Münster Giuseppe Verdi „La traviata“
Premiere 13. Juni 2026 Premiere der Wiederaufnahme 27. September 2026

Copyright: Bettina Stoeß
Bekanntlich spielt in der Oper „La traviata“ von Giuseppe Verdi auf einen Text von Francesco Maria Piave nach dem ergreifenden Vorspiel mit dem einleitenden Adagio der ppp-spielenden Streicher der erste Akt auf einem Fest im Hause der Halbweltdame Violetta Valéry.
Literatur-erfahrene Regisseure ergänzen bei ihren Inszenierungen, was Komponist und Textdichter der Oper offenbar übersehen haben, nämlich, dass in der Romanvorlage „La dame aux camélias“ von Alexandre Dumas d.J, eine der ersten Szenen am Grab der Titelheldin spielt, wo der Liebhaber in der Rückschau seine Beziehung zu Violetta nacherlebt.
So ließ bereits Axel Kresin in der vorigen Inszenierung am Theater Münster im Jahre 2011 die Handlung unter einem Kreuz am Grab der verstorbenen Violetta beginnen. In die jetzige Inszenierung des österreichischen Regisseurs Georg Schütky wurde noch zusätzlich eingeführt der ebenfalls im Roman erwähnte Friedhofsgärtner, der Violettas Grab pflegt, hier dem feministischen Zeitgeist entsprechend zur Friedhofsgärtnerin Erika umgewandelt. Diese pflegte aber nicht nur ein Grab, sondern je eine ganze Wand mit eingelassenen Urnen (Kolumbarium) an jeder Seite der Bühne, eine Urne war die mit Violettas Asche. Als Sprechrolle dozierte sie, dargestellt von Irene Kugler, in eigens für diese Inszenierung verfaßten Texten der ebenfalls österreichischen Autorin Angelika Reitzer über Gartenarbeit, Vergänglichkeit und auch Frauenrechte. Das war ziemlich überflüssig und unterbrach unnötig den Gang der Handlung. Nicht erklärte Erika leider dem Opernpublikum, soweit es vorher das Programmheft nicht sorgfältig studiert hatte, die Diskrepanz zwischen der ihm vielleicht bekannten Oper und der aktuellen Umsetzung.

Copyright: Bettina Stoeß
Der erste Akt zeigte den Festsaal mit einer roten zungenartigen Installation in der Mitte für den Auftritt Violettas, diese mit ebenfalls rotem Brustpanzer und rotem Rock bekleidet. (Bühne und Kostüme Christina Schmitt). Der extrem unkonventionell kostümierte Chor schwenkte allerlei medizinische Instrumente. Als Zeichen von Violettas Krankheit (und auch der von Gärtnerin Erika) wurde über der Bühne das Röntgenbild einer kranken Lunge sichtbar.
Leider ablenkend vom Gesang fand bereits während der grossen Arie der Violetta „E strano“ (wie seltsam) der Umbau zum ersten Bild des zweiten Aktes statt. Es war eine Hütte im Walde als Rückzugsort von Violetta und Alfredo aus dem Pariser Partygewühl. Daß Dienerin Annina als Eichhörnchen und Diener Joseph als Baum kostümiert waren, mußte wohl als eine Parodie auf wirklichkeitsfremde Naturidylle gemeint sein. Als Vater Germont Violetta von der vermeintlichen Notwendigkeit des Verzichts auf Alfredo und seine Liebe überzeugt hatte, ließ Violetta das ganze Idyll in Flammen aufgehen.
Der Maskenball im Hause Floras wurde als schwarze Messe gefeiert. Als Spieltisch des Kartenspiels zwischen Alfredo und Violettas betagtem Geldgeber Baron Douphol diente ein Sarg, in den Violetta sich dann auch erwartungsgemäß legen mußte. Wie früher die Atzteken ihre Feinde behandelten, riß Alfredo ihr mit einer Hellebarde das Herz aus der Brust. Jetzt verstorben mußte Violetta den Rest ihrer Partie im zweiten und dritten Akt stehend singen.
Der letzte Akt spielte dann in einer Art Sanatorium mit den Mitwirkenden in dafür passende Kostüme aus Verdis Zeit gekleidet. Im Schlußduett sang Alfredo dann zur Urne mit Violettas Asche vom Traum der Flucht aus Paris, wobei diese stehend mit ihrem Part einstimmte. Als Schlußbild fuhr dann Gärtnerin Erika auf einem Sanatoriums-Bett in die Höhe auf , während die übrigen Bediensteten des Sanatoriums sich auf Liegestühlen ausruhten – so weit so unpassend!
Daß die Musik wehrhaft sei und mühelos über werkfremde Kühnheiten der Regie siegen würde, wußte schon der legendäre Dirigent Bruno Walter (Bruno Walter Von der Musik und vom Musizieren Beverly Hills 1955). Dazu taugte die musikalische Ausführung durchaus. Die Titelpartie gestaltete Rosha Fitzhowle dramatisch mit exakt getroffenen wenn auch manchmal etwas forcierten Spitzentönen, brillanten Koloraturen und Trillern, war aber auch in der Lage, die Stimme mit passendem Legato „cantabile“ zart zurückzunehmen. Da sei aus dem dritten Akt ihr „Addio del passato“ (ihr Abschiedsgesang von der prunkvollen Vergangenheit) hervorgehoben.

Copyright: Bettina Stoeß
Als ihr geliebter Alfredo verfügte Garrie Davislim über eine kräftige Tenorstimme, die er allerdings ziemlich undifferenziert einsetzte, Im Trinklied des ersten Aktes fehlte, was Verdi als „con grazia“ und „leggierissimo“ (möglichst leicht und spielerisch) fordert. In der grossen Arie des zweiten Aktes „de miei bollenti spiriti“ (Ach ihres Auges Zauberblick) vermisste man den Wechsel zwischen hohen Tönen im ff und dann im Gegensatz ganz plötzlich ins ppp abschwächend. Gut gelang es ihm, Wut und Verzweiflung stimmlich auszudrücken.
Als Vater Giorgo Germont konnte Johan Hyunbong Choi mit klangvollem und sicher geführten Bariton begeistern, auch mit deutlichem Staccato oder stimmungsvollem pp-legato. So wurde das Duett zwischen ihm und Violetta zu einem Höhepunkt der Aufführung.
Alle anderen Partien waren passend besetzt. Erwähnt seien noch Soyeon Lee als Flora die Veranstalterin der schwarzen Messe, in Doppelrollen Yixuan Zhu als Violettas Dienerin Annina und Eichhörnchen sowie Enrique Bernardo als Violettas Diener Joseph und Baum.
Grosses Lob gebührt Opernchor und Extrachor in der Einstudierung von Anton Tremmel. Wie verdient konnte man hören in den grossen Chorszenen des ersten und insbesondere im Schlußtableau des zweiten Aktes. Da gelang der von Verdi geforderte mehrfache abrupte Wechsel von allen acht Solisten und dem Chor zwischen ff und pp exakt und deutlich hörbar.
Letzteres ist natürlich auch der überlegenen musikalischen Leitung von Thorsten Schmid-Kapfenburg zu verdanken. Für die langsamen Tempi zu Beginn von erstem und drittem Akt nahm er sich, den Streichern und Holzbläsern genügend Zeit, konnte dann aber etwa im ersten Akt das Tempo brillant steigern. Das Sinfonieorchester Münster begleitete das Bühnengeschehen zuverlässig. Soli einzelner Bläser sollen besonders gelobt werden.
Das Publikum im trotz der Popularität dieser Oper nicht ausverkauften Theater spendete wenig Zwischenapplaus. Beim Schluß gab es dann vereinzelte Bravo-Rufe besonders für Violetta, Vater Germont und den Dirigenten samt Orchester.
Alle Fotos Bettina Stöß
Sigi Brockmann 29. September 2026

