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Neue CD: Violinkonzerte von Tjeknavorian und Sibelius mit Emmanuel Tjeknavorian bei Berlin Classics erschienen

08.02.2020 | cd

Neue CD: Violinkonzerte von Tjeknavorian und Sibelius mit Emmanuel Tjeknavorian bei Berlin Classics erschienen/

Zerklüftete Harmonik und klangschöne Melodik

Bildergebnis für tjeknavorian violin concerto

Bei Jean Sibelius tritt das Nordische in der Musik stark in Erscheinung, während bei Loris Tjeknavorian der armenische und persische Kulturkreis sichtbar wird. Diese Assoziationen sensibel aufzuzeigen, gehört zu den besonderen Vorzügen dieser Einspielung mit Tjeknavorians Sohn Emmanuel Tjeknavorian (Violine). Zusammen mit dem elektrisierend musizierenden Radio-Sinfonieorchester Frankfurt unter der einfühlsamen Leitung von Pablo Gonzalez stellt der junge Wiener Emmanuel Tjeknavorian neben dem Violinkonzert von Jean Sibelius (mit dem er 2015 beim Sibelius-Wettbewerb gleich zweifacher Preisträger wurde) auch in einer Weltersteinspielung das Violinkonzert op. 1 seines Vaters Loris Tjeknavorian vor. Bei Loris Tjeknavorians Violinkonzert fällt eine merkwürdige rhythmische Präsenz auf, die die harmonischen Strukturen von Anfang an begleitet. Unisono-Passagen, chromatische Finessen und Martellato-Akzente wechseln sich hier in reizvoller Weise ab. Zwischen diesen zerklüfteten klanglichen Felsblöcken entfaltet sich der zuweilen fast sphärenhaft wirkende Gesang der Violine wie von selbst. Er wird vom Orchesterbett regelrecht getragen. Zudem macht sich auch eine gewisse klangliche Nähe zum Werk Aram Chatschaturjans bemerkbar. Der exotische Hintergrund und die westliche Instrumentaltechnik gehen Hand in Hand. Das Werk von Tjeknavorian ist aber ausgesprochen tonal. Selbst die russische Volkstradition macht sich hier in reizvoller Weise bemerkbar. Loderndes Feuer beschwört der Geiger Emmanuel Tjeknavorian dabei nicht nur bei den komplizierten Doppelgriffen. Das Violinkonzert seines Vaters wurde im Studio des Hessischen Rundfunks aufgenommen, wobei der Konzertmeister Ulrich Edelmann die Streicher von der Geige aus leitet. Beim Violinkonzert d-Moll op. 47 von Jean Sibelius bleibt die dynamische Balance von Violine und Orchester stets gewahrt – und auch die rhapsodische Form der drei Sätze lässt sich hier immer gut nachvollziehen. Und der Charakter des ausgedehnten Eingangs-Allegros wird von Solist und Orchester voll erfasst und in seiner klanglichen Schönheit ausgekostet. Die drei Themen können sich hier in ihrer deutlichen Gliederung bestens entfalten. Die Schönheit des ausgesprochen melodisch musizierten Mittelsatzes stellt der Geiger Emmanuel Tjeknavorian in hervorragender Weise heraus. Tänzerisch ausgelassen und schwungvoll kommt zuletzt das vor Temperament geradezu sprühende Finale daher, das den Zuhörer durch seine unmittelbare kontrapunktische Kraft mitreisst. Der junge Geiger scheint hier ganz in seinem Element zu sein. Dass Sibelius sich bei seinem Violinkonzert thematisch auf das Soloinstrument konzentriert, wird bei dieser Einspielung mehr als einmal deutlich. Der rhapsodische Kadenzenreichtum kann sich voll entfalten. Und das charakteristische Hauptthema des Allegro moderato erblüht in heller Leuchtkraft. Auch das lyrische zweite Thema besitzt neben dem scharf umrissenen dritten Thema präzise Akzente. Emmanuel Tjeknavorian lässt Sibelius‘ romantischen Gefühlsausdruck bei der Durchführung voll aufleben. Poetisch wirkt dann der kadenzfrohe Solopart. Mit elegischer Wärme kommt bei dieser ausgezeichneten Wiedergabe der zweite Satz daher, dessen weitgespannte Melodik der Geiger Emmanuel Tjeknavorian exzellent erfasst. Der Zauber des rondoartigen Allegro-Finales mit der eindringlichen Solostimme besitzt elektrisierende Schwungkraft. Als Zugabe ist noch „Krunk“ von Komitas Vardapet (1869-1935) für Violine solo zu hören, wo der absolute Ausnahmegeiger Emmanuel Tjeknavorian seine klangsinnliche Genialität einmal mehr demonstrieren kann. Diese Aufnahme ist ein Muss für alle Sibelius-Fans. 

Alexander Walther

 

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