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Neue CD mit Ragnhild Hemsing bei Berlin Classics. Erinnerung an alte Sagen

05.12.2023 | cd

Erinnerung an alte Sagen

Neue CD mit Ragnhild Hemsing bei Berlin Classics/

rag

Die norwegische Violinistin Ragnhild Hemsing hat auf ihren drei bisherigen Alben bei Berlin Classics immer wieder alte, norwegische Traditionen einfließen lassen. Das liegt daran, dass sie nicht nur die moderne Violine spielt, sondern auch die traditionelle Hardanger Fiddle. Passend zur Vor-Weihnachtszeit taucht sie auf ihrem neuen Album „Vetra“ tief in die musikalische Tradition ihrer Heimatregion Valdres ein. Dabei ist der Winter in allen Werken das zentrale Thema. Das Wort „Vetra“ entstammt dem Dialekt, der im Valdes gesprochen wird und bedeutet Winter. Manche dieser Volksmelodien sind sehr alt. Früher wurden Melodien und vor allem Kirchenlieder immer nur von Mund zu Mund weitergegeben. Die norwegische Volkslied-Tradition hat eine sehr lange Geschichte und vieles wurde bis heute bewahrt und beliefert. Dies ist vor allem dem Komponisten und Wissenschaftler Ludvig Matthias Lindeman zu verdanken. Er lebte in Norwegen von 1812 bis 1887 und bereiste die verschiedenen Täler und Regionen – immer auf der Suche nach Mythen und Sagen.

Ragnhild Hemsing hat für ihr Album zunächst fünf traditionelle „Slatter“ aufgenommen und sich an den Aufzeichnungen von Lindeman orientiert. Bei diesen Werken spielt nicht nur die Hardanger Fiddle eine große Rolle. sondern auch das Instrument „Langeleik“, eine Art Zither. Diese wird in meisterhafter Weise von Ole und Knut Aastad Braten gespielt. Ragnhild Hemsing geht sogar noch einen Schritt weiter und improvisiert selbst ihre eigenen Ideen dazu. Diese Fähigkeit macht sie unter den modernen Violinisten und Interpreten zu einer herausragenden Ausnahme. Die Slatter thematisieren vor allem Mythen und Sagen. So spielt in „Langeberglätten“ auch wieder das Fabelwesen „Huldra“ eine Rolle. Sie erscheint meist als Frau mit Kuhschwanz. Die einzelnen Musiknummern auf dieser CD erzählen viele faszinierende Geschichten über die Volksmusik, in der sich das Innenleben der Menschen spiegelt. Aber auch die äusseren Ereignisse spielen hier eine Rolle. „Langeberglätten“ basiert auf Sagen, die an vielen Orten zu finden sind. Es geht um das Zusammentreffen von vorchristlichem Glauben mit dem sich ausbreitenden Christentum. Zusammen mit ihrem Kammermusikensemble spürt Ragnhild Hemsing hier dieser geheimnisvollen, verborgenen Welt nach. Dabei erfährt man als Zuhörer viel vom Seelenleben Norwegens.  Die Gemeindemitglieder in Bagn hatten sich zum Sonntagsgottesdienst versammelt, als sie einen wunderschönen Klang hörten, der vom Berg hinter ihrer Kirche kam. Er war so verzaubernd, dass die Menschen in der Kirche völlig vergaßen, auf Gottes Wort zu achten, obwohl sie sahen, dass es die Huldra selbst war, die sang. „I Oletjedn, i Olekinn“ ist eine der bekanntesten Melodien, die auf der „Langeleik“ in Valdres gespielt werden. Das Thema ähnelt dem des Hardanger-Fiedelliedes „Tomasklokkelatten“, das von der im See Smedalsvatnet im Filefjell verschwundenen Kirchenglocke handelt. „Ringjetosja“ bringt einen Mythos zum Ausdruck, den man als Aberglauben bezeichnen könnte. Ein riesiger Felsbrocken an der Nordseite des Vangmjosa wird sich früher oder später lösen und  herunterfallen. „Prim i dullare“ ist eine weitere „Langeleik“-Melodie, die von Ragnhild Hemsing so wunderbar intensiv musiziert wird. Es geht um ein Milchmädchen, das auf einem Bergbauernhof Käse herstellt. Der Käse gelingt schließlich. „Kome nord“ („Komm nach Norden“) ist eine Kirchenglockenmelodie. Die Dreiklangharmonie kommt bei dieser meditativen Aufnahme eindrucksvoll zum Vorschein.

Alexander Walther

 

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