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NEAPEL / Napoli Teatro Festival – 14. bis 16.7.2016

18.07.2016 | Theater

NEAPEL/ NAPOLI TEATRO FESTIVAL – am 14.,15. und 16.7.2016

 Seit diesem Jahr ist Franco Dragone, aus Kampanien gebürtig, mit sieben Jahren nach Belgien ausgewandert und in Kanada als Mitbegründer des Cirque du Soleil zu Weltruhm gekommen, neuer künstlerischer Leiter des Napoli Teatro Festival (der größten diesbezüglichen Veranstaltung in Italien).

Nicht besonders überraschend war er – nicht anders als seine Vorgänger – sofort von Anfang an der lokalen, gelegentlich sehr kleinlichen, Kritik ausgesetzt: was seine Befähigung (ein Zirkusmensch als Theaterdirektor?), seine Gage(200 000 €, allerdings seine Mitarbeiter inbegriffen), seine Anwesenheit, seine Auswahl der Produktionen, seine Auslastungszahlen usw. usf. betraf …

Für den Außenstehenden sind solche Polemiken naturgemäß schwer nachzuvollziehen, geschweige denn zu verifizieren oder zu falsifizieren.

Was ihr Berichterstatter, der das Festival seit seiner „Geburt“ kontinuierlich verfolgt, allerdings aufgrund eines soeben erfolgten stichprobenartigen Besuchs konstatieren kann, ist folgendes: noch nie seit 2008 war es ihm vergönnt, an einem einzigen Abend gleich drei vollkommen unterschiedliche, aber auf unterschiedliche Weise vollkommen gelungene Produktionen zu erleben.

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Late Night. Copyright: Festival

Den Auftakt des Marathons machte „Late Night“ der griechischen „blitztheatregroup„. Obwohl man „dank“ der wunderschönen neuen, aber leider nur erratisch verkehrenden neapolitanischen Metro leider zu spät im Teatro Bellini ankam, war man dennoch sofort von der Atmosphäre dieser Aufführung angetan. Ein seltsamer Zauber geht von ihr aus: in einem abgefackten Ballsaal geben sich drei Frauen und drei Männer dem Tanz, den Erinnerungen an eine in der Zukunft stattgefunden habenden Weltrevolution und äußerst seltsamen, ungeschickten, nahezu patscherten Zauberkunststücken hin. Ein direkter, geradliniger Sinn ist nicht auszumachen, aber die phantastischen, sich bis zur Erschöpfung verausgabenden Schauspieler/innen(die auch kollektiv die extrem witzigen und ungewöhnlichen Texte geschrieben haben) ziehen einen trotz anfänglicher Widerstände („Nicht schon wieder Le Bal!“ „Akteure, die der Reihe nach in ein Mikrophon sprechen, kann man doch nicht mehr sehen!“ „Ist das jetzt die offizielle Syriza-Propagandatruppe?“) – auch dank der einschmeichelnden Musikauswahl (von Schostakowitschs Walzer bis zu Chinawomans „Lovers are Strangers“) unausweichlich in geradezu hypnotischer Weise in ihren Bann. Großartig und eine echte Entdeckung. Schade, dass z.B die in den letzten Jahren ziemlich russlandfixierten Wiener Festwochen diese blitztheatregroup bisher auch nicht annähernd auf dem Radar hatten.

Einer ähnlichen Thematik, allerdings mit komplett anderen Mitteln, frönte das aus Chile stammende Ensemble La Re-Sentida mit ihrer Produktion, die den schönen Titel „La dictatura de lo cool“(Die Diktatur der Coolness) trug.

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Die Bobos. Copyright: Festival

Hier ist alles greller, bunter, vordergründiger, castorfiger (Videos!), aber deswegen nicht unbedingt uninteressanter. Fast würde man meinen, der Wiener Photograph, Journalist und Blogger Manfred Klimek wäre Autor des Stücks, denn so schonungslos wie er rechnet sonst niemand mit den Bobos (die in diesem Fall aus Santiago stammen) ab. Die Inszenierung begann sehr stark und fiel dann bedauernswerterweise langsam, aber sicher in blutige Banalitäten ab…Im Gegensatz zu dem gehypten lateinamerikanischen Schmarren, den man von der vorhergehenden Direktion vorgesetzt bekommen hat, war „La Dictatura“ aber fast so etwas wie ein Meisterwerk.

Schauplatzwechsel. Themenwechsel. Stilwechsel.

Im Herzen der charmant verfallenden neapolitanischen Altstadt, bei der Kirche Donnaregina Vecchia, nahe des Doms, werden um Mitternacht alle 20 Minuten Zuschauer/innen einzeln empfangen und betreut.

Das „Teatro dei Sensi Rosa Pristina“ lädt hier zu seiner jüngsten Performance „Il Vecchio Fango“(Der alte Schlamm) ein.

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Verbundene Augen. Copyright: Festival

Zuerst muss man warten. Dann wird man gefragt, ob man „semplice“(einfach), „dolce“(mild) oder „forte“(heftig) behandelt werden wolle. Dann werden einem die Augen verbunden. Und für den Rest der verbleibenden 40 Minuten ist man seinen Führerinnen vollkommen anheimgegeben,

Man sieht nichts. Aber man spürt Hände (weibliche?männliche?alte?junge?), tastet Stricke (weiche, harte,flauschige), bekommt Küsse, hört Stimmen, Geräusche, Wortfetzen, Vogelgezwitscher), atmet die verschiedensten Gerüche ein. Ist völlig orientierungslos wie ein Blinder und ausgeliefert wie ein Teilnehmer an den Orgien in Stanley Kubricks letztem Film „Eyes Wide Shut“, allerdings ohne je Angst zu verspüren, weil einem gleichzeitig immer ein Gefühl der Vertrautheit und der Geborgenheit vermittelt wird.

Dramaturgisch ist das Ganze vielleicht nicht ganz so stringent wie eine Vorläuferproduktion des Teatro Lemming mit „Edipo„(wo alles blinderweise völligen Sinn ergab). Aber total ungewöhnlich, denkwürdig und magisch ist so eine sinnliche Erfahrung allemal.

Tja, so einen dichten Abend mit den unterschiedlichsten Emotionen erlebt man jeden Tag.

Aber gerade das ist es ja, wofür Festivals eigentlich da sein sollten.

 Robert Quitta, Napoli

 

 

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