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NEAPEL / Teatro San Carlo: LADY MACBETH DEL DISTRETTO DI MCENSK

16.04.2018 | Oper


Copyright. Teatro San Carlo.

NEAPEL / Teatro San Carlo:
LADY MACBETH DEL DISTRETTO DI MCENSK von Dimitri Schostakowitsch
15. April 2018
Premiere

Die Inszenierung, die Martin Kusej nun schon vor einem Dutzend Jahren in Amsterdam der „Lady Macbeth von Mzensk“ angedeihen ließ, ist von der Sorte und Qualität, die nicht alt wird – sicher eine seiner überzeugendsten Arbeiten. Das Teatro San Carlo in Neapel hat mit dieser Produktion gut eingekauft. Dass solche Übertragungen von Haus zu Haus allerdings nicht problemlos sein müssen, bekam man gleich bei der Premiere zu spüren: Das eindrucksvolle Bühnenbild von Martin Zehetgruber schaffte die Verwandlung innerhalb des zweiten Teils keinesfalls friktionsfrei, eine kurze Lichtpause zog sich, dann wurde das Publikum in eine ungeplante Pause geschickt. Nach einer halben Stunde ging’s weiter. Der Beginn nur zwölf Minuten verspätet, was für italienische Verhältnisse ein Klacks ist, dauerte der Abend – wobei einiges an Publikum zwischendurch abbröckelte – an die vier Stunden. 

Dass die „Lady“ des Schostakowitsch ein Meisterwerk ist, weiß man, dass Kusej der Mann ist, die Brutalität der Geschichte auszureizen, liegt in seiner Natur, hat aber hier absolut seine Berechtigung. Das Bühnenbild trägt viel zum Konzept bei, wenn er seine Katerina Ismailowa im ersten Teil in einen Käfig einsperrt, zu dem quasi nur ihr gierig-eifersüchtiger Schwiegervater Zutritt hat (der Liebhaber kommt dann per Leiter von oben). Dennoch hat man den Eindruck, dass die schöne Frau (anfangs ganz im blonden Monroe-Sexbomben-Look) durch diesen Käfig auch geschützt ist, sieht man, wie exzessiv Kusej den – dennoch letztendlich stilisiert geführten – Chor einsetzt. 

Wenn auf der Bühne gemordet wird, geschieht es bei Kusej mit aller ungebremster Grausamkeit, und auch seine Ausflüge in Sexszenen oder Unappetitlichkeiten sind gnadenlos. Nach der Pause, wenn sich für Katerina das Schicksal wendet (man hat eigentlich kein wirkliches Mitleid mit ihr, so bösartig hat sie zurückgeschlagen), ist der Käfig weg, die Bühne horizontal zweigeteilt, beengt durch vier breite Lichtschranken. Und wenn es dann in die Gefangenschaft geht, gibt es drei horizontale Ebenen (jene, die beim Umbau so viel Mühe machten), die unterste für die Gefangenen, die zweite für das Wachpersonal darüber, die dritte leer… Kusej arbeitet hier optisch mit symbolischen Signalen, die den Vorzug haben, dass man sie immer „lesen“ kann, scheut vor allerlei theatralen Effekten (Ehebruch bei Blitzegewitter etwa, mal fällt Regen, mal werden Fackeln geschwenkt) nicht zurück, gibt dem Werk schonungslose Dichte und lässt sich auf keine extremen, unverständlichen Umdeutungen ein (was bei ihm ja nicht immer der Fall ist).

Stärkstes Atout des Abends war der Dirigent Juraj Valcuha am Pult des San-Carlo-Orchesters, ganz auf der Höhe der Musik, ihre stellenweise schier unerträgliche Brutalität ebenso ausreizend wie die vielen Details, die (wie Filmmusik, nicht negativ gemeint) die Stimmung der Szene untermalen. Dass  die Orchesterzwischenspiele oft zu den musikalischen Höhepunkten des Abends geraten können – hier geschieht es jedenfalls.

Stärkste Stimme und Persönlichkeit des Abends war (bis zu seinem Tod kurz vor der Pause) Dmitry Ulianov als Schwiegervater, ein echt schwarzer, echt russischer Bass, der die Härte der Figur schon in der Stimme hat. Diesen Mann nicht als den „Bauern“ zu zeigen, sondern im Maßanzug hinzustellen (alle anderen in Arbeitskleidung), zeugte von seiner Macht und erzielte besonderen Effekt. Natalia Kreslina aus Riga klang durchaus wie ein Mezzo, hatte aber die Durchschlagskraft für die vielen Höhen der Rolle – auf Stimmschönheit kam es da nicht an. Glücklicherweise auch nicht bei Ladslav Elgr als oft angestrengt klingendem Liebhaber Sergej. Im übrigen begegnete man der aus Wien bekannten Carol Wilson in zwei starken Nebenrollen.

Im Vergleich zu Wien war der Schlussapplaus (ohne Kusej),  obzwar freundlich, doch nicht sonderlich begeistert. Allerdings ist diese „Lady“ wohl keine Oper, die Italiener zu besonderem Enthusiasmus hinreißt. Jedenfalls haben sie das Werk in einer sehr guten Aufführung gesehen.

Renate Wagner

P.S. Bei einer Opernpremiere in Neapel kann man lernen, was Eleganz ist: Die Damen Alta Moda, sehr viel Schwarz, absolut stilsicher auch in den Accessoires, die Herren Maßanzüge: Das ist eine Gesellschaft, die sich keine Blöße gibt, die ihren Dresscode befolgt, wo jeder jeden kennt und man zum Parkett- und Pausenkampf antritt. Für den Fremden, der da in seiner Kluft hoffnungslos abstinkt, ein Fest fürs Auge ohnegleichen. Und der Tanz der Eitelkeiten, den die picobello gekleideten Herren (tatsächlich nur Männer, zumindest, so weit ich es beobachtet habe) beim Presseschalter um die Pressedame aufführten – Pfaue unterwegs. Theater ums Theater. Richtig schön. Richtig italienisch.

 

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