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NEUES von JORDI SAVALL IN EXCELSIS DEO: Messen von FRANCESC VALLS und HENRY DESMAREST zu Zeiten des spanischen Thronfolgekriegs – AliaVox 2 SA-CDs

02.11.2017 | cd

NEUES von JORDI SAVALL

IN EXCELSIS DEO: Messen von FRANCESC VALLS und HENRY DESMAREST zu Zeiten des spanischen Thronfolgekriegs – AliaVox 2 SA-CDs

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Manchmal fragt sich der noch immer überraschte Musikfreund, ob Savall bedeutender als musikalischer Archäologe, Philosoph oder ausführender Musiker (Gambist, Dirigent) ist. Der katalanische Schöngeist mit dem grauen Bart, Attribut des Weisen, stellt mit dem Album „In Excelsis Deo“ die Messe Scala Aretina für vier Chöre des katalanischen Komponisten Francesc Valls der Messe für zwei Chöre und zwei Orchester des Franzosen Henry Desmarest gegenüber. Die beiden Werke sind durch die konfliktgeladene Geschichte der französischen und der spanischen Krone im 1701 beginnenden Thronfolgekrieg verbunden. Zur Erinnerung: Es herrschte damals Krieg zwischen Spanien und Katalonien (man sehe sich die derzeitigen Nachrichten aus der Region an), in dem die spanischen und französischen Truppen auf der Seite Philipp V. und die katalanischen und österreichischen Truppen auf der Seite Karls III. gegeneinander kämpften.

Auf der CD geht es allerdings weniger kämpferisch zu. Die fantastische Messe des Francesc Valls, kreativer Vielschreiber des iberischen Barock, wurde u.a. 1710 in der Kathedrale von Barcelona aufgeführt, um den Sieg des öst. Erzherzogs Karl VI. gegen die bourbonischen Truppen in der Schlacht von Almenara zu feiern. Die Messe verdankt ihren Namen Scala Aretina dem thematischen Einsatz der Hexachord-Skala von Guido d‘Arezzo. Im Wesen der Musik von Biber nicht unähnlich, war Valls ein Querkopf voller kompositorischer Freiheiten und origineller Ideen rund um Polychoralität und in harmonische Licht- und Schattenspiele getauchte Melodik. Da darf schon einmal eine Dissonanz ihr Wesen treiben, um Schlüsselwörter des liturgischen Textes in passenden Ausdruck zu tauchen.

Die einstündige große Messe von Henry Desmarest ist eine spektakuläre Meisterleistung des Kontrapunkts. Der Live-Mitschnitt aus der Chapelle Royale du Chateau de Versailles von Juli 2016 mit den bewährten Kräften der Vokalisten von der Capella Reial de Catalunya und des Orchesters Le Concert des Nations bietet ein höchst kunstreiches Geflecht an Stimmen, verbindet strenge Polyphonie mit typisch französischen Harmonien. Desmarest war Meister der französischen Musik am spanischen Hof in Madrid und Barcelona. Später wurde er in Nancy in die Dienste des Hofes zu Lothringen unter Herzog Leopold I. genommen. Hier wurde auch erstmals die wahrscheinlich in Spanien komponierte Messe für zwei Chöre und zwei Orchester aufgeführt.

Ergänzt wird die erste CD durch Musik anonymer Meister aus den Kriegszeiten zwischen Spanien und Katalonien. Darunter sind das Lied „El cant des aucells quant arribaren los vaixells“ zu finden, ein patriotisches Lied mit dem Gesang der Vögel, in dem die Ankunft der Kriegsschiffe des Erzherzogs gefeiert wird. Ein weiteres traditionelles Lied „Els Segadors“ erzählt in Form einer Romanze vom Aufstand der Erntearbeiter. Als Abschluss der ersten CD erklingt das alte Klagelied „Catalunya en altre temps“, das in den Jahren nach dem Fall Barcelonas und der Kapitulation Kataloniens gesungen wurde. Jordi Savall meint dazu: „Es handelt sich schlussendlich um Lieder aus dem Gedächtnis eines Volkes, um Musik, die uns das Leben und die Hoffnungen der Männer und Frauen erzählt, die unter Gefahr für Leben und Güter den Mut aufwiesen, ihre Kultur und Freiheit zu verteidigen.“

Dr. Ingobert Waltenberger

ALFONSO X EL SABIO – Cantigas de Santa Maria – AliaVox Heritage SA-CD

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Bei dieser Neuauflage handelt es sich um frisch montierte und remasterte Wiedergaben von Aufnahmen vom Februar 1993 bzw. April 2008. Es handelt sich um Gesänge zur Marienverehrung am Hofe Alfonso X. in Toledo. Auf dem Album findet sich eine Auswahl der 1993 mit Monserrat Figueras, La Capella Reial de Catalunya und den Musikern des Ensembles Hesperion XX vorbereiteten und eingespielten Werke. Generell erzählen die Cantigas Wunder, die nach Fürbitten an die Jungfrau geschehen sind. Andere Loblieder aus der Sammlung stellen Danksagungen für die vermittelnde Hilfe oder Preisungen ihrer Tugenden dar. Die Liedsammlung kann auch als Sakralisierung der fin‘amor, der höfischen Liebe gesehen werden, als Übertragung des Troubadour-Dienstes in die göttliche Sphäre.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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