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Neue CD: Cellokonzerte von Kapustin und Schnittke bei Capriccio/

08.08.2020 | cd

Neue CD: Cellokonzerte von Kapustin und Schnittke bei Capriccio/

Viele weiträumige Kantlenen

Kapustin/Schnittke: Konzerte Für Violoncello und Orchester

Das Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 op. 85 von Nikolai Kapustin wird von einer kurzen Orchestereinleitung eröffnet, wobei sofort auffällt, wie tonal und jazzorientiert diese Musik ist. Beeindruckend ist hier vor allem der schwungvolle Allegro-Satz, ein Dialog, der sich immer weiter fortsetzt. Der talentierte Cellist Eckhart Runge hat hier alle Hände voll zu tun, um den aufwühlenden Orchestermassen des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin unter der temperamentvollen Leitung von Frank Strobel etwas Robustes und Beständiges entgegenzusetzen. Sanft und traumhaft setzt dann die Melodie im zweiten Andante-Satz ein, dessen Intensität und Ausdrucksvolumen ständig zunehmen. Jazz und Improvisation haben diese Komposition deutlich geprägt, die zudem mit reizvollen dynamischen Kontrasten aufwartet. Eckhart Runge bezeichnet dieses Konzert als Weltreise, wo sich Jazztrio und Bigband quasi ergänzen.

Das Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 von Alfred Schnittke entstand als Auftragswerk der Stadt München zur Eröffnung des Gasteig-Kulturzentrums in den Jahren 1985/86 für Natalia Gutman, die es zur Uraufführung brachte. Das Werk, das Schnittke nach einem Schlaganfall komponierte, wirkt wie ein intensives Suchen nach Antworten. So kann man den harmonischen Werdegang bei dieser durchsichtigen, expressiven Interpretation präzis verfolgen. Der eröffnende Monolog wirkt ausgesprochen weiträumig – und in riesigen Intervallen lässt der Cellist Eckhart Runge dieses ungewöhnliche, aufregende Werk Revue passieren. Das Geschehen bricht plötzlich in gewaltiger Weise in sich zusammen. Im zweiten Satz dominiert dann der virtuose Dialog, der ungewöhnlich erfrischend wirkt. Das Largo hat hier etwas Ernstes und Getragenes. Wild und tänzerisch wirkt das Scherzo des dritten Satzes Allegro vivace – und im Finale entwickelt ein Dankhymnus seine monumentale Wirkung. Auffallend ist dabei der gleich zu Beginn einsetzende Morendo-Gesangs des Cellos, der von gewaltigen eruptiven Ausbrüchen des gesamten Orchesters unterbrochen wird. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der akribischen Leitung von Frank Strobel lotet die Tiefen dieser Musik mit ihren gekreuzten und zerbrochenen Harmonien und Dreiklängen konsequent aus. Auch die leisen Momente fesseln den Zuhörer. Das Orchester fächert sich dabei in geradezu erschreckender Cluster-Form auf. Glissando- und Unisono-Passagen wechseln sich mit hohen Kantilenen des Cellos ab. Manche Quart- und Quint-Aufgänge erinnern sogar an Arnold Schönberg.

Alexander Walther

 

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