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Neue CD: Werke von Paul Ben-Haim beim Label Chandos erschienen/

29.03.2021 | cd

Neue CD: Werke von Paul Ben-Haim beim Label Chandos erschienen/

DIE MACHT DES PSALMS

Paul Ben-Haim: Symphonie Nr.1 (CD) – jpc

Paul Frankenberger war ein erfolgreicher Dirigent und Komponist in Bayern, bis er seine Stelle an der Augsburger Oper wegen einer finanziellen Krise des Opernhauses verlor. Im Jahr 1933 verließ er Deutschland und emigrierte in das damalige Völkerbundsmandat für Palästina. Er änderte seinen Namen und nannte sich von nun an Paul Ben-Haim. Er gilt seither als Nationalkomponist des Staatses Israel.

Der Dirigent Omer Meir Wellber betont, dass die Werke von Paul Ben-Haim für ihn sehr wichtig seien, da er erkannt habe, dass man nur durch kulturellen und kreativen Dialog wirklich Frieden auf gewaltfreie Weise erreichen könne. Zusammen mit dem vorzüglich musizierenden BBC Philharmonic Orchestra bricht er hier eine Lanze für den klangfarblich ungewöhnlich vielseitigen Komponisten. Die einfühlsame Sopranistin Claudia Barainsky interpretiert zusammen mit dem Orchester zunächst das sinfonische Poem „Pan“ op. 17, das von Claude Debussy, Gustav Mahler und Richard Strauss zwar deutlich beeinflusst ist – und dennoch hat Paul Ben-Haim seinen persönlichen Stil hier bereits gefunden. Dieses Werk basiert auf einem der 1907 von dem deuschen Dichter Heinrich Lautensack veröffentlichten „Fünf Gedichte“. Das Gedicht handelt von einer Frau, die zu einem Mann in dessen Traum spricht. Die geheimnisvolle Traumwelt gipfelt in einem Ausbruch der Leidenschaft. Das Stück ist für großes Orchester geschrieben, das eine große Holz- und Blchbläserabteilung, Pauken, Schlagzeug, Celesta, zwei Harfen, Mandolinen und Streicher besitzt. Die sphärenhaften Klänge mit der solistischen Flöte beschreiben hier suggestiv den Zauber eines sich herabsenkenden Abends. Die Harmonik reflektiert gleichsam kunstvoll das Unterbewusstsein. Insbesondere der warme Klang der Streicher ergänzt die ausdrucksvollen Kantilenen der Sopranistin, deren weiches Timbre positiv auffällt. Ein expressiv-bebender Klang herrscht vor, dessen Dynamik sich eindrucksvoll ausweitet. Die Melodie steigert sich zu einem überwältigenden Höhepunkt. Ben-Haims „Pastorale variee“ op. 31b für Soloklarinette mit Streichorchester und Harfe überzeugt vor allem aufgrund der Interpretation des sensiblen Klarinettisten John Bradbury, der die unterschiedlichen Stilwelten dieser Komposition zusammen mit dem BBC Philharmonic Orchestra eindrucksvoll herausarbeitet. Folkloristische Momente  korrespondieren dabei elektrisierend mit romantischen Elementen.

Akustischer Höhepunkt dieser CD ist in jedem Fall die glühend-glutvolle Wiedergabe von Paul Ben-Haims Sinfonie Nr. 1, deren thematische Verbindungslinien vom Dirigenten Omer Meir Wellber emotional und kenntnisreich verdeutlicht werden. Im ersten Satz dominieren romantische Nuancen zwischen den Tönen F und C. Assoziationen zu Beethoven sind hier durchaus gewollt. Kriegerisch und stürmisch kommen die dynamischen Steigerungen und eruptiven Ausbrüche daher, wobei sich auch eine zweite Motivgruppe um den Ton C durchsetzt. Marschartig drängt sich die Durchführung in den Vordergrund. Besonders bewegend ist der zweite Satz in a-Moll, der von jüdischen Gebetsmelodien inspiriert ist. Vieles erinnert hier tatsächlich an Psalmen. Rasant und temperamentvoll interpretiert Omer Meir Wellber den dritten Satz (Presto con fuoco) dieses wertvollen Werkes. Das laute Es in den Pauken verklingt hier allmählich. Eine ausdrucksvolle Perpetuum-mobile-Bewegung in den Bratschen prägt sich tief ein. Die stürmische Grundbewegung wird vor allem auch von den Trompeten beherrscht. Verbindungslinien zum Oratorium „Joram“ werden deutlich. Besonders bemerkenswert ist bei dieser Aufnahme, wie Wellber die gesangliche Melodie in einen tanzartigen Charakter verwandelt, die mit einem heftigen Trommelschlag endet. Diese ausgelassenen Tanzrhythmen beschließen das Werk in einem überaus positiven F-Dur. Es ist, als ob sich die Himmelstore öffnen. Das BBC Philharmonic Orchestra zeigt hier unter der Leitung von Omer Meir Wellber eine erstaunliche klangliche Durchsichtigkeit und Leuchtkraft.       

Alexander Walther  

 

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