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NEW YORK/ Die Met im Kino: IOLANTA / HERZOG BLAUBARTS BURG. „Sinnlose Entdeckung“ und „Genialer Psychothriller“

15.02.2015 | Oper

Iolanta“ und „Herzog Blaubarts Burg“ live aus der Met im Opernkino am 14. Februar 2015

 „Sinnlose Entdeckung“

 Pjotr Iljitsch Tschaikowskis letzte Oper „Iolanta“, uraufgeführt 1892 in St. Petersburg, gehört definitiv nicht zu seinen größten Werken. Die Musik ist ebenso unauffällig wie uninspiriert. Punktuell gibt es dramatische Stellen, aber größtenteils ist sie, wenn man an „Pique Dame“ oder „Eugen Onegin“ denkt, enttäuschend. Tschaikowski hat aber eine ebenso nichtssagende wie unlogische Geschichte vertont, zu der diese Musik sicherlich passt. Es geht um die blinde Königstochter Iolanta, die allerdings nicht weiß, dass sie blind ist. Ihr Vater, der König, ist aber gegen eine Operation. Dann kommt ein Graf, verliebt sich in Iolanta und will ihr die Welt des Lichtes näher bringen, worauf der Vater schließlich in die, später positiv verlaufende, Operation zustimmt. Happy End.

 Die Inszenierung von Mariusz Trelinski, Operndirektor der Staatsoper in Warschau, von wo diese Produktion ursprünglich stammt, ist sehr gut mit der Musik zu vergleichen. Unauffällig und uninspiriert. Man bemerkte keine wirklich packenden Regie-Ideen. Zu Kichern im Publikum führte u.a. dass Robert und Vaudemont mit Schiern, aber ohne Schianzug, geschweige denn Schischuhen, hereinkamen. Während der Ouvertüre wird projiziert, wie ein Reh erschossen wird (Videos: Bartek Macias). Überhaupt wird viel projiziert. Der Rehkadaver hängt später auf der Bühne herum. Die Bühne (Boris Kudlicka) zeigt einen Raum, der sich dreht, sowie herumschwebende Bäume. Die Kostüme sind verbesserungswürdig (Marek Adamski).

 Gesungen wurde an diesem Abend aber fantastisch. Anna Netrebko liegt die Rolle der Iolanta sehr gut in der Stimme. Auch überzeugte sie mit fast durchgängig gutem Spiel. Piotr Beczala sang den Vaudemont sehr lyrisch, hatte aber in der Höhe zu kämpfen. Trotzdem eine solide Leistung. Wunderschön klang hingegen Alexei Markov als Robert und Elchin Azizov als Arzt Ibn-Hakia. König René wurde von Ilya Bannik zwar schön gesungen, er hatte aber einige Intonationsprobleme. Außerdem nahm man diesem jungen und extrem schlanken Bass nicht ab, dass er der Vater der etwas älteren Anna Netrebko sei.

 Valery Gergiev leitete das Orchester mit schönen Legato-Bögen, aber da man von der Musik nicht wirklich etwas mitbekam, fiel einem auch das Dirigat nicht besonders auf.

 Freundlicher Jubel. Allerdings hat man in der Met schön begeisterteren Applaus gehört.

 Fazit für „Iolanta“: Die Sänger machen ihre Sache gut. Die Musik sowie die Inszenierung bleiben unauffällig. Man konnte die letzten Jahre auch sehr gut ohne dieses Werk leben.

 „Genialer Psychokrimi“

 Um Längen besser war dann Béla Bartóks geniales Zwei-Personen-Stück „Herzog Blaubarts Burg“ (A kékszakállu herceg vára). Gesungen wurde in der Originalsprache: Ungarisch. Es geht um eine junge Frau namens Judith, die einem geheimnisvollen Herzog in seine Burg folgt, um mit ihm dort zu leben. In dieser konsequent verriegelten Burg befinden sich sieben verschlossene Türen, die Judith gegen den Willen des Herzogs öffnen will. Er gibt nach und gibt ihr einen Schlüssel nach dem anderen. Hinter den Türen befinden sich seine Folterkammer, seine Waffenkammer, sein Goldschatz, ein Rosengarten, sein gesamtes Reich und ein Tränensee. Es läuft aber immer darauf hinaus, dass die Zimmer voller Blut sind. Judith errät, dass sich hinter der letzten Tür die ermordeten Ex-Frauen des Herzogs befinden, muss ihnen hinter die Tür folgen und Blaubart bleibt schließlich alleine in der dunklen Burg zurück.

 Mariusz Trelinski inszenierte diesen Krimi sehr modern mit viel Brutalität und Sex. Mit vielen Videos (u.a. ein Lift) und eingespielten Geräuschen verursacht er andauernd Gänsehaut-Feeling im Publikum. Am Anfang kommt Judith mit einem Auto in den Wald, den man schon aus „Iolanta“ kennt, wo Blaubart anscheinend gerade eine Leiche vergraben hat. Im Laufe der Inszenierung wird klar, dass die vergrabene Leiche am Anfang Judith war. Der Regisseur stellt nicht Blaubart, sondern Judith als Fall für die Psychiatrie dar. Etwas plakativ wirkt lediglich der Schluss, das fällt aber bei dieser insgesamt so fulminanten Aufführung nicht wirklich ins Gewicht. Auch die Ausstattung ist wunderbar anzusehen. Eine tolle Leistung.

 Mikhail Petrenko war als Blaubart eine äußerst interessante Figur und sang auch sehr angenehm. Ein bisschen gedrückt wurde aber in der Höhe. Nadja Michael war als Judith auch überzeugend, schwamm aber in der Tiefe. Eigentlich wird die Judith ja von einem Mezzo gesungen, Michael ist aber ein Sopran. Darstellerisch leistete sie aber viel (z.B. badet sie in einer Szene nackt). Bei der Textverständlichkeit ließen aber beide zu wünschen übrig, vor allem aber Nadja Michael. Der Rezensent kann das als Halb-Ungar bestätigen.

 Das Met-Orchester klang einfach traumhaft. Zum Dahinschmelzen schön. Valery Gergiev dirigierte aber streckenweise viel zu langsam. Schade.

 Es gab großen, dankbaren Jubel für die beiden Sänger und auch für Gergiev.

 Zu erwähnen bleibt noch, dass sich während der Aufführung der Saal einzeln lichtete.

 Fazit für „Herzog Blaubarts Burg“: Gesungen und musiziert wird, mit punktuellen Schwächen, ausgezeichnet. Mariusz Trelinski hat eine äußerst spannende und neue Sichtweise entwickelt.

Fazit für den ganzen Abend:

Musikalisch und szenisch 1:0 für Blaubart.

 Sebastian Kranner

 

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