NEW YORK – WIEN / Die Met im Kino / Cineplexx Cinemas
Macbeth von Giuseppe Verdi
- Oktober 2026
Isolde als Lady

Lise Davidsen, Quinn Kelsey. Foto: Metopera
Es gibt sie noch – die Inszenierungen, die nichts umdeuten, für erfreuliche visuelle Eindrücke sorgen und (trotzdem?) einen spannenden Opernabend bereiten: Louisa Proske, geborene Berlinerin, aufgewachsen zu beiden Seiten des Ozeans, feierte mit ihrer Inszenierung von Verdis „Macbeth“ einen fulminanten Einstand an der Met. Sie ist eine Mitbegründerin der New Yorker Heartbeat Opera, die für ihre innovativen Inszenierungen gefeiert wird.
Innovativ war allerdings nicht, was sie auf die Bühne der Met brachte, aber das dürfte nur wenige Besucher gestört haben. Ein klaffendes Loch umschließt die Schauplätze – das Höllentor, das bei Shakespeare der betrunkene Pförtner mit der Pforte zu Macbeths Burg verwechselt? Es umrahmt eine vom Krieg zerstörte, düstere Welt, nur das Schlafgemach der Lady wirkt intakt (Bühnenbild Jon Bausor). Mit virtuoser Verwendung der Drehbühne gelingen nahtlose Schauplatzwechsel, und die Hexen sind omnipräsent: Sie dringen in das Schlafgemach der Lady ein und kleiden sie an, sie krönen Macbeth und seine Gattin, und sie erweisen denselben Dienst Banquos Sohn nach dem Sieg über den Usurpator.
Der nicht gerade subtile Hinweis auf das omnipräsente Böse war sehr wirkungsvoll, und die graue Gewandung der Hexen bildete einen wirkungsvollen Kontrast zu Lady Macbeths Renaissance-Prachtroben. Auch die Herren waren entsprechend gekleidet – die Pumphöschen waren allerdings nicht für jedermann kleidsam (Kostüme Montana Levi Blanco). Angeblich handelt es sich bei den Kostümen größtenteils um Recyceltes aus dem Fundus – sehr lobenswert!
Die Inszenierung besticht durch viele Effekte und Detailreichtum. So sind die Kampfszenen meisterlich choreographiert (Jorrell Lawyer-Jefferson) und involvieren auch Tänzer. Die Hexenerscheinungen im 1. Akt werden ebenfalls zu einer kleinen Balletteinlage genutzt, ebenso die Einleitungsmusik zum Bankett, Und die eigentliche Ballettmusik der Oper, die man selten vernimmt, wurde teilweise bei den Prophezeiungen vertanzt. All diese Einlagen fügten sich harmonisch ins Ganze und verstärkten den Eindruck einer Grande Opera.
Quinn Kelsey, geliebter und sehr oft eingesetzter Verdi-Bariton der Met, erinnert vom Stimmtypus in dieser Rolle ein wenig an Renato Bruson: ein warm timbrierter, schmiegsamer Bariton, der für Kavaliersbariton-Rollen eher prädestiniert erscheint. Bei diesem voreiligen Schluss muss man dem Künstler allerdings Abbitte leisten: Er porträtierte Macbeth als schwachen Charakter, der Stärke erst im Bösen zeigt und am Ende bei einem wunderschön phrasierten „Pietà, rispetto, amore“ Mitleid erregt. Er und seine Lady dürften sich bei ihren Ambitionen gefunden haben, denn von sexueller Anziehung oder gar Hörigkeit ist nichts zu bemerken.
Lise Davidsen ist wunderbar anzusehen und singt makellos, die Furie glaubt man ihr keinen Augenblick in keiner Beziehung. Dafür gestaltete sie die Schlafwandel-Szene mit allen technischen Raffinessen, deren ihr großer Sopran fähig ist, mit viel Wärme und ließ Mitleid aufkommen.
Ihr Gatte wurde auf offener Bühne verwundet und hat noch Gelegenheit, ein wenig Reue zu zeigen bei der Arie „Mal per me“ aus der ursprünglichen Fassung von 1847. Er wird dann vom wütenden Volk auf einen Scheiterhaufen gezerrt und stirbt so einen noch drastischeren Tod als im Libretto. Diese Szene und die Ermordung Banquos, der förmlich zerfleischt wird von den Messerstichen der gedungenen Mörderbande, hätte ich mir etwas weniger graphisch gewünscht.
Ryan Speedo Green sang und spielte den Banquo nobel. An der Met weiß man ihn, im Gegensatz zu Wien, zu schätzen. Sein Bass klingt jetzt geschmeidiger, seine tiefen Töne könnten allerdings eindrucksvoller sein. Im Pauseninterview bedankte er sich bei der kürzlich verstorbenen Martina Arroyo, von der er gefördert wurde.
Freddie De Tommaso machte durch seine wunderschön phrasierte Arie den ungünstigen optischen Eindruck wett, den ihm das heiße Kostümhöschen verpasste. Ohne Schluchzer und Drücker wusste er seinem Schmerz mit vielen leisen Tönen Ausdruck zu verleihen.
Jonathan Burton als Malcolm schließlich ließ einen schön timbrierten Tenor hören, der mehr als nur kleine Rollen verspricht.
Der Hausherr Yannick Nézet-Séguin unterstrich die Kraft und Düsternis von Verdis Musik und hatte beträchtlichen Anteil an einem großen Opernabend mit kleinen Einschränkungen.
Traude Steinhauser

