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MURER – ANATOMIE EINES PROZESSES

13.03.2018 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 16. März 2018
MURER – ANATOMIE EINES PROZESSES
Österreich / 2017
Regie: Christian Frosch
Mit: Karl Fischer, Karl Markovics, Alexander E. Fennon, Melita Jurišić, Inge Maux u.a.

Der Österreicher Franz Murer war nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion als nationalsozialistischer Verbrecher zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden, kehrte aber im Zuge des Staatsvertrages  nach Österreich heim und konnte in der heimatlichen Steiermark Haus und Hof und alle bürgerlichen Ehren wieder gewinnen. Die Empörung in Österreich war groß, als Simon Wiesenthal ihn als den so genannten „Schlächter von Wilna“ identifizierte, der 1941 bis 1943 als Lagerkommandant zahllose Morde befohlen und auch eigenhändig ausgeführt hatte. Die Republik Österreich konnte damals gar nicht anders, als Murer 1963 in Graz den Prozeß zu machen. Er wurde frei gesprochen und lebte nicht nur als freier, sondern in seiner Umwelt angesehener Mann bis zu seinem Tod 1994 in seiner Heimat.

Das ist eine offene Wunde in der Geschichte Österreichs, und 80 Jahre nach dem Anschluß eröffnet die „Diagonale“ mit dem Film „Murer – Anatomie eines Prozesses“ von Christian Frosch. Der Untertitel könnte nicht treffender sein, und die Vorgangsweise der „Anatomie“ ist es, die diesen Film so besonders macht. Denn hier nur die (in dieser stickigen Bürgerlichkeit nicht vorhandene) „Dämonie“ oder auch die „Banalität des Bösen“ auszustellen, wäre einseitig, nur den Gerichtssaal zu bedienen, würde nur ein Segment dieser komplexen Problematik aufzeichnen. Frosch ging es um das Gesamtbild, und das ist ihm faszinierend gelungen.

Natürlich mit Murer auf der Anklagebank im Zentrum – Karl Fischer schweigsam, nicht trotzig, aber unbeweglich, alle Anschuldigungen, die auf seine eigenhändigen Morde und Mordbefehle im Lager von Wilna mit Beweiskraft vorgelegt wurden, stur leugnend. Das Image eines ehrenwerten Mannes, der nicht versteht, wie man ihm so etwas unterstellen kann…

Dazu Frau (Ursula Ofner-Scribano) und Kinder, unerschütterlich an seiner Seite, empört über die Behauptung, Murer könnte etwas anderes sein als der brave, ehrenwerte Bürger – eine nicht zu erschütternde Nibelungentreue, für die sich Christian Frosch als Drehbuchautor eine grässliche und zugleich komische Schlußpointe ausgedacht hat. Wenn sie ihren frei gesprochenen Gatten ins Auto schiebt, dann möchte Frau Murer nun wirklich „die Wahrheit“ von ihm wissen – und man vermutet, dass ihr vielleicht angesichts der Aussagen tatsächlich Zweifel an der Integrität ihres Mannes gekommen sein könnten. Aber nein, sie will nur wissen, ob er wirklich in Wilna eine Freundin hatte, wie eine Zeugin behauptete…

Besonders interessant der Verteidiger Böck, eine Glanzleistung von Alexander E. Fennon: Könnte man anfangs den Eindruck gewinnen, hier werde einfach der klassisch-unsympathische Burschenschafter-Typ vorgeführt, der alle „legalen“ Tricks auspackt, um Zeugen zu verunsichern oder zu diskreditieren – da zeigt sich am Ende dessen Abscheu vor Murer und seinen Taten, die er selbst nie bezweifelt hat.

Karl Markovics ist Simon Wiesenthal, in mehreren Sprachen (das Jiddisch gelingt ihm nicht optimal), der noch jugendliche Verbrecher-Jäger, der sehr genau weiß, wie sehr ihn die österreichische Bevölkerung für seine Arbeit hasst und der versucht, im Hintergrund zu bleiben, um hier nicht die antisemitischen Emotionen noch höher kochen zu lassen, als es ohnedies schon der Fall war.

Offenbar erfunden, aber wichtig ist die Figur der Rosa Segev (souverän: Melita Jurišić) eine jüdische Journalistin für amerikanische Blätter, die hier wohl dieselbe Funktion übernehmen sollte wie Hannah Arendt im Eichmann-Prozeß: Der Blick von außen, von einer nicht in österreichischer Abwehrhaltung verharrenden, dem Prozeß gegenüber feindseligen Presse – und deren Erschütterung über alles, was sie sieht und hört (nicht nur die Aussagen, auch alles drumherum). Eine Haltung der Fassungslosigkeit, die der Kollege von der Arbeiter Zeitung teilt.

Da sind der Staatsanwalt (Roland Jaeger) und der Richter (Mathias Forberg), dieser ein ehemaliger Nazi, und im Hintergrund agiert die Politik: eine mächtige ÖVP (Franz Buchrieser als Bauernbundpräsident Josef Wallner), die mit der SPÖ mauschelt, verhandelt, Druck ausübt, um den Freispruch eines „ehrenwerten“ Mitbürgers sicher zu stellen. Dass man nebenbei dem Staatsanwalt die Fensterscheiben einwirft, hilft, den Druck zu erhöhen.

Aber der Film befasst sich auch mit den Geschworenen, wobei der Querschnitt durch das österreichische Wesen zwar typisch, aber nicht zeigefingerartig diskriminierend ist – der Film nimmt sich die Mühe, einzelne Standpunkte nachzuzeichnen (der vergebende Katholizismus, der junge Mann, der im Krieg töten musste und sich das selbst nicht vergibt).

Und da sind auch noch die zahlreichen jüdischen Zeugen (dass man sie auf Staatskosten aus Israel oder den USA hergebracht hat, ist Gegenstand österreichischer Gehässigkeit) – und immerhin schafft es Frosch, dass auch die emotionalsten, schlimmsten Aussagen (u.a. Inge Maux) nie zu irgendwelchen Peinlichkeiten ausarten. Was damals im Ghetto von Wilna vorging, zeigt, wozu Menschen, die im „normalen Leben“ wie „normale Menschen“ aussehen, in Ausnahmesituationen fähig sind, wenn man ihnen absolute Macht, absolute Willkür und absolute Straflosigkeit zugesteht… Interessant übrigens auch, dass die Spannungen der Juden untereinander durchaus nicht ausgeblendet werden.

So wirft Frosch als Drehbuchautor und Regisseur einen ganz breiten und dabei in zweieinviertel Stunden immer kinomäßig spannenden, vor allem aber ausgewogenen Blick auf das Geschehen. Die einzig würdige Art, damit umzugehen. Man muss dem Publikum die „Moral“ der Geschichte nicht vorbeten – die erzählt sich von selbst.

Renate Wagner

 

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