Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Neue Opern-DVDs: Strauss, Gluck, Mozart, Korngold, Britten

21.07.2014 | CD/DVD/BUCH/Apps, dvd

 

01-blu-ray-disc MINI02-DVD mini  Opern-BDs und DVDs lassen den Opernfreund weit reisen, ohne dass er sich aus seinem Wohnzimmer entfernen muss, er zischt in atemberaubender Schnelligkeit zwischen Wien und Aix, Salzburg und London und auch abgelegeneren Orten wie Krumau oder Helsinki herum. Das Einzige, was ihm bei den technisch stets hervorragenden Aufzeichnungen fehlt, ist der Live-Eindruck. Aber den befriedigt er in seinem heimischen Opernhaus vermutlich ohnedies. Alles andere ist Draufgabe, Inszenierungen, die man sonst nie zu sehen die Gelegenheit hätte.

 

 DVDCover Capriccio Wien~1 Unitel

Das Richard Strauss-Jahr wirft nun eine große Menge von Strauss-Aufzeichnungen auf den Markt. Manche sind so glitzernd wunderschön wie die Wiener „Capriccio“-Aufführung, die Marco Arturo Marelli in seiner bewährten Mischung aus höchster Ästhetik und ganz, ganz sanfter Modernisierung auf die Bühne gebracht hat.

Dirigiert von Christoph Eschenbach, hat die Wiener Staatsoper da ein paar Idealbesetzungen auf die Bühne gebracht – Renée Fleming ist keineswegs nur eine statuarische Schönheit, sondern eine Frau mit herrlichem Strauss-Sopran und ebensolchem Strauss-Verstand für seine großen Frauenrollen. Und Angelika Kirchschlager, einst ein großer Octavian ist hier eine köstliche Clairon. Auch die meisten Herren lassen nichts zu wünschen übrig.

 

 DVDCover Elektra Aix x BelAir

Ist „Capriccio“ so schön, wie es sein kann, so hat die Elektra aus Aix en Provence ein besonderes Flair – und einen Trauerflor. Es war die letzte Regiearbeit von Patrice Chereau, worauf auch im Nachspann hingewiesen wird, dieser bemerkenswerte Franzose, der 1976 das Bayreuther „Ring“-Verständnis revolutioniert hat. Er hat Werke nie auf Schönheit poliert, nie aber auch um der Sensation willen verbogen. Die „Elektra“ in Aix, außerordentlich besetzt, ist dafür ein besonderes Beispiel. Vor allem der Elektra der Evelyn Herlitzius muss schrankenlose Bewunderung gelten, ihre Intensität brennt von Anfang an und lässt nie nach. Sie gibt ein Geschöpf, das nur leben kann, wenn sie ihren Haß pflegt und stets aufs Neue entzündet. Dabei gibt ihr Chereau nicht die Größe, sondern die Problematik der Figur – ihr finaler Tanz ist kein herrlicher Triumph der Siegerin, es ist ein Taumeln und Zucken, und am Ende sitzt sie schweigend und erstarrt da, katatonisch. Der Lebenszweck der Rache ist erfüllt, was bleibt, ist die Leere. Daneben die Chrysothemis der Adrianne Pieczonka, sie ist keine Lichtgestalt wie so oft, wirkt so gequält und verzweifelt wie die Schwester. Die Prunkstimme der Pieczonka zeigt, dass die Rolle oft zu leicht besetzt wird – hier ist sie richtig. Düster, schön und elegant schreitet die Klytämnestra der Waltraud Meier ins Geschehen, und man braucht schon einen Meisterregisseur wie Chereau, um die Verbindung, die letale Verknüpfung dieser Frauen, die bei ihm sogar handgreiflich miteinander ringen, klar zu machen, wobei sich alles Szenische mit zwingender Logik entwickelt. Dirigiert von Esa-Pekka Salonen, hatte Aix hier 2013 einen besonderen Abend, den anzusehen sich lohnt.

 

 DVDCover Orfeo Krumau~1 Arthaus

2014 ist ein Gluck-Jahr, was bedauerlich wenig beachtet wird, hat dieser Komponist (1714 – 1787)  doch besonders viel für die Kunstform der Oper geleistet. Es ist im Grunde unglaublich, wie wenige von seinen 50  Opern auf die Nachwelt gekommen sind, wobei die verhältnismäßige Beliebtheit von Orfeo ed Euridice gewiß auch mit dem geringen Aufwand zu tun hat, den das Werk bereitet. Immerhin hat man im barocken Schloßtheater in Krumau in Böhmen (jene Stadt, die Egon Schiele immer wieder malte) eine bemerkenswerte Gestaltung auf die Beine gestellt, die einfach durch die Besonderheit des Raumes einen Teil ihrer unwiderstehlichen Wirkung erfährt, zumal, wenn man für die „Unterwelt“ in die Kellergewölbe des Schlosses wandert. Diese filmische Lösung entspricht dem zeitgemäßen Bedürfnis nach dem Besonderen, sagen wir: nach dem Event. Ob barocke Bühne in all ihrer historischen Ausstattungs-Opulenz, ob andere Räume – so „bewegt“ hat man den Orfeo noch nie erlebt, und er ist mit dem Trio Bejun Mehta, Eva Liebau, Regula Mühlemann wirklich vorzüglich besetzt.

 

 DVDCover Entführung Hangar~1 Arthaus

Die Sehnsucht nach dem „Event“ war auch bestimmend, als die Salzburger Festspiele im Vorjahr Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ in den „Hangar 7“am Salzburger Flughafen gestellt haben, quasi als Pendant zu Opernaufführungen im Bahnhof oder an anderen Orten, die an sich mit dem Original nichts zu tun haben – aber als „Ereignisse“ ungemein viel Publicity erzielen. Die „Entführung“ im Flugzeug-Hangar mit pittoreskem Museums-Charakter in Salzburg war a priori weniger für die Zuschauer gedacht, die an diesem Abend nach Wunsch flanieren durften (und also immer „mitspielen“), sondern für die Fernsehaufzeichnung und die DVD. Die Ummünzung der Handlung in eine Modewelt (Tobias Moretti als Bassa ist ein Modezar), die spektakulären Schauplätze, Belmonte fährt im Auto vor, man würde auch gerne mit dem Flugzeug fliehen – mit Mozart hat es nichts mehr zu tun. Aber wer das „Alternative“ will, für den wird es (ohne Trauer um das Original und seine Schönheit) ein Spaß werden. Da die Produktion ihre Stars (Damrau, Fally) verloren hatte und nun durch die Bank bestenfalls solide, aber nie spektakulär besetzt ist, bleibt nur das Umfeld, bleibt das Event.

 

 DVDCover Die tote Stadt Opus Arte

Die tote Stadt des so enorm begabten Erich Korngold geistert immer wieder einmal durch ein großes Opernhaus, ein prunkvoller Verismo-Farbfleck im Repertoire, aber selten hat man das Werk so faszinierend gesehen wie in der Umsetzung durch Regisseur Kasper Holten in der Finnischen Nationaloper in Helsinki. Das variable Einheitsbühnenbild sperrt den Besucher mit dem Helden Paul in seine Wahnwelt ein, in sein Museum der Erinnerung, das voll von kleinen Schreinen ist und dessen Hintergrund eine große Treppe sein kann, aber auch das glühende Rot der Erregung. Holten funktioniert Pauls ungesunde Liebe zu einer Toten zu einem Nekrophilenrausch um, der nicht spannender sein könnte. Interessant, dass Interpreten wie Klaus Florian Vogt und Camilla Nylund, ausgewiesene Wagner-Sänger, manchmal mit Korngolds Hochdramatik an ihre Grenzen geraten. Fesselnd die Nebenrolle des Frank/Fritz, die Markus Eiche ganz präzise konturiert. Im Klangrausch: das Orchester unter Mikko Franck. Großartig.

 

 DVDCover Tod in Venedig Britten x~1 Opus Arte

“Tod in Venedig” steht für vieles, die Novelle von Thomas Mann, den Film von Luchino Visconti, das Ballett von John Neumeier. Und – selten gespielt – für die Oper von Benjamin Britten. Die Aufführung von Death in Venice, die die English National Opera im Juni 2013 herausbrachte, erhielt höchstes Lob, und wenn man die DVD sieht, weiß man warum. Regisseurin Deborah Warner hat eine unglaublich dichte und dabei sensible Geschichte rund um den Gustav Aschenbach des berührenden John Graham-Hall erzählt – die Noblesse des hoch kultivierten Mannes und die Einsamkeit des Außenseiters entfalten sich in einer meisterlich hingetupften Umwelt .

Renate Wagner

 

 

Diese Seite drucken