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NEW YORK/ Metropolitan Opera: LA BOHÈME. Die Liebe zu den kleinen und den großen Dingen

17.10.2026 | Oper international

Die Liebe zu den kleinen und den großen Dingen : Franco Zeffirellis ikonische „La Bohème“ an der Metropolitan Opera als ganz großes Kino
Vorstellung vom 16. Oktober 2026

La Bohème Tickets | New York Theatre Guide

Franco Zeffirellis La Bohème gehört mittlerweile zu den ikonischen Inszenierungen der Metropolitan Opera und ist völlig zu Recht ein Repertoire-Klassiker. Seit ihrer Premiere am 14. Dezember 1981 wurde sie mehr als 500 Mal gespielt und ist damit die meistgespielte Inszenierung der Met. Im Dezember wird sie 45 Jahre alt. Doch ihr Alter sieht man dieser Inszenierung nicht an.
Und das liegt vor allem an einer Genauigkeit und Verliebtheit in Details, die magisch und in dieser naturalistisch-psychologischen Form heute nur noch sehr selten zu finden und zu sehen ist. Schon die Mansarde des ersten Aktes hoch über den Dächern von Paris ist ein kleines Wunder an Bühnenrealismus. Draußen ein grauer, dämmriger Wintertag, früh einsetzende Dunkelheit und ein wenig Mondlicht, drinnen ist es zugig und vor allem kalt.

Zeffirelli verkleinert die gewaltige Bühnenöffnung der Met mit schwarzen Seitenvorhängen um etwa ein Drittel und betont damit zunächst ganz bewusst die Enge der Künstlerwohnung
und das Kammerspielartige dieses 1. Aktes. Rodolfo und Marcello verbrennen das Manuskript, um wenigstens ein bisschen Wärme zu haben – und aus dem angeschlossenen Schornstein steigt tatsächlich Rauch.
Wenn Schaunard mit Essen, Wein und unerwartet verdientem Geld zurückkehrt und die Freunde auf ihren plötzlichen Reichtum anstoßen, sitzt selbst das Klirren der Gläser exakt auf der Musik. Und wenn Benoît wenig später die ausstehende Miete kassieren will, machen sie ihren Vermieter betrunken, bringen ihn dazu, von seinen außerehelichen Abenteuern zu erzählen, und werfen ihn anschließend in gespielter moralischer Empörung hinaus. Die eingesparte Miete kann direkt bei Momus investiert werden.
Dann bleibt Rodolfo allein zurück. Es klopft. Eine Frau! Noch schnell ein Blick in den Spiegel, ob die Frisur sitzt, dann öffnet er die Tür. Mimì tritt ein. Als sie ohnmächtig wird und Rodolfo ihr Wasser ins Gesicht spritzt, ist jeder einzelne Wasserspritzer perfekt mit den Harfenklängen aus dem Orchestergraben synchronisiert.
Das sind die kleinen Details, aus denen Zeffirelli seine große Wirkung entstehen lässt.

Und wie sehr Freddie De Tommaso diese Inszenierung inzwischen verinnerlicht hat, zeigt sich gerade dort, wo etwas nicht inszeniert ist. Der liegen gebliebene Papierschnipsel, den er kurzerhand aufhebt und ebenfalls in den Ofen wirft, gehört ebenso dazu wie die Tür zum kalten Flur, die versehentlich offen stehen bleibt und die er beiläufig schließt. Solche kleinen Zufälle des Abends nimmt er auf und löst sie so selbstverständlich aus der Situation heraus, dass sie kaum auffallen. Als Mimì erzählt, dass sie eigentlich Lucia heißt und nur Mimì genannt wird, hört er ihr wirklich zu, wie sie von sich und ihrem Leben erzählt.
Man kann ihm richtig dabei zusehen, wie er sich in Lucia verliebt. Im November 2025 habe ich De Tommaso und Juliana Grigoryan in dieser Inszenierung bereits bei ihren MET-Rollendebüts als Rodolfo und Mimì erlebt. Damals war er für mich ein fantastischer, leuchtend heller Rodolfo, sie von der ersten Sekunde an eine herzzerreißende Mimì. Knapp ein Jahr später hat sich dieser Eindruck nicht nur bestätigt. Beide sind mit ihren Rollen, mit dieser Inszenierung und miteinander noch einmal vertrauter und selbstverständlicher geworden.
De Tommaso besitzt für diesen Rodolfo eigentlich alles, was es braucht: Kraft, Volumen, Erfahrung, Souveränität – und dabei eine Leichtigkeit, die nichts beweisen muss. Wenn man nicht live dabei wäre, könnte man manchmal meinen, einen jener italienischen Tenöre alter Schule im Ohr zu haben – so traditionell italienisch, so leuchtend und unmittelbar klingt diese Stimme.
Und Grigoryan erwischt mich auch diesmal wieder von der ersten Note an. Gerade nicht mit schierer Kraft, sondern mit dem Gegenteil: Wie fein, wie zärtlich, wie zurückgenommen und zerbrechlich sie Mimì singt und spielt, ist herzzerreißend schön. Die beiden passen optisch, darstellerisch und stimmlich hervorragend zusammen. Man spürt, dass sie nicht zum ersten Mal miteinander auf der Bühne stehen, wie vertraut sie miteinander umgehen und wie selbstverständlich sie Nähe zulassen. Selten war eine Bohème so zärtlich und intim. Und dann kommt der zweite Akt. Plötzlich ganz großes Kino. Die schwarzen Seitenvorhänge sind verschwunden und Zeffirelli wechselt vom Kammerspiel ins Breitwandformat: CinemaScope. Unten Café Momus und Weihnachtsmarkt mit Ständen, an denen Pfannen, Musikinstrumente und allerlei Trödel verkauft werden; darüber führt eine breite Treppe auf eine zweite Ebene, auf der die Pariser flanieren und einkaufen.
Gefühlt befindet sich halb Paris auf der Bühne. Niemand steht einfach nur herum. Alle sind beschäftigt, alle sind inszeniert. Kinder spielen, Menschen kaufen ein, Parpignol kommt mit einem von einem echten Esel gezogenen Karren, und Musetta wird mit einer Pferdekutsche hereingefahren. Was für ein Auftritt! Selbst bei Momus wird nicht nur so getan, als würde gegessen und getrunken: Es gibt wirklich Essen und Getränke, und beides wird auch tatsächlich konsumiert.

Das ist ein realitätsgetreues Wimmelbild, ein Sittengemälde des Paris um 1830. Und ich habe bisher keine Aufführung dieser Inszenierung erlebt, bei der das Publikum für dieses Bühnenbild nicht spontan Szenenapplaus gegeben hätte. Und das zu Recht. Denn die eigentliche Meisterschaft liegt nicht allein in der beeindruckenden Opulenz und schieren Masse, sondern darin, dass in diesem Gewimmel die Protagonisten keinen Augenblick verloren gehen. Das große Bild entsteht aus den kleinen Details: aus all den einzelnen Figuren, Bewegungen und Geschichten, die es erst lebendig machen. Und wenn Rosa Feola als Musetta dann „Quando me’n vo’“ singt und alle Aufmerksamkeit auf ihr liegen soll, friert Zeffirelli auf der oberen Ebene das gesamte Geschehen ein. Und zwar mitten in der Bewegung. Eine Frau hält zwei Bänder gespannt in den Händen. Kinder, die gerade mit Holzstäben Schwertkampf gespielt haben, bleiben mitten im Kampf stehen.
Andere verharren in teilweise ziemlich abenteuerlichen Positionen. Und das über Minuten. Es würde eigentlich nur noch fehlen, dass jemand in die Luft springt und dort ebenfalls hängen bleibt.
Hier merkt man den Filmregisseur Zeffirelli. Im Film wäre die Lösung einfach: Die Kamera ginge in die Großaufnahme auf Musetta und die anderen Menschen wären aus dem Bild.  Auf der Bühne kann man hundert oder zweihundert Menschen, Chor und Kinderchor nicht einfach ausblenden. Also werden sie eingefroren.
Ganz großes Kino mit den Mitteln des Theaters.

Und mitten in diesem riesigen Bild gibt es wieder eines dieser kleinen Details, die später wichtig werden. Als Rodolfo Musetta die ihr unbekannte Mimì vorstellt, nimmt sie sie sofort herzlich in den Arm und macht ihr ein kleines Geschenk. Bei aller Lust am großen Auftritt und an der extrovertierten Exzentrik ist diese Musetta von Anfang an auch eine warmherzige und großzügige Frau. Überhaupt ist erstaunlich, wie detailliert und musikalisch diese bildmächtige Inszenierung gearbeitet ist. Die Gläser im ersten Akt, das Wasser zur Harfe, Bewegungen, Blicke und
Reaktionen – immer wieder scheinen Bühne und Partitur denselben Atem zu haben.
Vielleicht trifft Zeffirelli damit so genau den Kern dieser Oper, weil die Liebe zu den kleinen Dingen schon in Puccinis Musik angelegt ist. Ramón Tebar lässt mit dem wunderbar spielenden Orchester der Metropolitan Opera Puccinis große lyrische Bögen fließen, ohne
die erstaunliche Modernität dieser Musik zu glätten: die harmonischen Schärfungen, die jähen Stimmungswechsel, dieses ständige Ineinanderfließen von Leichtigkeit und Schmerz.

Nach dem lebensprallen Paris des zweiten Aktes steht man an der Barrière d’Enfer plötzlich im tiefsten Winter. Es liegt Schnee und es schneit weiter. Die Kälte ist so perfekt illusioniert, dass man eigentlich erwartet, beim Singen den Atem der Menschen zu sehen. Und gleich zu Beginn gibt es eine kleine Reprise des großen Musetta-Moments bei Momus, auch wenn sie dieses Mal selbst gar nicht zu sehen ist. Nur ihre Stimme dringt aus dem Inneren der Schenke – und draußen frieren die Menschen für diesen Augenblick wieder in ihren Bewegungen ein. Wenn Musetta singt, scheint bei Zeffirelli die Zeit stehen zu bleiben. In den Schnee sind unzählige winzige Lämpchen unterschiedlicher Größe eingelassen, die ihn funkeln und glitzern lassen wie Eiskristalle. Ohne diese kleinen Lichter kein Glitzern. Ich habe auf einer Bühne selten Kälte so sichtbar erlebt.
Und in dieser Kälte zieht Zeffirelli den Blick immer enger auf seine vier Protagonisten. Mimìs Begegnung zunächst mit Marcello und anschließend mit Rodolfo gehört für mich musikalisch und szenisch zu den herzzerreißendsten Momenten der ganzen Oper. Auf der einen Seite Mimì und Rodolfo, die einander lieben und gerade deshalb nicht mehr miteinander leben können; auf der anderen Musetta und Marcello, bei denen dieselbe Liebe in Eifersucht, Temperament und heftigen Streit umschlägt.
Als Musetta schließlich fluchend davon rauscht, entdeckt Marcello kurz darauf, dass sie ihren wärmenden Umhang zurückgelassen hat – und läuft ihr hinterher, um ihn ihr zu bringen. Wieder so ein kleines Detail: Sie können sich streiten, beschimpfen und auseinanderlaufen. Aber Marcello will nicht, dass Musetta friert.

Im vierten Akt kehren wir in die Mansarde zurück. Fast dieselbe Welt wie am Anfang, nur draußen auf dem Balkon blühen jetzt Frühlingsblumen. Rodolfo und Marcello sind wieder allein, von Mimì und Musetta getrennt. Und De Tommaso hält Mimìs Haube in den Händen. Er betrachtet sie, spielt gedankenverloren mit ihr. Zeffirelli braucht nur dieses kleine Erinnerungsmotiv, und plötzlich ist Mimì in diesem Raum anwesend, obwohl sie gar nicht da ist. Dann kommen Schaunard und Colline zurück, aus Hunger und Armut wird noch einmal ausgelassenes Spiel, es wird getanzt, gefochten und herumgealbert – bis Musetta mit der Nachricht erscheint, dass es Mimì sehr schlecht geht. Innerhalb weniger Augenblicke kippt die Stimmung vollständig.
De Tommaso trägt Grigoryan herein und legt sie auf das Bett. Rodolfo zeigt Mimì ihre Haube, die er trotz ihrer Trennung behalten hat. Sofort sind all die Erinnerungen präsent – und die Liebe, die diese beiden Menschen immer noch miteinander verbindet. Auch Musetta kümmert sich aufopfernd um die Sterbende, gibt ihre Ohrringe her, damit Medizin besorgt werden kann, und sorgt für den Muff. Was sich bei Momus bereits angedeutet hatte, bestätigt sich jetzt: Musetta hat ein großes Herz.
Einen besonderen musikalischen Moment hat Le Bu als Colline mit „Vecchia zimarra, senti“. Wie warm und innig er sich von seinem alten Mantel verabschiedet, macht aus dieser kleinen Szene einen der berührendsten Momente des Abends. Wieder ist es ein scheinbar alltäglicher Gegenstand, an dem plötzlich ein großes Gefühl hängt.
Dann stirbt Mimì. Der Muff gleitet aus ihrer Hand. Einer nach dem anderen bemerkt es. Ein Blick wandert zum nächsten. Bewegungen hören auf. Nur Rodolfo versteht es zuletzt. Und als er schließlich über dem Bett der toten Mimì zusammenbricht und schluchzt, ist das großes Gefühls-Kino, herzzerreißend. Und während Rodolfo über Mimì gebeugt liegt, stehen Musetta und Marcello ein wenig abseits und halten einander im Arm. Für diesen Augenblick haben auch sie wieder zueinandergefunden. Ein kleines Glück am Rand der großen Tragödie. Vielleicht ist das überhaupt das Erstaunlichste an dieser Inszenierung. Ihr Realismus endet eben nicht beim echten Esel, beim Pferd, beim rauchenden Schornstein, beim fallenden Schnee oder beim wirklichen Essen im Café Momus. Er setzt sich in der Personenführung fort, bis in einen Blick, einen zurückgebrachten Umhang, eine Haube oder einen Muff. Und manchmal kommt an  einem bestimmten Abend noch ein zufällig liegen gebliebener Papierschnipsel oder eine offen stehende Tür hinzu. Es ist diese Liebe zu den kleinen Details, aus denen die großen Bilder und die großen Gefühle entstehen.

Dass eine derart komplexe und bis in kleinste Bewegungen, Blicke und Reaktionen hinein ausgearbeitete Inszenierung auch nach fast 45 Jahren und mit immer neuen Besetzungen noch mit solcher Präzision lebt, ist alles andere als selbstverständlich. Die aktuelle szenische Einstudierung liegt in den Händen von Revival Stage Director Bruno Baker. Und wenn dann eine bis ins Allerletzte ausgearbeitete Inszenierung auf eine Besetzung wie an diesem Abend trifft, allen voran Freddie De Tommaso und Juliana Grigoryan, wenn Ramón Tebar und das Orchester der Metropolitan Opera sie musikalisch tragen, dann ist das für meine Ohren und Augen ziemlich nah dran an Perfektion.

Mehr als 500 Aufführungen hat diese La Bohème inzwischen erlebt. Mit einer Besetzung wie dieser und einem Team wie diesem wünsche ich ihr gerne noch 500 weitere.

Aus Liebe zu den kleinen und den großen Dingen.

Dr. Eric Alexander Hoffmann

 

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