Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Nicola Antonio PORPORA: GERMANICO IN GERMANIA – DECCA 3 CDs Weltersteinspielung einer wahren Feuerwerks-Opera Seria mit Max Emanuel Cencic

25.01.2018 | cd

Nicola Antonio PORPORA: GERMANICO IN GERMANIA – DECCA 3 CDs

Weltersteinspielung einer wahren Feuerwerks-Opera Seria mit Max Emanuel Cencic

0028948315239

 

Da Händel auf- und abgespielt und spätestens seit er an der Wiener Staatsoper aufgeführt wird, zum fettesten musikalischen Mainstream gehört, müssen Barockspezialisten und -sänger schon tiefer in der Raritätenkiste graben, um ungehobene Schätze ans Tageslicht zu hieven. Von der Oper Germanco in Germania kennt man vielleicht die Arminio-Arie „Parto, ti lascio, o cara“ von Cecilia Bartoli auf ihrem Album  „Sacrificium“ eingespielt, aber wahrscheinlich nicht mehr. Dabei wartet der neapolitanische Gesangslehrer und Komponist Porpora mit wahren Festmählern für biegsame Sangeskehlchen auf. 

 

Germanico in Germania wurde 1732 in Rom uraufgeführt mit keinen Geringeren als Caffarelli in der Rolle des Arminio und dem Altkastraten Domenico Annibali in der Titelfigur.   Natürlich treten heute in diesen Barockopern nicht mehr nach päpstlichem Edikt nur noch „Männer“ auf.  Die neue Aufnahme unter der musikalisch stürmischen Leitung des Jan Tomasz Adamus, der seine bisweilen derb aufspielende Capella Cracoviensis final zu barocken Höhenflügen (Achtung: Absturzgefahr) anstachelt, ist nicht zum Schaden des geneigten Ohr des Melomanen überwiegend weiblich besetzt. Nur in der Titelpartie ist Countertenor Superstar Max Emanuel Cencic in einer der wohl anspruchsvollsten Rollen seiner Karriere zu hören. Auch die Rolle des Segestes, germanischer Stammesfürst und römischer Bürger, ist mit Juan Sancho trefflich besetzt. 

 

Die Handlung rund um den Krieg (Varusschlacht) zwischen Germanen und Römern, gemischt verdrechselten Liebesgeschichten samt anderen kulturellen Prägungen der verschiedenen Lager, Verrat und schließlich den Sieg der Vernunft über einen ehrenhaften Tod in Stolz ist eigentlich nicht wirklich wichtig und dient wie immer bloß als wortreiche Grundierung für virtuose Arien, Zurschaustellung von Affekten und Plantschen im melodisch-schnörkeligen da capo Ursaft spätbarocker Wonnen. Allerdings muss der Hörer von den 218 Minuten Spielzeit auch eine gehörige Portion an endlosen Rezitativen schlucken, um dazwischen mit Arien durchwegs allererster Güte – allerdings nach Strickschema F – verwöhnt zu werden. Ach ja, ein Duett und ein Terzett sind auch dabei.

 

Nicola Porpora soll ja ein gar gestrenger Gesangslehrer gewesen sein. Wenn man den seinen Schülern auferlegten Tagesplan betrachtet, könnte er fast als sadistischer Zuchtmeister betitelt werden. Mit solch eigener Lust an der Unsingbarkeit ausstaffiert, hören sich auch die feinst ziselierten und kleinteiligen Verzierungen an, diese unendlichen Schnüre an Sechzehntelnoten, die im Affentempo abzuspulen sind. Vom Orchester gibt es neben Streichern nur noch Oboen und zwei Hörner in Naturstimmung zur klanglichen Bereicherung.

 

Die Besetzung ist im Großen und Ganzen ausgewogen. Lediglich Mary-Ellen Nesi vermag die Faszination, die vom Kastraten Caffarelli in der Rolle des Arminio ausgegangen sein muss, keineswegs zu vermitteln. Gar prächtig orgeln und trillern hingegen Dilyara Idrisova als Rosmonda und Hasnaa Bennani in der Rolle der Cecina. Julia Lezhneva wird wie immer die Geister scheiden, ich finde sie als Ersinda fabelhaft und aufregend. Ihr Timbre ist luxuriös, ihr Virtuosität atemberaubend. Sollte sie fallweise etwas „übersteuern“, so ist das bei dieser Musik mit einem nicht unbeträchtlichen Anteil an Grundhysterie nicht von Nachteil. Die Krone der Aufnahme gebührt abermals Max Emanuel Cencic in der Titelrolle des Feldherrn der römischen Legionen in Niedergermanien. Mit stählerner Kraft, hochdramatischen Läufen und Fiorituren, einer dunkel schimmernden Palette an nicht zu knapp aufgetragenen vokalen Farben, schafft es Cencic, der guten alten Opera Seria neues Leben einzuhauchen. Alleine schon seinetwegen muss man diese glutvolle Porpora-Erstaufnahme gehört haben. Aber auch der Tenor Juan Sancho überzeugt mit hoher Musikalität und virilem Ausdruck. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

Diese Seite drucken