!) darf und für ihre Gier nach Männern verhöhnt wird, dass es Emanzen nur so beuteln dürfte – aber zimperlich darf man nicht sein. Sie und ihre Damen bekommen auch ein Couplet, das an jenes von „Eine Nacht in Venedig“ erinnert und wo es heißt, dass man ja eigentlich keineswegs das schwache Geschlecht sei…

Spät taucht da noch Beppo Binder auf, erst im Falsett, dann im baritonalen Tenor, und macht humorvoll klar, dass nicht jeder angebliche Eunuch wirklich einer ist. Josef Forstner als Magier und mehr noch der immer witzige Robert Sadil als sein Adlatus geben komische Randerscheinungen, Walter Schwab, Franz Josef Koepp, Franz Födinger erfüllen die restlichen Rollen.

Wobei der besondere Beifall des Publikums aber dem Ballettensemble galt, und das zu Recht. Wenn man es böse ausdrücken will, hat man es bei Baden mit einer kleinen Provinzbühne zu tun – aber wie hier getanzt wird, nicht nur einfallsreich, sondern schlechtweg gut, das könnte in jeder Großstadt reüssieren.

Die Großstadt hat eine solche Operettenbühne nicht. Der Wiener kann die Badner Bahn nicht nur dazu benützen, ins Kasino zu fahren, sondern auch dazu, ins Theater zu gehen. In Baden trifft man jedenfalls immer ein hochzufriedenes Publikum (was anderswo nicht die Regel ist…).

Renate Wagner

 

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